Presse

"Wo zum Teufel sind all die anderen?"
(Süddeutsche Zeitung, Stuttgart, 11.03.202011)


von Gunnar Herrmann

Der schwedische Fußballprofi Anton Hysén erhält auf sein Coming-Out überwiegend positive Reaktionen. Die zentrale Frage des 20-Jährigen jedoch bleibt: Warum traut sich sonst niemand?

Er wolle beweisen, dass "das keine große Sache sein muss", hat Anton Hysén erklärt, bevor er dem Fußballmagazin Offside in einem Interview sagte: "Ich bin Fußballer, und ich bin schwul." Seitdem kann sich der 20-jährige Mittelfeldspieler des schwedischen Viertligisten Utsiktens BK vor Interviewanfragen kaum retten. Die Kamerateams gaben sich in den vergangenen Tagen im Vereinsheim in Göteborg die Klinke in die Hand, sogar die britische BBC war da. Denn am Ende, so viel steht fest, wurde es eben doch eine große Sache.

Das liegt zum einen sicher daran, dass Hysén der bekanntesten schwedischen Fußballdynastie angehört - sein Vater Glenn war unter anderem einmal Mannschaftskapitän beim FC Liverpool, sein Bruder Tobias kickt für die Nationalmannschaft. Doch ein weiterer, trauriger Grund für den Rummel ist wohl, dass Hysén so ganz alleine dasteht: Kein anderer europäischer Fußballprofi bekennt sich derzeit offen zu seiner Homosexualität. "Wo zum Teufel sind all die anderen?", fragte Hysén dann auch im Interview. "Das ist doch krank, wenn man einmal darüber nachdenkt."

Die Frage nach "den anderen" wird nicht nur in Schweden immer wieder gestellt. Geht man vom Anteil Homosexueller an der Gesamtbevölkerung aus, dann müsste eigentlich von elf Kickern mindestens einer schwul sein. Trotzdem wagte vor Hysén bislang nur ein einziger europäischer Profi das Coming-Out während seiner aktiven Laufbahn: der Engländer Justin Fashanu. Homosexualität gilt im Männerfußball eben als Problemthema. So erschienen schon mehrmals Berichte über anonyme Bundesligaspieler, die ihre homosexuelle Neigung aus Angst vor Fans und Teamkollegen geheim halten.

Allerdings gibt es in jüngster Zeit in Deutschland und anderswo auch immer wieder Versuche, dieses Homo-Tabu auf dem Spielfeld zu brechen. Nationaltorwart Manuel Neuer etwa sagte erst vor einigen Wochen in der Zeitschrift Bunte: "Wer schwul ist, sollte sich outen. Da fällt doch eine Last ab. Auch die Fans werden sich schnell daran gewöhnen."

In Schweden waren die Reaktionen auf Hyséns Bekenntnis nun tatsächlich überwiegend positiv. Von den Leitartiklern der großen Zeitungen wurde der 20-Jährige umgehend zum Helden erklärt. Und auch die Fußballwelt sparte nicht mit Lob. Es wirkte fast so, als seien viele richtig froh über die Gelegenheit, endlich einmal beweisen zu können, dass Fußball nicht nur von zurückgebliebenen Machos gespielt wird, die in schweißgeschwängerten Männerrunden Witze über Minderheiten reißen.

"Höhlenmenschen gibt es überall", schrieb etwa Johan Orrenius, Sportkolumnist des Boulevardblattes Expressen, aber diese Leute seien nicht in der Mehrheit. Die meisten Menschen seien doch "tolerant und einigermaßen aufgeklärt. Auch in einem Umkleideraum".

"Gut gemacht, Junge"

An die Spitze der Gratulanten stellte sich nach dem Coming-Out Antons Vater Glenn Hysén, dessen Name in Schweden meist mit dem Zusatz "Fußballlegende" versehen wird und der auch als Sportkommentator bekannt ist. "Ich bin mächtig stolz. Gut gemacht, Junge!", sagte Papa Hysén im Fernsehen. Er hoffe, dass sein Sohn ein Vorbild für andere sein werde. "Beim Frauenfußball gibt es doch auch offen homosexuelle Spielerinnen - wo ist der Unterschied?", urteilte er. "Wir leben schließlich nicht mehr im 19. Jahrhundert."

Glenn Hysén hatte schon vor ein paar Jahren Schlagzeilen gemacht, als er beim Pride-Festival in Stockholm auftrat und dort vom Fußball mehr Offenheit gegenüber Homosexuellen forderte. "Wie einfach ist es eigentlich für einen 16-Jährigen, seinen Mannschaftskameraden zu sagen, dass er schwul ist?", sagte er damals. Man hielt das für eine rhetorische Frage.

Erst jetzt wurde klar, dass Hysén dabei an seinen eigenen Sohn dachte. "Ich wollte ihm damit zeigen, dass es für mich okay ist", erklärte er nun. Ganz ohne Anfeindungen ging die Sache dann aber auch in Schweden nicht ab: Eine Sportwebseite musste am Donnerstag die Kommentarfunktion unter dem Artikel über Anton Hysén sperren, weil die Kommentare der Nutzer gar zu schwulenfeindlich wurden.

Anton Hysén galt als vielversprechendes Talent, hat aber mit Verletzungen zu kämpfen. Utsiktens BK und die Division2, Schwedens vierte Liga, sollten eine Etappe sein. Zuvor stand er einige Jahre für den Göteborger Verein BK Häcken in der ersten und zweiten Liga auf dem Platz.

Nun rechnet der Mittelfeldspieler selbst damit, dass sein Coming-Out sich negativ auf die Karriere auswirken könnte. "Ja, das glaube ich", sagte er Offside. "Es gibt Leute, die mit Homosexuellen nicht klar kommen." Keine Angst hat der 20-Jährige dagegen vor dem Spott von Mitspielern und gegnerischen Fans: "Die Leute dürfen mich nennen wie sie wollen. Das wird mich nur noch mehr auf Zack bringen."