Presse

"Schwule Bundesliga-Fussballer führen Scheinehen"
(Basler Zeitung, Basel, 08.11.2010)


von Thomas Niggl

Die Kultur-Wissenschaftlerin Dr. Tatjana Eggeling forscht zum Thema «Homosexualität im Profisport». Am Samstag war sie Gast im Sportstudio des ZDF und überraschte mit ihrer These 2,08 Millionen Zuschauer.

Seit dem Suizid des deutschen Nationaltorhüters Robert Enke werden die Tabu-Themen des Fussballs mehr denn je diskutiert: Es geht um Depressionen und Homosexualität. 2,08 Millionen Zuschauer wurden beim ZDF-Sportstudio am Samstagabend mit dem Thema Homosexualität konfrontiert. Die 46-jährige Kultur-Wissenschaftlerin forscht seit sechs Jahren zum Thema Homosexualität im Profisport und berät schwule Fussballer. Die Wissenschaftlerin der Universität von Göttingen behauptet, dass einige schwule Fussballer nur vorgetäuschte Hetero-Partnerschaften eingehen, um ihre Neigungen vor Mannschaftskollegen und der Öffentlichkeit zu verbergen.

«Ich weiss, dass Scheinehen geführt werden. Auch im deutschen Fussball und in der Bundesliga.» Namen nannte sie keine. Sie sprach dafür von geheimnisvollen Vermittlungs-Agenturen. «Ich weiss ganz sicher aus der italienischen Liga, dass es regelrechte Agenturen gibt, die Spielern Ehefrauen oder Frauen als Begleitung vermitteln.»

Bisher hat sich kein Bundesliga-Star als Homosexueller geoutet

Offenbar gibt es das nicht nur in Italien. Es kursieren seit längerem Gerüchte, dass eine solche Agentur auch in Holland existiert, über die an deutsche Spieler Scheinpartnerinnen vermittelt werden. Angeblich mit festen Verträgen, die alles regeln. Danach führen die Frauen nach aussen hin eine normale Beziehung mit dem Spieler, müssen sich bei offiziellen Anlässen wie zum Beispiel die Weihnachtsfeier des Klubs mit ihm zeigen. Sie dürfen sonst aber diskret ihr eigenes Liebesleben führen. Konkrete Beweise für solche Agenturen gibt es bisher keine. Bisher hat sich auch kein Bundesliga-Star geoutet.

Deutschland hat einen schwulen Aussenminister und einen schwulen Bürgermeister in der Hauptstadt. «Welt Online» fragte Eggeling, weshalb sich der Fussball mit diesem Thema so schwer tue. «Weil es eine klassische Männersportart ist», antwortet die Wissenschaftlerin. Das Fussballstadion sei das letzten Reservat echter Männlichkeit. Dort könnten Männer noch richtig Mann sein, wenn sie wollten.

«Es wird alles benutzt, um den Gegner zu schmähen»

«Mit allen affektiven Äusserungen, die sonst gesellschaftlich sanktioniert sind. Wo darf man sonst noch schreien und sogar weinen als Mann?», fragt Eggeling. Wenn sich ein Mann auf die Strasse stelle und weine, weil ihn seine Freundin verlassen habe, werde er schräg angeschaut. «Steigt sein Verein ab, kann er sich im Stadion seiner Trauer ganz hingeben», sagt sie. Das sei ein wichtiges Ventil.

«Welt Online» räumt ein, wegen eines Abstiegs zu weinen sei etwas anderes als zu brüllen: «Du schwule Sau.» Eggeling erklärt dazu: «Der Fussball hat eine hohe Emotionalität. Es geht um Gegnerschaft, um Konkurrenz. Da wird alles benutzt, um den Gegner zu schmähen und ihn herabzusetzen. Die regionale und soziale Herkunft, körperliche Schwächen», sagt Eggeling. Sie erinnert an den WM-Final 2006 zwischen Italien und Frankreich in Berlin. «Da hat der Gegenspieler von Zinedine Zidane dessen Familie so beleidigt, dass er ihn per Kopfstoss niederstreckte. »