Presse

"Schwule und Lesben ausgegrenzt"
(Spiegel Online, Hamburg, 15.12.2006)


von Oliver Lück und Rainer Schäfer

Nur wenige im Fußball gehen so ehrlich mit ihrer Homosexualität um wie St. Paulis Präsident Corny Littmann. Die meisten verstecken sich. Das gilt auch für Spielerinnen. Lesbische Liebe ist ein Tabu. Das Magazin "RUND" sprach mit Aktiven über die Gefahr der Entdeckung.

Im deutschen Frauenfußball gilt es nach wie vor als offenes Geheimnis, dass gleichgeschlechtliche Beziehungen eher die Regel sind als die Ausnahme. Auch ein Großteil der deutschen Nationalspielerinnen lebt mit einer Partnerin zusammen, nur werde dies im Mannschaftskreis als völlige Selbstverständlichkeit behandelt, wie eine Spielerin erzählt.

"Jeder weiß, wer da wen zur Weihnachtsfeier des Vereins begleitet, und dass das die Freundin ist", sagte eine lesbische Bundesligaspielerin RUND, "der Punkt, dass man eine Fußballerin als automatisch homosexuell ansieht, hat sich sehr abgeschwächt. Durch die Erfolge der Nationalmannschaft hat sich der Frauenfußball zu einer akzeptierten Sportart entwickelt."

Die Angst, als erste lesbische Spielerin in der Öffentlichkeit zu stehen und auf Jahre hinaus als Vorzeigelesbe zu gelten, ist bei den Spielerinnen dennoch vorhanden. Die einen befürchten Folgen für die sportliche Karriere, die anderen, dass Sponsoren die privaten Werbeverträge kündigen könnten.

"Der Stress wäre einfach zu groß", sagt eine Spielerin. Stress, den es auch mit dem DFB geben könnte, glaubt die ehemalige Bundesligaspielerin Tanja Walther, "da gibt es ungeschriebene Gesetze seit Mitte der neunziger Jahre, die vermutlich immer noch funktionieren: Wer sich outet, verliert den Stammplatz im Nationalteam."

Die Stimme überschlägt sich, der Mann ist ungehalten: "Bei uns gibt es keine Homosexualität. Und Sie können absolut sicher sein: Niemand vögelt so viel wie unsere Spieler." Der Pressesprecher meldete sich telefonisch auf eine RUND-Anfrage: Alle 36 Bundesligisten waren angeschrieben worden, ob man sich gegen das homophobe Klima in den Stadien einsetzen wolle – lediglich acht Vereine reagierten.

Dabei sind RUND neben dem medienwirksamen Vorzeigeschwulen und Präsidenten des Regionalligisten FC St. Pauli, Corny Littmann, zwei Funktionäre aus den Führungsetagen deutscher Proficlubs bekannt, die sich nicht zu ihrer Homosexualität äußern wollen.

Ein Umstand, den die Kulturwissenschaftlerin Tatjana Eggeling, die über "Homosexualität im Sport" habiliert, nicht verstehen kann: "Was soll passieren? Sie könnten sich aus ihrer Machtposition heraus viel leichter outen als ein Profi und so helfen, ein verändertes Denken aufzubauen. Da geht es viel weniger um Existenzen als bei den Spielern." Die Diskriminierung von Homosexuellen wird auf lange Sicht ein Bestandteil des Fußballs bleiben, solange Homophobie totgeschwiegen wird, in den Verbänden, in den Clubs und von den Sportlern.

Allein Michael Preetz, früherer deutscher Nationalspieler und heutiger Leiter der Lizenzspielerabteilung bei Hertha BSC Berlin, lässt sich in diesem Kontext zitieren: "Homosexuelle gibt es in allen Gesellschaftsschichten, auch im Sport. Ich bin gegen jegliche Form der Diskriminierung, auch gegen Homophobie."

Die meisten deutschen Proficlubs haben inzwischen den Antirassismusparagrafen in ihre Satzung aufgenommen, den gegen die sexuelle Diskriminierung findet man bei den wenigsten. Selbst ausgewiesen soziale und liberal denkende Nationalspieler lehnen jeden Kommentar zur Homophobie ab. Man weiß von nichts und will von nichts wissen. "Dabei wäre es wichtig, dass heterosexuelle Spieler sagen würden, dass Schwule kein Problem für sie sind", glaubt die ehemalige Bundesligaspielerin Walther: "Das belegt doch, dass die Atmosphäre nicht stimmen kann. So wird sich nie etwas ändern."