Presse

"Depressionen und Homosexualität dürfen kein Tabu mehr sein"
(Stern, Hamburg, 13.11.2009)



DFB-Präsident Theo Zwanziger will gegen Ausgrenzung und Diffamierung im Fußball vorgehen. Depressionen und Homosexualität dürfen keine Tabu-Themen mehr sein, sagte Zwanziger in einem Interview.

Als Reaktion auf den Selbstmord des Nationaltorwartes Robert Enke will der Deutsche Fußball-Bund gegen Ausgrenzung und Diffamierung von Spielern vorgehen. "Wir müssen über viele Ansätze reden. Ein Gremium mit absolut vertrauenswürdigen Personen könnte dazugehören", sagte DFB-Präsident Theo Zwanziger der "Bild"-Zeitung. Das martialische Denken nach dem Motto "Ich darf keine Schwächen zeigen, ich muss der Stärkste sein" müsse aufhören. Zwanziger erwartet nach eigenen Worten, dass sich der deutsche Fußball verändern wird. "Nach dieser Tragödie müssen wir alle im Fußball nachdenken, wie wir bestehende Tabus brechen."

Unter einem ähnlichen Druck wie Enke, der unter Depressionen litt, stünden etwa auch homosexuelle Fußballer. "Wenn wir Robert Enke gerecht werden wollen, müssen wir dazu kommen, dass im Fußball jeder ohne Angst leben kann. Mit seinen Stärken, Schwächen und Neigungen", bekräftigte der DFB-Präsident. "Wir haben durch die bewegenden Aussagen von Robert Enkes Frau Teresa gehört, wie er seine Krankheit verborgen hat", sagte Zwanziger. Der Nationaltorwart habe befürchtet, dass seine Karriere im Fußball vorbei sein könne, wenn er offen darüber sprechen würde. Ausgrenzung und Diffamierung seien unwürdig.

Pauli-Präsident Littmann: Homosexualität wird Tabu-Thema bleiben

In Bezug auf das Thema Homosexualität im Fußball bleibt der schwule Präsident des FC St. Pauli, Corny Littmann äußerst pessimistisch. Er glaubt nicht daran, dass mit den Tabu-Themen im Profi-Fußball gebrochen wird. "Die Bereitschaft ist zwar da in den Vereinen, auch unter Journalisten, sehr sorgfältig mit diesen Themen umzugehen", sagte der Chef des Fußball- Zweitligisten aus Hamburg, "aber es bleibt die nicht kalkulierbare Situation in einem Mannschaftsumfeld, es bleiben die nicht kalkulierbaren Reaktionen der gegnerischen Fans."

Littmann, der mit seiner Homosexualität nie hinterm Berg gehalten hat, kann verstehen, dass sich schwule Fußball-Profis nicht outen wollen. Die Gefahr, dass sie stigmatisiert werden, sei hoch. "Wenn es plötzlich einer tut, wird ihm ewig anhängen, der erste schwule Fußballer der Bundesliga gewesen zu sein. Ob ein junger Mensch mit diesem Prädikat wohl rumlaufen möchte?", meinte der 56 Jahre alte Theater-Leiter. Beim FC St. Pauli gehört Anderssein zur Kult-Kultur. "Ein schwuler Spieler beim FC St. Pauli hätte nicht die geringsten Probleme, auch nicht mit den Fans. Aber er hat schließlich nur einen zeitlich begrenzten Vertrag mit dem FC St. Pauli. Was passiert danach?", fragte Littmann. Ob dieser homosexuelle Profi jemals zu einem anderen Verein wechseln könnte, stehe in den Sternen. "Ein Spieler, der problembeladen ist, wird sorgfältig beäugt und im Zweifel nicht verpflichtet", meinte Littmann. "Das ist eben ein sehr hohes Risiko für schwule Spieler. Die Befürchtungen, dass ihnen aus ihren Bekenntnissen Nachteile erwachsen könnten, sind berechtigt."