Presse

"Homosexualität und Fußball: Vor dem letzten Tor"
(Cicero, Berlin, 11/2010)


von Wolfram Eilenberger

Die Verbreitung von Gerüchten über die mögliche Homosexualität dieses oder jenes Fußballspielers ist in den vergangenen Jahren zu einer Art Volkssport geworden. Doch noch immer traut sich kein Profi, öffentlich zu bekennen, dass er schwul ist. Über eines der letzten Tabus.

Es ist unstrittig, dass es schwule Fußballprofis gibt. Genauso unstrittig aber ist es, dass sich bislang noch kein Aktiver offen zu seiner Homosexualität bekannt hat. In Film wie Fernsehen, Pop wie Politik ist das Tor der Akzeptanz schon lange durchschritten. Leicht war es nicht. Es erforderte Jahrzehnte an Mut, Stärke und Konfrontationswillen. Das Thema „Homosexualität im Fußball“ aber darf als eines der letzten Tabus unserer Mediengesellschaft gelten. Dabei herrscht kein Mangel an Gerüchten zur Existenz einzelner, gar einiger schwuler Spieler oder Trainer im Kader der deutschen Nationalmannschaft. Seit Jahren schwirren sie höchst lebendig durch die Redaktionsräume und Umkleidekabinen der Republik. Unwiderstehlich der Kitzel, unleugbar die Relevanz.

Zu Recht. Schließlich will kaum ein Achtjähriger Außenminister werden, eine gefühlte Mehrheit deutscher Grundschüler aber aus tiefstem Herzen Nationalspieler. Die männliche Identität ist in erster Linie sozial konstruiert und nicht eine von Geburt an vorgefundene natürliche Tatsache. Und kein Betätigungsfeld trägt stärker zur Konstruktion eben dieser Identität bei als der Fußball. Ein Junge, der nicht gerne auf dem Platz steht, unterliegt in der Regel schon ab der dritten Klasse dem konkret geäußerten Schwulenverdacht. Fußball ist gleich Mann. Eine Fußballaversion ist gleich Nichtmann ist gleich schwul. Die Gleichsetzung ist auf eine so ordinäre Weise einleuchtend, dass sich ihre Geltung über Jahrzehnte nahezu ungebrochen in den Stadien, Kantinen und Mensen unseres Landes gehalten und bis heute kaum etwas von ihrer Dominanz eingebüßt hat. Das Leid und die Selbstverleugnung, die sie bei den Betroffenen tagtäglich erzeugt, dürften jeden behaupteten gesellschaftlichen Positiveffekt des Fußballsports leicht in den Schatten stellen.

Man kann also vieles behaupten, nur nicht, dass es sich bei dem Thema „schwule Fußballprofis“ um eine Angelegenheit von lediglich boulevardeskem Interesse handelt. Genauso wenig wie sich behaupten lässt, das Sexualleben unserer Ballkünstler sei schlicht Privatsache. Dafür kämpfen einfach zu viele „Spielerfrauen“, nicht selten unter ausdrücklicher Billigung des werten Gatten, mit vollem Körpereinsatz um einen Platz in den Klatschspalten der Republik. Vorbilder bilden – auch sexuell. Wenn sich ein werbebereiter Fußballer minderjährige Prostituierte wie Pizza aufs Zimmer bestellt, führt dies im Profigeschäft allenfalls zu öffentlichen Solidaritätsadressen. Im Einzelfall nützt es diesem Profi gar zur Festigung seiner potenzbasierten Werbemarke. Offenbar gestattet das Milieu also Sex in fast jeder Form – nur eben nicht mit Männern.

Im Deutsch des gemeinen Fußballfans funktioniert das Wort „schwul“ weiterhin als ein Synonym für alles, was nicht so ist, wie es sein soll: den „schwulen Pass“ oder das „schwule Auswärtstrikot“, insbesondere aber für die „schwulen Säue“, wie die Gegner oder die Herren Schiedsrichter fast schon automatisch genannt werden. Das Phänomen ist so global wie der Fußball selbst, Homophobie ein inhärenter Teil des Spieles und seiner Kultur.

Für schwule Fußballprofis gibt es also geradezu überlebensnahe Gründe, den heterosexuellen Schein zu wahren, meist in der Form voll entfalteter Doppelleben mit Ehe, Kindern und allem Pipapo. Es ist nur allzu verständlich. Selbst im Jahr 2010 bedürften diese Menschen eines wahrhaft übermenschlichen Mutes, um sich zu ihren sexuellen Vorlieben zu bekennen. Insofern so etwas überhaupt denkbar ist, wäre dafür eine beispiellose Stärke unabdingbar, charakterlich wie auch sportlich. Und wenn überhaupt, wäre ein wie auch immer geartetes Outing allenfalls im Verbund möglich, gedeckt und unterstützt von einer ganzen Mannschaft.

Das weltweite Ansehen der deutschen Nationalmannschaft hat mit der WM 2010 einen neuen Höhepunkt erreicht. Ihr Spiel gilt unter Fans wie Experten als der Fußball der Zukunft. Ihre Ausstrahlung ist jugendlich und multikulturell, offen, tolerant und lebensfroh. Deutschland, wie es sein soll. Was geschähe also, wenn sich, nur einmal als Szenario, Leitgesichter dieser Mannschaft offen zu ihrer Homosexualität bekennen würden? Welche Dynamik geriete damit in Gang? Welche Auswirkungen hätte dies auf den Fußball und sein Umfeld?

Malen wir es nicht zu rosig aus. Gewiss, die sogenannten Medien würden den Helden zunächst zur Seite stehen: Bravo! Endlich! Doch ebenso wahrscheinlich ist es, dass sich die jeweiligen Spieler auf Auswärtsspielen übel verhöhnen lassen müssten und die Mannschaft im Ausland generell vom Stadion als „Schwulentruppe“ begrüßt würde. Bei Leistungstiefs und Krisen stünde sofort „der Lebenswandel“ zur Diskussion, im Fall eines schwulen Trainers die Frage nach der nötigen Durchsetzungskraft, nach Härte und Rückhalt in der Truppe. Engagements im nichtskandinavischen Ausland wären, nach Lage der Dinge, so gut wie ausgeschlossen.

Doch wie lange würden derartige Diskriminierungen von DFB, UEFA oder FIFA geduldet werden? Die konzentrierten Verbandsaktionen im Bereich Rassismusbekämpfung waren wirkungsvoll. Lauthalse Beschimpfungen als „Scheißneger“ oder „Kanake“ – in meiner Jugend noch gut gelaunte Stehplatzregel – sind weitgehend verstummt. Nicht zuletzt, weil heute jedes Team vollends international besetzt ist. Aber auch schwule Profis, das lässt die Statistik erahnen, sind in jedem Team zu finden. Genauso wie schwule Stehplatzfans. Wäre das Schweigetabu einmal wirksam gebrochen, bliebe die Entwicklung hin zu einer schamfreien Akzeptanz durchaus vorstellbar. Dies gilt auch für die Schulhöfe und Bolzplätze, also für das gesellschaftlich eigentlich relevante Hin und Her des täglichen Kampfes um Selbstfindung und Anerkennung. Was könnte es im Bewusstsein eines Neunjährigen auslösen zu erfahren, sein Männeridol – der Mann, dessen Trikot er seit Jahren voller Stolz am Leibe trägt – sei homosexuell? Ist es absurd, hier von der Chance eines nachhaltigen Bewusstseinswandels zu sprechen, der das Leben von Millionen jugendlichen Menschen ganz unmittelbar, ganz konkret prägen würde?

Eine derart geschlossene Mannschaftsleistung, einmal gewagt, überstiege, sportgeschichtlich gesehen, jeden denkbaren Titelgewinn. Sie wäre nichts weniger als ein Ereignis von globaler Prägkraft. Doch wie gesagt: Nötig wäre dafür ein Ausmaß an Mut und Selbstüberwindung, das weit über das hinausgeht, was man zurzeit erwarten, ja erhoffen kann. Andererseits: Menschenunmöglich ist es nicht. Das Tor ist so offen wie niemals zuvor. Wer weiß, wie lange noch.