Presse

"Der Fall Amerell: Im Strafraum"
(Der Tagesspiegel, Berlin, 04.03.2010)


von Frank Bachner

Sie haben geschwiegen aus Angst um ihre Karriere – behaupten vier Schiedsrichter des DFB. Und werfen jetzt ihrem Kollegen Manfred Amerell vor, sie sexuell belästigt zu haben. Der zieht gegen diese Vorwürfe heute vor Gericht. Aber der Fall ist längst eine öffentliche Schlammschlacht geworden.

Michael Kempter streicht sich nicht bloß Gel auf den Kopf. Er fingert seine Haare kunstvoll zu einem flachen Dreieck. Am Ende sieht seine Frisur aus wie ein sanft ansteigender Bergkamm, der im Sonnenlicht glänzt. Eine modische Frisur, sie fällt auf.

Mit dieser Frisur geht der Fußball-Schiedsrichter Kempter auch auf den Platz. Er ist 27, seine Gesichtszüge sind weich, er wirkt jünger, er sieht zwischen einigen Spielern eher aus, als suchte er in der Tanzschule eine Partnerin. Aber die Spieler spüren schnell die enorme Autorität, die Kempter ausstrahlt, eine Selbstsicherheit, die ihn in Rekordgeschwindigkeit ganz nach oben geführt hat.

Mit 23 schon in der Bundesliga, der jüngste Schiedsrichter, den es dort je gab. Seit Dezember 2009 auch auf der Einsatzliste des Weltverbands Fifa. Selbstverständlich auch dort der jüngste deutsche Schiedsrichter aller Zeiten. Das ist der eine Michael Kempter.

Der andere, der Mensch Kempter, tippte im Januar in sein Handy die SMS: „Wieso machen wir alles kaputt? Komm doch ohne dich auch nicht klar. Micha.“ Schreibt so ein Opfer an seinen Täter? Fragt so jemand, der sexuell belästigt wurde? Oder ist das ein verzweifelter Versuch, das Schlimmste zu verhüten? Weil man dem anderen viel zu verdanken hat?

Die Hoffnung auf Antworten treiben heute Dutzende Journalisten in den größten Sitzungssaal des Landgerichts München I. Dort wehrt sich Manfred Amerell. Er wehrt sich gegen die Behauptung, dass er Kempter bedrängt haben soll und dass er seine Macht missbraucht habe. An ihn ging die SMS. Bis Mitte Februar war Amerell im Schiedsrichter-Ausschuss des Deutschen Fußball-Bunds (DFB). Er hatte Einfluss darauf, wer die Spiele der Regionalliga und der Ersten Bundesligaspiele pfeift. Es ist die Nahtstelle zum Einstieg in den Profifußball. Amerell konnte Karrieren fördern und bremsen.

Kempter hat er gefördert, zu Recht, sagen alle Experten. Aber dafür habe er körperliche Nähe gefordert, behauptet Kempter. Er wandte sich im Dezember 2009 an den DFB, der drängte Amerell zum Rücktritt. „Wer Macht hat, darf so etwas nicht zulassen“, sagte DFB-Präsident Theo Zwanziger. „Es ist egal, ob die Beziehung freiwillig oder erzwungen ist.“ Amerell gibt eine „intensive persönliche Beziehung zu“, aber Belästigung oder Machtmissbrauch bestreitet er. Deshalb zog er vor Gericht. Die Richter sollen dem DFB untersagen, die Vorwürfe zu wiederholen.

Amerells Gesicht ähnelt einem Granitblock, in den man ein paar Konturen geschlagen hat. Er ist 63, seine Augen liegen tief in den Höhlen, er hat etwas Cäsarenhaftes. Der Hotelbesitzer aus Augsburg kann sehr derb bayerisch reden, Kollegen beschreiben ihn als cholerisch. Schon vorstellbar, dass er einschüchtern kann. Kempter sagt, er habe Angst um seine Karriere gehabt, deshalb habe er geschwiegen. Inzwischen behaupten auch drei andere Schiedsrichter, sie seien sexuell belästigt worden von Amerell. Alle sagen, sie hätten wegen der Karriere geschwiegen.

Es geht bei dieser Geschichte um Macht und möglichen Machtmissbrauch, um die Frage der sexuellen Belästigung. Es geht eigentlich nicht um sexuelle Neigungen. Niemanden geht es an, wie Kempter und Amerell empfinden.

Aber diese Geschichte spielt auch im Fußball, in der populärsten deutschen Sportart. Schon deshalb ist die Aufregung groß. Fußball, das ist auch eine Männerbastion. Dort legt der Stammtisch die moralischen Regeln fest. Und dort gilt Homosexualität als Tabu, jedenfalls im kernigen Männerfußball.

Es geht um Gefühle, um Wahrnehmung. Je mehr Details an die Öffentlichkeit dringen, umso mehr verschwimmt für viele Fans die Trennschärfe zwischen sexueller Belästigung und dem Umstand, dass zwei Männer eine enge persönliche Beziehung zueinander hatten. Denn Kempter beschrieb in „Bild“ in allen Einzelheiten die angebliche sexuelle Belästigung. Am Ende kam die Frage: „Sind sie schwul?“ Es geht keinen etwas an, es spielt für den Vorwurf keine Rolle, Kempter hätte sagen können, das ist Privatsache. Aber er antwortete: „Nein.“

Nein? Amerells Anwalt Jürgen Langer sagt bloß: „Wer immer Herrn Kempter beraten hat, er hat ihn ins offene Messer laufen lassen.“ Man darf das als Drohung verstehen. Kempters Glaubwürdigkeit wäre erschüttert, wenn er in diesem Punkt gelogen hätte. Es ist jetzt schon eine Schlammschlacht, sie würde noch schmutziger, wenn Kempter als Lügner dastünde. Die Antwort gibt es vielleicht heute im Landgericht I.

Und Teile dieses Schlamms haben wohl schon jetzt Unbeteiligte getroffen.

„Ein paar homosexuelle Fußballprofis fühlen sich durch diese Affäre bestimmt abgeschreckt, die werden sich erst mal hüten, über ein Outing weiter nachzudenken“, sagt Tatjana Eggeling. Sie sitzt am Tisch ihrer kleinen Küche, der Kühlschrank ist zugepflastert mit Magnet-Aufklebern, an der Wand hängt ein Plakat der „Gay Games Sydney 2002“. Sie ist dort mitgelaufen, als Leichtathletin über 5000 und 10 000 Meter. Wenn sie aus dem Fenster blickt, sieht sie einen Hinterhof in Berlin-Tempelhof. Tatjana Eggeling ist eine hagere Frau, die in einer Stunde sechs Zigaretten dreht und seit acht Jahren über „Homosexualität und Fußball“ forscht. Eine Kulturwissenschaftlerin, die als Jugendliche gerudert ist. Dass sie lesbische Gefühle hatte, sagte sie keinem. „Vielleicht auch, weil ich mir noch nicht ganz sicher war.“

Sie hat Einblick in die Welt der schwulen Fußballer aller Leistungsebenen, sie kennt die Geschichten über Leidensdruck und Versteckspielen. Die Probleme, sagt sie, haben nichts mit der Spielklasse zu tun.

„Schwule Fußballer“, sagt sie, „beschäftigen sich vor allem mit der Frage: Wie gehe ich mit meinen seelischen Leiden um?“ Der Fall Kempter/Amerell berühre diese Spieler erst mal nicht. Eng betrachtet. „Aber die Frage ist jetzt, wie das Ganze medial beschrieben ...“ Sie unterbricht sich und lächelt dünn, „besser: ausgeschlachtet wird. Noch ist die Tür nicht zugefallen.“ Sollten aber Homosexualität und sexuelle Belästigung vermischt werden, dann würden sie sich noch mehr zurückziehen, die Fußballer. Die Profis unter ihnen sowieso.

Die 45-Jährige hatte vor einem Jahr zwei Profis aus der Ersten Bundesliga am Telefon. Anonym. Eggeling ist in der Szene bekannt, sie gilt als Anlaufstelle, die Rat gibt und Vertrauen schafft.

„Sie haben einen Weg gesucht, wie sie ihren Leidensdruck verringern können“, sagt Tatjana Eggeling. „Schwule Fußballer leben unter einem immensen Druck, weil sie sich nicht offenbaren dürfen. Irgendwann wird es unmenschlich.“

Wie könnten sie sich entlasten?

Das, sagt Eggeling und zieht an ihrer dünnen Zigarette, sei die entscheidende Frage. „Sie bemühen sich extrem, als heterosexuell zu gelten. Das bindet unwahrscheinlich viel Energie. Die Profis erzählten von Verletzungen, die sie sich holen, weil sie sich nicht so gut aufs Spiel konzentrieren können.“

Alles ist sorgsam aufgebaute Fassade. Es gibt Hostessen, die für einen Galaabend gebucht werden, damit ein schwuler Profi nicht auffällt. Es gibt Profis, die ihre Gegenspieler besonders hart attackieren, um als echte Männer zu gelten. „Für diese Menschen geht es um die Frage: Wie schaffe ich es, mich 24 Stunden am Tag zu verstellen, ohne kaputtzugehen?“ Kann ja sein, dass Kempter gelogen hat, kann ja sein, dass er doch homosexuell ist. Dann hätte Tatjana Eggeling auch Verständnis: „Das würde doch nur zeigen, dass man über das Thema Homosexualität nicht reden darf, wenn man im Männerfußball auftritt.“ Die Profis, die angerufen haben, sind wieder abgetaucht. Sie hat seither nichts mehr von ihnen gehört.

Und was wäre, wenn sie sich outeten?

„Dann“, sagt Tatjana Eggeling, „dann könnten sie von den eigenen Fans ausgelacht und von denen des Gegners geschmäht werden.“ Dann könnte der Berater jammern: „Jetzt kann ich dich nicht mehr nach Südeuropa verkaufen.“ Dann könnte ihr Marktwert sinken. Dann treffen sie auf Spieler wie den italienischen Profi Nicola Legrottaglie von Juventus Turin, der sagte: „Schwulsein ist Sünde.“ Der einzige Profi, der sich während seiner Karriere outete, war 1990 der Engländer Justin Fashanu. Da hatte er seine Glanzzeiten schon hinter sich. Auf dem Platz und von den Rängen wurde Fashanu, Sohn eines nigerianischen Rechtsanwalts, nun beleidigt. 1998 nahm er sich das Leben, nachdem ein 17-Jähriger behauptet hatte, von Fashanu vergewaltigt worden zu sein.

Zwischen dem Leidensdruck der Spieler und dem der Schiedsrichter gibt es keinen großen Unterschied. Ein Schiedsrichter beendete dieses Versteckspiel. John Blankenstein war ein schlanker Mann mit blonden Haaren und buschigen Augenbrauen. Lange Zeit gab es in Holland keinen renommierteren Schiedsrichter als ihn. Blankenstein pfiff Europapokal- und Länderspiele. Er outete sich in den 80er Jahren als schwul; bis jetzt ist er der einzige Spitzen-Schiedsrichter, der sich offen zu seiner Homosexualität bekannt hat. Aber Blankenstein hegte stets den Verdacht, dass er deshalb vom Weltverband Fifa nicht zur WM 1990 nominiert wurde. In Holland engagierte sich Blankenstein in der homosexuellen Sportbewegung, jahrelang hatte er eine eigene Talkshow. Er starb 2008 mit 57 Jahren.

Es gibt inzwischen Risse im wertkonservativen Weltbild der Funktionäre. In England verhängen Klubs Geldstrafen für homophobe Beschimpfungen, der Deutsche Fußball-Bund verteilte bei einem Länderspiel in Hamburg im Herbst 2009 tausende Flyer. Ihre Botschaft: Homosexuelle dürfen nicht ausgegrenzt werden. DFB-Präsident Zwanziger traf sich demonstrativ mit Mitgliedern schwul-lesbischer Fanclubs. Erwin Staudt, der Präsident des VfB Stuttgart, eröffnete 2009 den Christopher Street Day in Stuttgart.

„Es gibt viele Signale“, sagt Tatjana Eggeling. Sie arbeitet mit dem DFB zusammen. Aber dann lehnt sie sich zurück und sagt: „Es ist Symbolik. Das reicht auf Dauer nicht.“ Staudt beim Christopher Street Day? „Da sagt sich ein schwuler Fußballer: Ist ja toll, dass der Staudt das macht. Aber ich habe nichts davon. Ich kann ja bei der Parade nicht mitgehen.“

Nicht, solange Tausende auf den Rängen wie selbstverständlich „schwule Sau“ grölen, nicht solange es Spieler vom Schlag eines Arek Onyszko gibt, der bekannte: „Ich hasse Schwule, das tue ich wirklich.“ Sein dänischer Klub Odense BK hat den Torhüter deshalb entlassen.

Wie die Fans auf Michael Kempter reagieren, weiß keiner. Sein letztes Spiel hat er im Januar gepfiffen. Seither war er nicht mehr im Einsatz, zu seinem eigenen Schutz. Jetzt soll er am Sonntag wieder eine Begegnung in der Zweiten Liga leiten. Vielleicht. Das hängt auch von der Verhandlung ab, heute im Landgericht München I.