Presse

"Models als Schutzschild"
(Spiegel Online, Hamburg, 14.12.2006)


von Oliver Lück und Rainer Schäfer

Er ist die große Ausnahme: Der italienische Weltmeister Alberto Gilardino setzt sich öffentlich für Schwule ein. Homosexuelle Fußballer leben zwecks Tarnung in Scheinehe oder engagieren Hostessen als Begleitung. Das Magazin "RUND" sprach mit Betroffenen.

Die wenigen schwul-lesbischen Fußball-Fanclubs wie die Hertha Junxx in Berlin, die Rainbow-Borussen in Dortmund oder die Stuttgarter Junxx konnten die schwulenfeindliche Atmosphäre in den Bundesligastadien noch nicht nachhaltig verändern. Der englische Fußballverband, der schon mit Maßnahmen gegen Rassismus in britischen Stadien Vorbild für andere Verbände war, prescht auch beim Thema Homophobie wieder voraus. Seit 2001 ist in der Satzung verankert, dass der Verband gegen Diskriminierung wegen sexueller Orientierung vorgeht. Seither wurden Krakeeler schwulenfeindlicher Sprüche bereits häufiger aus den Fußballstadien geschmissen.

Zwei Anhänger des englischen Zweitligisten Norwich City mussten sogar kurzzeitig hinter Gitter und wurden im Anschluss zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr verurteilt. Auf Clubebene hat Manchester City begonnen, das Schwulentabu zu zerschlagen. Der Verein hat eine Charta unterschrieben, die aus ihm einen "gay friendly"-Club macht. Dafür bezahlt City eine sechsstellige Summe an Stonewall, die mächtige Organisation mit Sitz in London, die die Rechte von Schwulen und Lesben in Großbritannien verteidigt. Bei Manchester City sollen Homosexuelle nun gleichgestellt werden. Schwules Personal wird eingestellt, die Schwulenszene der Stadt ins Stadion eingeladen. Auch in England die große Ausnahme: Erst kürzlich stellte die BBC allen 20 Trainern der Premiere League drei Fragen zum Thema Homosexualität im Fußball – keiner antwortete, auch Stuart Pearce nicht, der Trainer von Manchester City.

Unter britischen Fans gilt der Verdacht, dass es schwule Profis auf dem Platz geben könnte, nach wie vor als Katastrophe. Dabei war es mit Justin Fashanu ausgerechnet ein Profi der Premier League, der sich als Erster 1990 öffentlich zu seiner Homosexualität bekannte. Acht Jahre später erhängte sich Fashanu in einer Londoner Garage. "Schwul und eine Person des öffentlichen Lebens zu sein ist hart", schrieb er in seinem Abschiedsbrief. "Wenn sich heute einer outen würde, hätte er nicht das schönste Leben", umschreibt Nationalspieler Robert Huth vom FC Middlesbrough die unverändert homophobe Atmosphäre: "Derjenige könnte nicht mehr unbeschwert ins Stadion einlaufen. Auch die Gegenspieler würden ihn deshalb provozieren."

In der italienischen Serie A gilt Homosexualität ebenfalls als unerhörtes Tabu. Was nicht heißt, dass sie nicht vorhanden ist. Immer wieder kursieren Gerüchte über die angebliche Homosexualität von Fußballstars. Nehmen die Gerüchte überhand, handeln die Clubs. Dann schlägt die Stunde ambitionierter Topmodels und Showgirls. Die Stars lassen sich mit den Starlets ablichten, es werden Hochzeiten arrangiert, bei denen auch Kinder in der Gage enthalten sind. Es sollen sich sogar einige Modelagenturen auf dieses Marktsegment spezialisiert haben.

"Wir wissen, dass einige Stars des italienischen Fußballs schwul sind und gezwungen werden, dies zu verstecken", sagt Arcigay-Präsident Franco Grillini, "Spieler werden von ihren Clubs sogar gezwungen zu heiraten. Die Spieler haben Angst, dass ihre Karriere ein jähes Ende nehmen könnte." Auch Sandro Mazzola, in den sechziger und siebziger Jahren Nationalspieler von Inter Mailand, weiß um die Existenz homosexueller Spieler: "Sicher habe ich schwule Profis kennen gelernt. Einer ist zudem ein berühmter Trainer geworden. Es war bekannt, dass er schwul war, und es hat keinen gestört."

Und ausgerechnet der härteste und humorloseste italienische Terrier, Nationalspieler Gennaro Gattuso, pflichtet Mazzola bei: "Es gibt zwei oder drei Schwule auf 5000 Spieler. Aber das liegt nicht daran, dass der Fußball so männlich ist. Ich kenne Schwule, die auf dem Platz einen unglaublichen Einsatz bringen." Der frühere brasilianische Nationalspieler Marcos Vampeta, der einst ein kurzes Intermezzo bei Inter Mailand gab und heute beim brasilianischen Erstligisten Goiás EC spielt, outete sich kürzlich ebenso wie sein Landsmann Túlio Maravilha, mit über 500 Toren einer der besten Stürmer der brasilianischen Liga.

Vampeta war oft in den einschlägigen Szenelokalen im Mailänder San-Siro-Viertel unterwegs. Gerade im Viertel um das Meazza-Stadion, wo ein Großteil der Mailänder Spieler residiert, ist die Schwulenszene aktiv. Einige Profis lösen die Gerüchte durch ihr eigenes Zutun zudem erst aus: Mark Iuliano, früherer Abwehrspieler von Juventus Turin, ließ für ein Schwulenmagazin die Hüllen fallen. Matteo Sereni, Torhüter des Zweitligisten FBC Treviso, machte es ihm nach. Und Weltmeister Alberto Gilardino vom AC Mailand, von der italienischen Schwulenvereinigung zum Sexsymbol gekürt, freute sich sehr über diese Auszeichnung, verbunden mit der Aussage, dass er sich gerne für Kampagnen gegen die Diskriminierung von Randgruppen einsetzen wolle: "Jeder sollte so sein können, wie er möchte, ohne dafür ausgeschlossen zu werden", so Gilardino.