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"Das Talent, das sich verstecken musste"
(Spiegel Online, Hamburg, 21.10.2008)


Marcus Urban galt als begnadeter Jugend-Nationalspieler der DDR - den Sprung zu den Profis schaffte er nie. Die Angst, geoutet zu werden, stand der Karriere des schwulen Fußballers im Weg. Ronny Blaschke hat seine Laufbahn in einem Buch nachgezeichnet. SPIEGEL ONLINE dokumentiert einen Auszug aus dem Buch.

Die Helden des DDR-Fußballs, Jürgen Sparwasser und Joachim Streich, nahm Marcus Urban zwar wahr, orientierte sich aber an den Jahrhundertspielern. Über seinem Bett in der Kinder- und Jugendsportschule (KJS) hing ein Poster von Diego Maradona. So wollte er sein. Er dachte an Pelé, der mit siebzehn zum ersten Mal Weltmeister geworden war. Dieses Ziel nahm er sich auch vor, hielt es für realistisch. Und wenn nicht mit siebzehn, dann eben ein Jahr später.

Zur Weltmeisterschaft 1990 in Italien würde er achtzehn sein, die DDR wäre ihm bestimmt dankbar, und seine Eltern müssten stolz auf ihn sein, sie konnten gar nicht anders. Sein ganzes Selbstwertgefühl fußte auf diesem Sport und auf seiner Strebsamkeit in der Schule. Andere bezeichneten das Internat als Käfig, als Kaserne, in der man nicht wirklich Mensch sein durfte, für Marcus war KJS in Erfurt auch ein wenig Liebesersatz, Bühne der Kompensation. Fußballer war er, nur Fußballer.

Und dabei lief es gut: Rot-Weiß Erfurt hatte sich im Sommer 1985 in der Altersklasse der Schüler für die Endrunde der DDR-Meisterschaft qualifiziert. Es war der größte Erfolg, den Marcus als Spieler bislang erreicht hatte. Mit dem Titel rechnete er nicht wirklich, denn die Konkurrenz war zu stark: der 1. FC Magdeburg war angereist, Energie Cottbus und der BFC Dynamo aus Berlin. Im Halbfinale traf Erfurt auf Magdeburg, es kam zum Elfmeterschießen. Marcus verwandelte seinen Schuss souverän, er verlud den Torwart. Mit dem Einzug ins Endspiel waren seine Erwartungen weit übertroffen. Dort wartete der BFC, ein scheinbar übermächtiger Gegner. Marcus lief so viel wie selten zuvor. Erfurt gewann 1:0.

Bei der Siegerehrung traf er Frank Engel, den Trainer des Jugendnationalteams: "Wir sehen uns bald", sagte Engel. Marcus zuckte zusammen. Er freute sich, er fühlte sich belohnt, er hatte eine wichtige Stufe erklommen. Er dachte, nun würde es aufwärts gehen. Frank Engel ließ seine Ankündigung schnell wahr werden. Am 23. Oktober 1986 bestritt Marcus sein erstes Länderspiel für die DDR-Jugendnationalmannschaft in Most in der Tschechoslowakei. Er schickte seinen Eltern eine Postkarte. "In Most ist es geil", schrieb er. "Wir übernachten in einen Viersternehotel."

Marcus war stolz und aufgeregt, er glaubte eine gehobene Stellung zu haben. Er hatte fortan viele Lehrgänge, Trainingseinheiten, etablierte sich. Die Funktionäre des DDR-Fußballs, die etwas zu sagen hatten, wurden auf ihn aufmerksam. Sie glaubten daran, dass Marcus es weit bringen könnte, vielleicht sogar an die Spitze.

Doch Marcus hatte auch andere Interessen. Er fühlte sich zu Herrn Behrens hingezogen, seinem Geografie-Lehrer, auch zu den Trainern, die er mit jedem Doppelpass und mit guter Defensivarbeit zu beeindrucken versuchte. Marcus stand bei Männern auf Erfahrung, Reife, Sportlichkeit. Diese Neigung konnte er nicht mehr unterdrücken, auch wenn er sich viel Mühe gab. Er wurde von den Reizen überflutet, aber er konnte sie mit niemandem teilen. Er hatte keinen Vergleich, keine Erfahrungswerte. Ihm war in Erfurt keine Schwulenszene bekannt. Er war sechzehn, er hatte nie etwas mit Mädchen gehabt. Fernsehen oder Radio berichteten nicht über Homosexualität, auch nicht über Aids, die aufkommende Bedrohung der achtziger Jahre.

Mit seinen Fragen war er allein, chancenlos gegen eines der großen Tabus der DDR. Was sollte er dem Fußball schon anhaben können, diesem Feldzug der Männlichkeit? Er dachte, er sei krank. Von wissenschaftlichen Vermutungen, wonach Homosexualität in den allermeisten Fällen genetisch bedingt sei, ahnte er nichts. Schlechte Erfahrungen in der Kindheit, vermuteten Experten, seien nicht ausschlaggebend. Marcus aber forschte weiter in den Abgründen seiner Kindheit. War sein Stiefvater für seine Entwicklung verantwortlich? Oder seine Mutter? Er hoffte, dass er vielleicht doch noch gesund werden würde. Nichts wünschte er sich mehr.

Angst vor jedem neuen Tag

Das Versteckspiel begann. Er durfte sich nichts anmerken lassen, wenn er die kumpelhaften Umarmungen während des Torjubels oder die Partnerübungen im Training genoss. Es entstand keine erotische Anziehung, so weit war Marcus noch nicht, er sehnte sich nach gewöhnlichen Berührungen, die ihm fehlten. Er kannte keine Zärtlichkeit. Die Spieler kamen sich im Sportleralltag oft nahe, sie gaben sich aufmunternde Klapse auf den Hintern, aber an Homosexualität dachte niemand. Fast niemand.

Unter der Dusche konnte Marcus die Körper seiner Trainer begutachten, er starrte nie, er schaute beiläufig. Er fand das falsch und richtig zugleich und manchmal einfach nur schön. Er fühlte sich zu ihnen hingezogen, aber er war weit davon entfernt, sich das einzugestehen. An jedem Abend, an dem er unentdeckt einschlafen konnte, feierte er innerlich – bis ihn die Angst vor dem nächsten Tag erfasste.

Marcus legte sich eine unsichtbare Maske zu, hinter der ihn niemand enttarnen konnte. Auf dem Spielfeld wurde er ruppiger, aggressiver, aufbrausender. Wenn jemand einen Schwulenwitz erzählte, lachte er mit. Er schubste seine Gegner, beleidigte sie, nannte sie sogar "schwule Sau". Als Prolet konnte kein Verdacht auf ihn fallen, redete er sich ein. So verstrickte er sich in einem absurden Denkmuster, schwärmte von schönen Frauen, um nicht als verrückt durchzugehen.

Einmal brach es aus ihm heraus. In der Straßenbahn, auf dem Weg zum Training, sagte er seinem Mitspieler Simon Steiner* den Satz, der seine Gedanken immer wieder überfallen hatte: "Ich bin schwul!" Simon lachte, er nahm das Gesagte nicht ernst, nicht mal für eine Sekunde: "Ja, ja, guter Witz." Marcus hatte es versucht, er hatte all seinen Mut zusammengenommen. Vielleicht wäre es in der KJS ja doch erlaubt gewesen, schwul zu sein. Eine ernsthafte Antwort erhielt er nicht, und so blieb er mit seinen Gedanken allein. Der Fußballer spielte weiter, als wäre nichts passiert, der Mensch blieb zurück.

Pelé war mit siebzehn zum ersten Mal Weltmeister gewesen, Marcus wusste mit siebzehn nicht, wo ihm der Kopf stand. Der Ball war zu einer Anekdote verkümmert. Herr Schmidt*, einer seiner Trainer, wunderte sich, er sagte zu Marcus: "Hier gibt es so viele Spieler, die hart arbeiten, du hast das Talent und was machst du draus?" Die Clubleitung überlegte sogar, Marcus eine psychologische Betreuung zu ermöglichen. Sie wollten eines ihrer größten und wichtigsten Talente aufbauen. Marcus wollte, aber er konnte nicht, er war ein oft lustloser, weil trauriger Mensch.

Jede Betonung, jeder Augenaufschlag, jeder Händedruck hätte ihn als Homosexuellen bloßstellen können, er aber wollte Profifußballer werden. Das hätte sich widersprochen, ausgeschlossen und seine Chancen auf Ruhm zunichtegemacht. Glaubte er zumindest. Diese Haltung verfolgte ihn wie ein Schatten. Einmal sagte ein Trainer vor der gesamten Mannschaft: "Ihr könnt ruhig Mädchen mit aufs Zimmer nehmen, das ist kein Problem. Alles andere würde mich enttäuschen." Marcus wurde panisch, er fürchtete, sein Kartenhaus wäre eingebrochen. Glaubte sein Trainer, dass er schwul sei, obwohl er nicht mal selbst daran glauben wollte?

Die KJS blieb auch nach der Wende bestehen, er war glücklich, denn er konnte Gedanken an Homosexualität mit Torschusstraining und Schulstress umgehend unterdrücken. Er hatte sein Abitur ohne Mühe erhalten, mit Notendurchschnitt 1,5. Nun feierte er bald seinen zwanzigsten Geburtstag.

Die erste Mannschaft von Rot-Weiß Erfurt hatte sich nach der Auflösung der Oberliga für die zweite Bundesliga qualifiziert. Die war sein Ziel. Mindestens. Aber hatte er noch die Kraft? Hatte er Lust und Motivation?

Trainer Ralf Scherer* glaubte an Marcus. Als der Trainer im August 1990 von einem Journalisten einer Lokalzeitung nach den aussichtsreichsten Kandidaten für den Sprung ins Profiteam gefragt wurde, nannte er auch seinen Namen. Marcus stand auf dem Sprung in die zweite Liga. Er hatte so viele Jahre dafür gekämpft, nun war sein Ziel endlich in Sichtweite, aus dem Talent sollte endlich ein gestandener Profi werden.

Allein unter Machos

Die älteren Mitspieler stachelten sich mit Geschichten gegenseitig an. Sie wollten den Jüngeren zeigen, wo diese in der Hierarchie stehen: ganz unten. Marcus war schockiert. Was würden sie mit ihm machen, wenn seine Neigung auffliegen würde? Wie würden sie reagieren, wenn herauskommen würde, dass er Männer attraktiver fand als Frauen? Er war noch immer ein schmächtiger Junge, unauffällig, nicht schwerer als siebzig Kilo, schweigsam. Er dachte, dieses Machoheer würde ihn demütigen, verletzen.

Im Frühjahr 1991 bestritt Marcus mit seiner Erfurter Mannschaft ein Spiel beim FC Sachsen Leipzig. Er war noch immer ein Künstler auf dem Rasen, aber er spielte zunehmend lustlos. Er trabte behäbig. Im Mittelfeld prallte er mit einem Gegenspieler zusammen. Marcus stürzte zu Boden, krümmte sich, musste ausgewechselt werden. Die spätere Diagnose: Knorpelschaden im rechten Knöchel. Marcus musste sich mit dem Gedanken anfreunden, dass er kein Profi mehr wird.

Die Verletzung machte ihm zu schaffen, die Erinnerungen an seine Kindheit hingen wie ein schwerer Anker an ihm, die Homosexualität machte ihn zum einsamsten Menschen und auch die gravierenden Veränderungen, die das neue Gesellschaftssystem nach der Wende mit sich brachte, lasteten auf ihm.

Spieler seines Alters, die er aus dem Internat kannte, wie Thomas Linke, oder gegen die er in Jena oder Leipzig gespielt hatte, wie Bernd Schneider, Robert Enke oder Frank Rost, sollten den Aufstieg in die Bundesliga schaffen und beeindruckende Karrieren machen. Marcus jedoch blieb zurück, obwohl er sich in den achtziger Jahren als Teenager mit ihnen auf Augenhöhe bewegte. Er hatte nicht die Kraft, alles auszublenden, was nicht mit Fußball zu tun hatte.

* Namen vom Autor geändert