Presse

"Schwul, geoutet und Kapitän"
(Zeit Online, Hamburg, 08.12.2010)


von Constantin Wißmann

Auch in den unteren Ligen verschweigen viele homosexuelle Fußballer ihre Neigung aus Angst. Doch die Erfahrungen derer, die ein Outing gewagt haben, sind oft positiv.

Nein, ein Symbol sollen seine Fußballschuhe gar nicht sein, sagt Tony Quindt. Beim Einkauf im Internet hätten sie eher lila ausgesehen. Zuhause leuchteten sie dann rosa, der Mittelfeldspieler des norddeutschen Kreisligaklubs SIG Elmenhorst zog sie trotzdem zum Spiel an. Ob das bei dem einen oder anderen Zuschauer oder Gegenspieler irgendwelche Assoziationen wecken würde?

Darüber macht sich der 24-Jährige keine Gedanken mehr. Vor zwei Jahren hätte er die Schuhe noch nicht angezogen. Alles tat er dafür, damit bloß keinem auffiel, dass er anders, dass er schwul ist. Wenn die Mitspieler von ihren Frauen sprachen, erfand er eine Freundin. Doch der ständige Druck, immer etwas vortäuschen zu müssen, immer Geschichten parat haben zu müssen, nagte an ihm.

Er fasste einen spontanen Entschluss. Zu einer Vereinsfeier kam er mit einem Mann. "Das ist mein Freund", stellte er ihn seinen Mitspielern vor.

Dumme Sprüche hatte Tony Quindt befürchtet, nicht mehr angespielt zu werden, aus der Mannschaft zu fliegen. Nichts geschah. "Alle haben das sofort akzeptiert, keiner verhält sich seitdem anders zu mir, auch in der Dusche guckt keiner betreten weg", sagt er. Im Gegenteil. Seine Bindung zum Team ist viel enger geworden. Erst nach seinem Outing fühlte sich der Russlanddeutsche wirklich dazugehörig.

Homosexualität im Fußball ist ein Tabuthema. DFB-Präsident Theo Zwanziger hat den Kampf gegen Homophobie zur Chefsache erklärt und in Talkshows wird über die Frage debattiert: Was würde passieren, wenn ein Bundesligaprofi, vielleicht sogar ein Nationalspieler, seine Neigung öffentlich machte?

Wie weit ein solcher Schritt noch entfernt zu sein scheint, zeigt ein Blick in die Basis. Natürlich gibt es im deutschen Amateurfußball zahlreiche schwule Schiedsrichter, Funktionäre und Spieler. Allein nach den Regeln der Statistik muss es sie geben. Doch sobald es in die Nähe des Spielfelds geht, verstecken sie sich, spielen eine Rolle. Einige sind sogar mit anderen Männern verheiratet, ohne dass in ihrem Verein jemand davon weiß.

Wie groß die Angst ist, entdeckt zu werden, weiß Jan F. Orth nur zu gut. Er ist Präsidiumsmitglied des Fußballverbandes Mittelrhein, einer der wenigen Verbände, die das Thema im Amateurbereich offensiv angehen. Mit seinen Verbandskollegen hat er die Initiative "Einer von 11 ist schwul!" ins Leben gerufen, die der Problematik ein Forum geben soll. Dazu suchte Orth einen homosexuellen Spieler, der bereit ist, über seine Erfahrungen vor einer Kamera zu sprechen. Stimme und Gesicht hätten die Macher auf Wunsch verfremdet. Orth rief alle aktiven und passiven Fußballer an, die er kannte und loggte sich auf Fußball- und Schwulenforen ein – vergebens. "Sie glauben doch nicht im Ernst, dass sich da jemand meldet", so ähnlich lautete die häufigste Reaktion. Doch ist diese Angst immer noch begründet, in einer Zeit, in der schwule Männer zu Bürgermeistern und Ministern gewählt werden?

Ein Profi würde sich auch deswegen nicht outen, weil der zu erwartende Medienrummel unermesslich wäre, wird oft behauptet. In der Provinz existiert diese Gefahr nicht. Dafür kämen andere Faktoren hinzu, sagt die Ethnologin Tatjana Eggeling, die seit Jahren über Homosexualität im Sport forscht. Auf dem Land, wo jeder jeden kenne, sei der Konformitätsdruck besonders stark. "So lange Männer nicht in den Verdacht geraten, schwul zu sein, haben sie nichts zu befürchten." So würden junge Dorfkicker nicht nur den versierten Umgang mit dem Ball erlernen, sondern auch das Vermeiden all dessen, was als "schwul" wahrgenommen werden könnte.

Doch die Erfahrungen der wenigen, die ein Outing gewagt haben, sind fast durchweg positiv und stehen im krassen Gegensatz zu ihren Befürchtungen. Tony Quindt hat sich nie diskriminiert gefühlt. "Mich hat nie jemand als 'schwule Sau' oder so bezeichnet, vor und nach meinem Outing nicht" sagt er.

Dominik Sievers, der in der westfälischen Kreisliga kickt, pflichtet ihm bei. Auch er hatte sein Schwulsein lange verheimlicht. "Je länger man wartet, desto schwieriger wird es. Und ein Outing in einer Mannschaft ist nicht zu vergleichen mit einem Outing im Freundeskreis." In einem Team gebe es eben Spieler, die man nur oberflächlich kennt und deren Reaktion man nicht einschätzen könne. Als er dann mit 22 Jahren den Schritt machte, war er überrascht, wie problemlos alles war. "Meine Mannschaftskameraden fanden es klasse, dass ich so viel Vertrauen in sie hatte", erinnert sich Sievers. Später wählten sie ihn zum Kapitän. Auch als er begann, eine Jugendmannschaft zu betreuen, hörte er nichts Negatives, weder aus dem Verein, noch von den Eltern.

Der US-amerikanische Sportsoziologe Eric Anderson fühlt sich durch solche Berichte bestätigt. "Die Homophobie im Sport geht zurück, genau wie im kulturellen Bereich", sagt Anderson. Gerade im Amateurbereich sei in westlichen Ländern davon schon jetzt kaum noch etwas zu spüren. "Für einen Sportler ist es einfach irrational, sich nicht zu outen. Das Versteckspiel schadet der Leistungsfähigkeit enorm."

Die Ethnologin Tatjana Eggeling hält dagegen. Für sie seien Geschichten wie die von Tony Quindt und Dominik Sievers zwar "erfreulich und lobenswert", letztendlich aber nur Ausnahmen.

Doch Besserung ist in Sicht, davon ist auch Eggeling überzeugt. Schließlich hat Theo Zwanziger sie als externe Beraterin in die DFB-Arbeitsgruppe "Für Toleranz und Anerkennung, gegen Rassismus und Diskriminierung" geholt. Die soll sich im kommenden Jahr verstärkt um Homosexualität im Fußball kümmern. Das mag ein bisschen nach politisch korrektem Aktionismus klingen, doch Dominik Sievers setzt große Hoffnungen in den Präsidenten.

Als Sievers Zwanziger einmal im Fernsehen über Homosexualität im Fußball reden hörte, schickte er ihm eine Mail, in der er seine Erfahrungen nach seinem Outing beschrieb. Daraufhin lud Zwanziger den schwulen Kreisligafußballer zu einem persönlichen Gespräch ein und hörte ihm aufmerksam zu. Vor ein paar Jahren wäre so ein Gespräch noch völlig undenkbar gewesen.

Wir empfehlen zum Thema "Homosexualität im Amateurfußball" folgenden Film zweier Bremer Studenten, denen wir für die Veröffentlichung danken.