Presse

"Mehr als ein schwuler Fußballpräsident"
(Zeit Online, Hamburg, 27.08 .2010)

von Steffen Dobbert

Was damals passierte, sei eine dämliche, aber wahre Geschichte, sagt Corny Littmann. 21. November 2002, er gibt im Theater-Restaurant des Schmidts Tivoli einen Geburtstagsempfang. Viele Leute, bunte Unterhaltungen, Alkohol, gelöstes Lachen. Irgendwann wird der Theaterbesitzer gefragt, was ein Künstler eigentlich noch macht, nachdem er 50 Jahre alt geworden ist? Corny Littmann antwortet aus dem Bauch heraus: "Eine Oper inszenieren oder Präsident eines Fußballclubs werden."

Eine Oper hat er im Jahr 2009 inszeniert, aber schon vier oder fünf Tage nach der Feier sonnt sich Corny Littman an Deck der Aida. Sein Handy klingelt. Ein Bekannter, der Mitglied des Aufsichtsrates beim FC St. Pauli ist, fragt, ob er Präsident des Fußballclubs werden wolle. Den Verein leitet er danach für sieben Jahre.

Die Geschichte des Theatermannes und des FC St. Pauli, sie lässt sich schön erzählen. Kultiger Kiez-Club trifft auf durchgeknallten Schwulen, so und ähnlich lauten die Schlagzeilen. Einige halten den Schauspieler Corny Littmann Ende 2002 für das neue Maskottchen des Vereins.

Als Corny Littmann sein Amt antritt, ist der Club zweitklassig und praktisch insolvent. Heute, im Sommer 2010, spielt St. Pauli in der ersten Liga, hat eine neue Haupttribüne und wirtschaftet erfolgreich. Weil es nicht wusste, was es mit dem Verein noch erreichen kann, trat das Maskottchen vor einigen Wochen zurück.

Es gibt viele Bezeichnungen, die andere für Corny Littmann gefunden haben. St. Pauli-Retter, Macho, schwuler Clown, oder Kiez-Größe. Was man über ihn hört, klingt oft extrem. Die Menschen scheinen ihn entweder zu lieben oder zu hassen. Es mag daran liegen, dass er ein Leben lebt, das scheinbar keine Grenzen kennt.

In den Siebzigern brach er sein Psychologie-Studium ab, outete sich und tourte mit der freien Theatergruppe "Brühwarm" durch Deutschland. In den Achtzigern feierte ihn das Fernsehpublikum als Entertainer in Schmidts Mitternachtsshow. In den Neunzigern wandelte er die Theaterhäuser Schmidt und Schmidts Tivoli in gewinnbringende Unternehmen, ohne einen Euro Kultursubventionen anzunehmen. Und in diesem Jahrzehnt, ja, da war die Geschichte des schwulen Fußballpräsidenten.

Es heißt, in jedem Mensch ruht eine Wahrheit. Die von Corny Littmann ist schwer zu fassen. Wenn das Gespräch auf ihn kommt, reden die Leute sofort los. Über ihn wird geschwärmt, getuschelt und geschimpft. Vielleicht ist es übertrieben, aber Corny Littmann wird von einigen zusammen mit Doktor Jekyll und Mister Hyde genannt.

Er sagt, seine Gesundheit sei ihm wichtig, raucht aber zweieinhalb Schachteln Menthol-Zigaretten am Tag. Er hat vor einer Weile seine Ernährung nach Atkins umgestellt, geht oft joggen, trinkt aber jeden Tag und einmal im Monat, bis der Rausch ihn eingenommen hat.

Im Gespräch wirkt der 57-Jährige wie ein schüchterner Teenager. Er traut sich kaum, seinem Gegenüber in die Augen zu schauen. Wer sich aber anschaut, was der Geschäftsmann Littmann leistete, hält ihn für einen zielstrebigen Patriarchen.

Ein Freitag im August 2010. Auf der Reeperbahn im Keller des Cafe Keese stehen Schauspieler neben einem Rennauto aus Holz. Sie proben ein Theaterstück, das am 9. September im Schmidt Theater Premiere feiern soll. Eine Diskokugel groß wie ein Gymnastikball hängt über der Bühne. Über allem schwebt Corny Littmanns warmer Menthol-Zigaretten-Qualm. Er sitzt neben seinem Assistenten hinter einem Tisch, er inszeniert. Inszenieren heißt, alle machen, was Corny Littmann sagt.

Wenn er Anweisungen gibt, spricht Corny Littmann leise, er wirkt abwesend, fast genervt. Aber die Dinge, die er sagt, klingen ruhig, zuvorkommend, aufmerksam. Es scheint, als wolle dieser Mann höflich sein, aber niemand soll es bemerken.

"Von außen wirke ich bestimmt arrogant", sagt Corny Littmann über sich. Viele, die erstmals mit ihm reden, wundern sich nach etwa einer halben Stunde. Sie ändern dann das Bild, das sie vom Menschen Corny Littmann hatten. Sie erahnen, dass da mehr ist als Show, Geschäft und Zigaretten.

Den größten Schnitt im Leben des Corny Littmann gab es bereits, als er acht Jahre alt war. Zu seinen Eltern hatte er ein intaktes Verhältnis. Sein Vater lehrte als Professor für Finanzwirtschaft. Tagelang war seine Mutter nicht zu Hause gewesen. Corny Littmann wunderte sich darüber, wie sich ein Achtjähriger wundert. Dann holte ihn sein Vater an einem Tag zu Hause ab und fuhr mit ihm zum Friedhof. Er zeigte ihm das Grab seiner Mutter.

Während einer Routine-OP war dem Arzt ein Fehler unterlaufen, der einige Zeit danach zum Tod von Corny Littmanns Mutter führte. Weil die Eltern es so wollten, erfuhr Corny Littmann vom Tod erst Tage später. Seit diesem Schock habe er ein spezielles Verhältnis zur Endlichkeit des Lebens, sagt Corny Littmann. Er unterstützt die Arbeit eines Kinderhospizes in Hamburg, will über dieses Engagement aber nicht öffentlich reden.

Dem Lebemenschen Corny Littmann scheint sein Verhältnis zum Tod Kraft zu geben. Es scheint ein Teil seiner Wahrheit zu sein.

Einige Menschen wandeln sich, wenn sie eine Bühne betreten. Sie vertrauen sich vollkommen ihrer Lebenslust an und ziehen die Zuschauer in ihren Bann. Corny Littmann hat auf seinem Weg wenige Bühnen ausgelassen und sich oft gewandelt. Er folgt oft seinem Lustprinzip, kann inszenieren und faszinieren.

Aber wenn er herabsteigt von der Bühne, steht da kein Schauspieler. Nur ein furchtloser Mensch.