Presse

"Gegen Homophobie im Fußball"
(Deutsche Welle, Bonn/Berlin, 26.10.2009)


von Arnulf Boettcher

Homosexualität gilt als eines der letzten Tabus im Fußball. Bisher hat sich in Deutschland noch kein aktiver Profi geoutet. Gegen Homophobie kämpfen der DFB, der Fan Club der Nationalmannschaft und Bundesliga-Fans.

Immer wieder sind in Stadien und auf dem Fußballplatz Sprüche zu hören wie "Schwule Sau“ oder "Schiri, Du Schwuchtel“. Und vielerorts werden Lesben und Schwule in Fußballvereinen nach wie vor ausgegrenzt. Dennoch hat sich das Klima in Deutschland verbessert, wie der ehemalige Fußball-Profi Marcus Urban glaubt: "Die Leute sind in dem Bereich einfach toleranter geworden und haben generell ein bisschen Lebensschwere abgelegt." Eine Trendwende sieht Urban bei der Weltmeisterschaft in Deutschland: "Wenn ich an die Situation bei der WM 2006 denke mit diesem fröhlichen Völkchen in Feierlaune hier. Dann würde Homophobie gar nicht so dazu zu passen."

Der Versteckspieler

Urban ist homosexuell. In der ehemaligen DDR war er Jugendauswahl-Spieler. Bei Rot-Weiss Erfurt stand er in den 1990er Jahren vor dem Sprung in die 2. Bundesliga. Doch vergeblich, die Heimlichtuerei um seine Homosexualität hemmte ihn und kostete zu viel Kraft. Urban beendete plötzlich seine Karriere. Für Aufsehen sorgte sein coming-out 2007. Das Buch "Versteckspieler" von Ronny Blaschke schildert die Geschichte des heute 38-Jährigen. "Dadurch ist das Thema ja auch in die Öffentlichkeit gekommen. Vielleicht habe ich mit dem Buch auch ein kleines Quäntchen dazu beigetragen", sagt Urban. Derzeit entsteht mit seiner Hilfe auch der Film "Versteckspieler".

Unter dem Motto "Viele Farben - ein Spiel" setzen sich jetzt auch der Deutsche Fußball-Bund und der Fan Club Nationalmannschaft gegen Homophobie im Fußball ein. "Das ist eine großartige Geschichte. Für mich ist das ein Meilenstein in der Entwicklung zu diesem Bereich", meint Urban. Der DFB hat 80.000 Handzettel drucken lassen, in denen die Fans aufgefordert werden, sich gegen die Diskriminierung von Homosexuellen im Fußball zu engagieren. Diese wurden an alle Vereine der ersten vier Ligen geschickt. "Das Thema wird somit flächendeckend verbreitet und könnte in einer Kettenreaktion das herkömmliche traditionelle Bild von der Rolle von Männern und Frauen verändern. Und das ist das Tolle daran", freut sich Urban. Ähnlich sieht das auch Theo Zwanziger. "Das Engagement des DFB gegen Homophobie ist auch ein Kampf gegen Vorurteile, die es früher einmal gab", sagt der DFB-Präsident.

"Die Fußballwelt ist archaisch"

Die Gesellschaft in Deutschland hat sich deutlich geöffnet. Politiker wie Guido Westerwelle und Klaus Wowereit verheimlichen schon seit Jahren nicht mehr ihre sexuelle Orientierung. Es sind somit ermutigende Zeichen auch für homosexuelle Fußballprofis, sich zu outen. Doch Urban schränkt ein: "Das ist schwerer für einen Fußballspieler, weil er mit anderen Dingen konfrontiert ist als ein Entertainer oder Politiker. Die duschen ja nicht zusammen oder pöbeln sich nicht unbedingt an. Die Fußballwelt ist einfach ein bisschen archaischer." Und auch Urban fiel der Weg schwer. Er hat viele kleine Schritte hinter sich: "Von der Erkenntnis, dass man auf Männer steht, hin zu dieser Schock- und Übergangsphase, wo es auch ein bisschen Chaos im Leben gibt, um dann wieder in die Balance zu kommen."

Vermutlich gibt es in Deutschlands Profiligen mehrere Dutzend Homosexuelle. Doch befragt man Spieler und Trainer, beteuern sie, keinen Schwulen zu kennen. Die Angst, sich als Fußballer zu outen, ist enorm. Man will sich in dieser Männerwelt nicht angreifbar machen. "Es gibt Tuchfühlung mit den Leuten. Man jubelt zusammen, hat körperlichen Kontakt. Es ist etwas anderes vom Gefühl her, viel intensiver und damit auch schwieriger, dann so etwas an Intimität in einer Gruppe preiszugeben."

"Coming-Out wird nicht mehr lange dauern"

Der einzige männliche Profi, der seine Homosexualität bislang öffentlich machte, war 1990 der Brite Justin Fashanu. Er hielt dem öffentlichen Druck nicht stand und erhängte sich 1998. Im deutschsprachigen Raum hat bisher kein Profi-Fußballer das Coming-Out während seiner aktiven Karriere gewagt; auch Urban nicht. "Ich persönlich glaube aber, dass es nicht mehr gar so lange dauern wird. Die schwulen Fußball-Profis und Bundesligatrainer haben sich mittlerweile miteinander vernetzt. Ich glaube, dass da in baldiger Zeit auch etwas entsteht. Darauf freue ich mich, weil es nämlich eine leise, gesellschaftliche Veränderung bedeuten könnte."

Inzwischen werden immer mehr schwul-lesbische Fanclubs gegründet. Wo sie in Stadien offen auftreten, wie etwa die "Stuttgarter Junxx", sind diskriminierende Sprechchöre seltener geworden. Und auch Urban ist hoffnungsvoll, das Homosexualität eines Tages nicht mehr tabuisiert wird: "Frauen dürfen auch burschikos sein und trotzdem feminin, und Männer können sehr maskulin sein, aber dabei weich. Das ist toll für alle Beteiligten, weil damit viel mehr Spielraum für eine Persönlichkeitsentwicklung und persönliche Entfaltung da ist."