Presse

"Ja, ein Fußballer kann sich outen"
(Zeit Online, Hamburg, 14.01.2010)

Das Beispiel des walisischen Rugby-Spielers Gareth Thomas zeigt: Homosexuelle müssen sich auch im professionellen Männersport vor einem Outing nicht mehr fürchten.

von Constantin Wißmann

Gareth Thomas ist ein Baum von einem Mann. Sein 1,91 Meter großer und 103 Kilogramm schwerer Körper strotzt vor Muskeln. So einer hat nicht so schnell Angst. In der wohl härtesten Sportart gilt er als einer der härtesten Spieler. Und in Wales, wo Rugby Nationalsport Nummer 1 ist, hat das den Rekordnationalspieler zur Legende gemacht. Doch als er am 6. November 2006 nach einem Länderspiel in Cardiff im Pub sitzt, zittern ihm die Hände.

Gleich kommen zwei seiner Mannschaftskameraden, und vor ihnen hat Thomas in diesem Moment mehr Angst als vor jedem Gegenspieler. Sie wissen, was er seit 15 Jahren verheimlicht, seine Homosexualität. "Ich dachte, ich könnte 'es' unterdrücken, könnte es in eine dunkle Ecke meiner Seele sperren", sagt er heute. Doch an diesem Tag kann er es nicht mehr.

Kurz zuvor hat er seiner Frau gesagt, dass er sie liebe, aber dass sie auch Teil seiner Tarnung sei. Die Ehe zerbricht. Und als ihn nun sein Trainer Scott Johnson danach fragt, bricht es aus Thomas heraus. Unter Tränen erzählt er wie er Frauengeschichten erfand und Männer verprügelte, die ihn als "schwul" bezeichneten. Wie er heiratete. Alles, damit bloß nicht rauskommt, was bei ihm "anders" ist und er nicht das verliert, was er mehr als alles andere liebt. Seinen Sport. Ein Homosexueller im männlichsten Sport der Welt – das, so dachte Gareth Thomas, das würden die Mitspieler, die Fans, die Medien, das würde die Gesellschaft nicht akzeptieren.

Doch sein Trainer ist nicht mal überrascht. Er habe es sich schon lange gedacht, beruhigt er den Spieler. "Aber jetzt müssen es auch die anderen wissen. Denn allein kommst du damit nicht mehr klar". Und als die Mitspieler kommen, merkt Thomas schnell, wie unbegründet seine Angst war. "Das ist uns doch egal“, sagen sie und klopfen ihm auf den Rücken. "Niemand distanzierte sich von mir, nicht einer", erinnert sich Thomas. Dennoch traute er sich erst im Dezember 2009, gegen Ende seiner Karriere, sein Outing öffentlich zu machen.

Diverse Studien legen nahe, dass vier bis sechs Prozent aller Männer schwul seien. Statistisch gesehen, muss es auch in Sportarten wie Rugby oder Fußball homosexuelle Männer geben. Doch keiner spricht darüber, zu groß ist wohl die Angst vor der öffentlichen Diskriminierung. Vor Thomas gab es nur ein prominentes Beispiel. Und das ist abschreckend. "I'm gay" titelte das englische Boulevardblatt The Sun 1990 mit einem Bild Justin Fashanus vom Fußball-Traditionsverein Nottingham Forest. Der Spieler soll dafür 80.000 Pfund erhalten haben. Acht Jahre später erhängte er sich in seiner Garage.

In Deutschland ist nur die Geschichte von Marcus Urban bekannt. In den 80er Jahren galt er als hoffnungsvolles Talent des DDR-Fußballs. Mit 23 beendete er seine Karriere. Er hätte den Druck nicht mehr ausgehalten, seine sexuelle Neigung permanent zu verstecken, sagte er 20 Jahre später.

Doch das Beispiel Gareth Thomas zeigt, dass sich Homosexuelle auch im professionellen Männersport vor einem Outing nicht mehr fürchten müssen. Über schwule Künstler, Schauspieler, Tänzer, Eiskunstläufer oder Politiker regt sich keiner mehr auf, in fast allen gesellschaftlichen Bereichen ist die Liebe zwischen Männern längst kein Tabu mehr. Zwar haben sich in Sportarten, in denen klassisch "männliche" Eigenschaften wie Härte und Durchsetzungsvermögen im Vordergrund stehen und wo es darum geht, einen Gegner zu "besiegen", die althergebrachten Rollenbilder von starken Männern etwas länger gehalten. Ein schlechter Pass ist auf vielen Sportplätzen oft noch ein "schwuler Pass". Doch vielleicht ist die Welt des Sports gar nicht so schwulenfeindlich, wie Gareth Thomas und die meisten Beobachter immer dachten. "Die Unterstützung nach meinem Outing war einfach überwältigend. Ich habe Briefe aus aller Welt bekommen. Viele haben geschrieben, dass sie in einer ähnlichen Situation sind, und meine Entscheidung ihnen Mut gemacht hat. Beschimpfungen gab es überhaupt nicht."

Eric Anderson wundert sich darüber nicht. Der US-amerikanische Sportsoziologe lehrt an der Universität im englischen Bath und hat mehrere Bücher über das Spannungsfeld zwischen Maskulinität, Profi-Sport und homosexuellen Athleten geschrieben. Er ist einer der Wenigen, die nicht in das öffentliche Klagelied einstimmen, wenn es um Homophobie im Sport geht. "Wie im kulturellen Leben geht diese auch im Sport zurück", sagt er. Im Amateurbereich und an den Universitäten sei in westlichen Ländern davon schon jetzt kaum noch etwas zu spüren. Das würde sich langsam auf den Leistungssport auswirken. Zwar sei Sport allgemein konservativer als die Gesellschaft selbst. Doch von einem Bollwerk der Homophobie könne man nicht mehr sprechen. "Dass Athleten so große Angst davor haben, sich zu outen, ist in unserer Welt einfach irrational", sagt Anderson. 1993 galt er als erster schwuler Leichtathletik-Trainer, der sich in den USA öffentlich dazu äußerte.

Aber wäre ein Outing, etwa einem Fußballer der englischen Premier-League oder der deutschen Bundesliga tatsächlich zuzumuten? Wie würden die Medien, Fans von gegnerischen Teams reagieren? Anderson sagt: "Wenn ein Spieler eine heterosexuelle Affäre hat, wird das auch in den Medien ausgewalzt. Und die Fans beschimpfen gegnerische Spieler immer, egal aus welchen Gründen." Das jahrelange Versteckspiel sei für einen schwulen Sportler viel schlimmer. Am stärksten würde die Leistung darunter leiden.

"Die ständigen Lügen machen einen psychisch fertig und kosten viel Energie, die dann auf dem Spielfeld eben fehlt", sagt der Sportsoziologe. Marcus Urban bestätigt das. "Man ist innerlich total zerrissen. Man will etwas erreichen, aber man kann es nicht mit seiner ganzen Persönlichkeit machen. In einem wichtigen Teil muss man immer die Bremse anziehen", sagt er in dem Buch Versteckspieler, das seine Geschichte erzählt.

Anderson hat noch eine provokantere These. In der Vergangenheit hätten sich viele Sportler auch aus Angst vor abspringenden Sponsoren nicht geoutet, sagt er. Für Anderson entspricht das jedoch nicht mehr der heutigen Gesellschaft. "Das mag bei einer Martina Navratilova noch so gewesen sein. Doch heutzutage können es sich Firmen imagemäßig gar nicht mehr leisten, jemanden aufgrund seiner sexuellen Vorliebe fallen zu lassen." Homosexuelle Sportler, die sich nicht outen, würden ihre finanziellen Möglichkeiten nicht ausschöpfen. "Ein schwuler Star in einem 'männlichen' 'Sport wäre als Werbefigur sehr interessant. Denn er könnte in der schwulen Community, die für ihre loyale Gefolgschaft bekannt ist, zu einer Ikone werden", sagt Anderson. Als Beispiel nennt er Corey Johnson, der sich 1999 outete. Ein mittelmäßiger American-Football-Spieler an der High School, der trotzdem einige Werbeverträge bekam. Seine Homosexualität hatte ihn aus der Masse herausgehoben, hatte ihm ein Gesicht gegeben. Das wäre grundsätzlich auch in Deutschland möglich, sagt Sportmarketing-Experte Hartmut Zastrow. "Bei einem neuen Gesicht kann ich mir das sogar im Fußball vorstellen."

Dem 35-jährigen Gareth Thomas wird sein Potenzial als Werbefigur egal sein. Auch als Ikone der schwulen Bewegung sieht er sich nicht. Trotzdem würde er auch anderen Sportlern in seiner Situation raten, den Schritt in die Öffentlichkeit zu gehen. Auch einem Fußballer in Deutschland? "Aus meiner Erfahrung würde ich jedem zweifelnden Fußballer in Deutschland und England ja zu einem Outing sagen. Es war einfach eine unglaubliche Erleichterung." Das Umfeld aus Familie, Freunden und Mannschaft müsse natürlich stimmen. "Es hat sehr viel Kraft gebraucht, der erste Rugby-Nationalspieler zu sein, der sich outet. Doch vielleicht werden jetzt, wo der Knoten gelöst ist, viele folgen."