Presse

"Geschäfte mit der Angst vorm Outing"
(Spiegel Online, Hamburg, 13.12.2006)


von Oliver Lück und Rainer Schäfer

Schwule Fußballer müssen sich verstellen. Ein Outing würde das Karriereende bedeuten. Denn: "Homophobie und Sexismus gehören zum Fußball wie die Abseitsregel", urteilt eine Expertin. Für sein Schweigen über homosexuelle Spieler erwartet mancher eine Gegenleistung.

Der Kulturwissenschaftlerin Tatjana Eggeling, die über "Homosexualität im Sport" habilitiert, ist gerade in den vergangenen beiden Jahren eine paradoxe Entwicklung aufgefallen: Homosexualität von Fußballern sei zu einem der beliebtesten Medienthemen geworden, die tägliche Homophobie dadurch aber nicht abgebaut worden. "Eine verstärkte Wahrnehmung in der Öffentlichkeit lässt erst einmal auf einen positiven Effekt hoffen. Erst wenn über etwas geredet wird, kann man auch Veränderungen erwarten."

Dass gerade die Boulevardmedien auf das Outing eines Profis gieren, sieht Eggeling kritisch. "Das voyeuristische Interesse ist riesengroß. Die werden dem Ersten, der sich outet, wochenlang hinterhersteigen. Der Preis für ein Coming-out wäre vermutlich zu hoch, ich würde es keinem Spieler empfehlen." Andererseits kennt Eggeling die inneren Kämpfe und Konflikte vieler Sportler. "Etwas zu tun, wo man sehr gut und talentiert ist, bei dem man aber immer einen zentralen Teil seiner Persönlichkeit verheimlichen muss, erzeugt einen enormen Leidensdruck."

Und die Gerüchteküche kocht auf Hochtemperatur, jede Schwulen-Community ernennt ihre Ikonen, unabhängig von deren sexueller Ausrichtung. Mancher langjährige und ausgewiesen heterosexuelle Bundesligaspieler fällt aus allen Wolken, wenn er erfährt, dass er in den schwul-lesbischen Fanclubs, unter Journalisten und sogar im Kollegenkreis als hundertprozentig schwul gilt. "Wenn mein Name in diesem Zusammenhang auch nur angedeutet wird, werde ich alle rechtlichen Mittel ausschöpfen", lässt einer der als schwul gehandelten Spieler ausrichten.

Das Klima der Spekulation hat längst denunziatorische Züge angenommen: Dem Berliner Journalisten und Buchautoren Axel Schock wurde von einem großen Boulevardblatt gleich zweimal eine beachtliche Summe in Aussicht gestellt, wenn er einen ihm bekannten homosexuellen Profi zwangsouten würde. "Der Name war denen auch bekannt", schildert Schock, "die wollten sich nur nicht die Finger schmutzig machen, da dies das sichere Karriereende des Spielers gewesen wäre. Ich bin überzeugt, dass Profis auf dieser Grundlage auch dazu aufgefordert werden, mit dem Medium gut zusammenzuarbeiten."

Was ein homosexueller Spieler RUND bestätigt: "Es gibt Journalisten, die wissen, dass ich schwul bin, behalten es aber für sich. Erwarten aber im Gegenzug auch, dass es dafür die eine oder andere Information gibt – regelmäßig." Eine vertrackte Situation, in der auf die Hilfe von Mitspielern, der Clubführung oder vom Verband nicht zu hoffen ist. Immerhin hat die ehemalige Bundesligaspielerin Tanja Walther auf der Anti-Rassismus-Konferenz der Uefa im Februar dieses Jahres in Barcelona einen Workshop zum Thema Homophobie geleitet, was vor ein paar Jahren noch undenkbar war.

"Homophobie und Sexismus gehören nach wie vor zum Fußball wie die Abseitsregel", lautet eine ihrer Erkenntnisse. Immerhin ist die Uefa der einzige Verband, der erkannt hat, dass es zur Kundenbindungsstrategie gehört, den Schwulenhass in den Stadien zu thematisieren und perspektivisch zu unterbinden. Auch Homosexuelle haben den Fußball entdeckt und gelten als potenzielle Klientel, die die Stadien füllen könnte Der Weltverband Fifa geht derweil immer noch andere Wege: So wurde ausdrücklich untersagt, dass sich Männer auf dem Platz küssen.

"Die Begründung der Fifa ist absurd", poltert Franco Grillini, Abgeordneter des italienischen Parlaments für das linke Ulivo-Bündnis und Präsident der nationalen Schwulenvereinigung Arcigay. "Man wolle damit verhindern, dass Geschlechtskrankheiten übertragen werden. Jeder weiß aber, dass man die nicht vom Küssen bekommt." Der Weltverband schüre auf diese Weise die Angst vor Schwulen, so Grillini. "Fußball ist nun einmal der große Triumph des Männlichkeitskults, der höchste Ausdruck des Machogehabes."

Auch beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) stehen Maßnahmen gegen Homophobie nicht auf der Prioritätenliste. DFB-Präsident Theo Zwanziger, der beim Thema Rassismus inzwischen kein Blatt mehr vor den Mund nimmt, möchte sich allgemein zur Diskriminierung von Randgruppen im deutschen Fußball nicht äußern. Der DFB und die DFL bilden zwar eine Task Force im Kampf gegen Gewalt, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus, die schwulenfeindlichen Auswüchse werden aber ignoriert. Sechs Jahre hat es gedauert, bis der DFB den 1994 vom Bündnis aktiver Fußballfans (Baff) vorgeschlagenen Anti-Rassismus-Paragraphen umsetzte, auf den 2002 empfohlenen Homophobiekatalog ist man in Frankfurt noch nicht eingegangen.

"Beim Thema Rassismus kann der DFB es sich nicht mehr leisten zu schweigen, auch aus Imagegründen", sagte Gerd Dembowski, Fanaktivist und Fußballautor, "Homophobie aber kann man noch verdrängen. In der Hierarchie der Diskriminierungen steht sie ganz weit hinten, hinter Rassismus, Frauen und Behinderten." Dabei ist die Situation in deutschen Stadien alarmierend, wie Baff-Sprecher Martin Endemann aus wöchentlichem Anschauungsunterricht weiß: "Bei Homophobie ist gar kein Bewusstsein da. Sehr viele Choreografien beschäftigen sich damit, dass der Gegner schwul ist. Ganze Kurven verbreiten homophobe Inhalte, wären es rassistische Inhalte, gäbe es einen Riesenaufruhr. Nähme der DFB Homophobie in seinen Strafenkatalog auf, müsste er fast jedes Bundesligastadion dichtmachen und jedes zweite Spiel abbrechen."