Presse

"Nichts am Torjubel darf zärtlich wirken"
(Die Welt, Berlin, 26.03.2010)


von Till-Reimer Stoldt

Aljoscha Pause hat Dokumentarfilme über Fußball und Gesellschaft gedreht. Zwei davon behandeln das Thema Homosexualität. Dafür bekommt der 38-Jährige den Adolf-Grimme-Preis. Mit WELT ONLINE sprach er über die Nöte homosexueller Spieler – und rät von einem Outing derzeit ab.



Unter 485 deutschen Profifußballern gibt es offiziell keinen Schwulen. Wie viele gibt es?

Schätzungen zufolge sind es knapp zehn Prozent, etwas weniger als im Bevölkerungsdurchschnitt. Aber das ist grob vermutet. Die Spieler hüten ihre sexuelle Identität ja wie ein Geheimnis.

Wie konnten Sie dann Kontakt aufnehmen?

Mithilfe von Vertrauenspersonen wie zum Beispiel Marie Karsten, der ersten transsexuellen Schiedsrichterin der Republik, über die ich indirekt einen Profifußballer interviewen konnte.

Wussten Sie, mit wem Sie sprachen?

Ja, Namen werde ich aber nicht preisgeben. Ich wollte niemanden outen und keinen Voyeurismus bedienen.

Dennoch befriedigen Sie zumindest Neugier.

Aber nicht um ihrer selbst willen. Es ging mir darum, auf Diskriminierung und dadurch ausgelöste Nöte hinzuweisen. Der Profifußball ist ein letzter Hort archaischer Männlichkeit, in dem Diskriminierung noch deutlich verbreiteter ist. Das gilt für Homophobie genauso wie für Sexismus oder Rassismus.

Welche Nöte haben die Spieler?

Es ist sehr anstrengend, sich pausenlos zu verstellen. Während der zehn bis 15 Jahre einer Karriere muss ein schwuler Spieler gegenüber Mannschaft und Öffentlichkeit konstant verheimlichen, wofür sein Herz schlägt.

Wie sieht das konkret aus?

Die Verstellung reicht bis in die kleinsten Gesten hinein. Der Händedruck darf nicht weich sein, aber selbst beim spontanen Jubel, wenn die Kicker sich umarmen oder aufeinander liegen, darf nichts zärtlich wirken.

Erkennt man am zärtlichen Auftritt den schwulen Fußballer?

Nein, homosexuelle Fußballer findet man gerade nicht unter den sanften und zarten, sondern unter denen, die besonders hart auftreten und in die Zweikämpfe gehen. Die beschimpfen einen Gegner schon mal als „schwule Sau“. Tarnung ist da alles.

Welche Folgen hat solch ein permanentes Theater?

Es kann sich wie eine schwere Last über das ganze Leben legen. Das bestätigte mir auch ein Sportpsychologe der Universität Vechta, der seit 15 Jahren schwule Profis berät. Er berichtet von Depressionen, Selbstvertrauenseinbrüchen und der allgegenwärtigen Angst, dass „es“ rauskommen könnte.

Sind die deutschen Fans so intolerant, dass man sie fürchten muss?

In unseren Fan-Umfragen zeigte sich die Mehrheit tolerant, trotzdem gab es mehr negative Stimmen als erwartet. Das war teilweise recht mittelalterlich.

Dabei gibt es schwule Fanklubs, die durch die Stadien reisen.

Aber nur in bestimmte Stadien, Rostock oder Cottbus wären ihnen zu gefährlich. Außerdem sind Fans auch andernorts gnadenlos. Als Werder-Torwart Tim Wiese einmal im rosa Trikot auflief, wurde er massiv angepöbelt. Und auch mancher Profispieler sagt offen, er wolle mit einem Schwulen nicht unter einer Dusche stehen.

Genau dort befinden sich die Fußballer aber nach jedem Spiel.

Eben. Sogar Christoph Daum warnte in meinem Film, mehr Liberalität für Schwule würde die Gefahr der Pädophilie im Fußball erhöhen. Da wurden Homosexuelle und Straftäter fast gleichgesetzt. Wahnwitzig!

Raten Sie schwulen Fußballern zum Outing?

Gegenwärtig eher nein.

DFB-Präsident Zwanziger appelliert an Outingwillige, man möge sich an ihn wenden.

Theo Zwanziger hat sehr glaubwürdig zum Kampf gegen Homophobie geblasen. Andererseits hat er in der Affäre um den Schiedsrichter-Sprecher Manfred Amerell zu früh den homosexuellen Hintergrund des Beziehungsstreits bekannt gemacht. Welchen schwulen Spieler soll das ermutigen?

Ein Medienorkan wäre gewiss.

Einige Experten empfehlen deshalb ein Gruppenouting. Viele Spieler fragen sich aber: Warum soll ich das auf mich nehmen und den Märtyrer spielen? Wenn ein Kicker zehn bis 15 Jahre die Zähne zusammenbeißt und sich verleugnet, hat er ausgesorgt. Ob er als bekennender Schwuler weiterspielen könnte, ist dagegen ungewiss.

Er wäre von der permanenten Selbstverleugnung befreit.

Etliche schwule Spieler sind verheiratet, manche sind sogar Väter. Soll man Frau und Kinder mit einem Outing vor den Kopf stoßen? Da geht es ja um Rücksicht auf Dritte. Aber trotz alledem: Irgendwann werden Bundesligaspieler bekennen: Ich bin schwul – und die Öffentlichkeit wird sagen: ja und?