Presse

"Wir sind unsichtbar"
(11 Freunde, Berlin, 03.09.2010)


von Alex Raack

Heute startet in Hamburg die mittlerweile siebte Konferenz der Queer Football Fanclubs, des Dachverbandes der schwul-lesbischen Fanclubs. QQF-Sprecher Dirk Brüllau über Homophobie in deutschen Stadien und Ebbe Sand.

Dirk Brüllau, heute startet die siebte Konferenz des Queer Football Fanclubs in Hamburg. Wie steht es um die schwul-lesbische Fanszene in Deutschland?

Ehrlich gesagt: In den vergangenen zehn Jahren hat sich nicht wirklich viel bewegt, was die Wahrnehmung und Toleranz gegenüber Homosexuellen in der Kurve und auf dem Platz angeht. Zwar hat jeder deutsche Bundesliga-Verein einen schwul-lesbischen Fanklub, allerdings sind die Mitglieder in einigen Städten arg am knapsen. In Berlin sind die »Hertha-Junxx« froh, wenn sie genügend Leute mit ins Stadion bekommen.

Hat sich das Verhalten der anderen Zuschauer geändert?

Teilweise ja, teilweise nein. Den Schiri »als schwule Sau« zu beschimpfen gehört in den meisten Stadien immer noch zum guten Ton. Und das der Jugendslang der Gegenwart den Begriff »schwul« mit etwas Negativem assoziiert macht die Sache auch nicht besser. »Das ist ja voll schwul«, gilt jedenfalls nicht als Kompliment.

Wie reagierst Du in solchen Fällen?

Tatsächlich bin ich zehn Jahre deshalb nicht ins Stadion gegangen. Inzwischen bin ich wieder dabei. Entscheidend ist doch die Selbstregulierung in der Kurve. Wenn einer »Du schwule Sau!«, brüllt, dann müssen die Umstehenden reagieren und der Person auch mal freundlich zu verstehen geben sein Maul zu halten.

Wäre das nicht eine überempfindliche Reaktion? Schließlich dient Live-Fußball auch als Ventil.

Das kann ja auch so bleiben, und ich brülle auch nicht bei jeder Kleinigkeit nach Ordnern und Gerechtigkeit. Aber bestimmte Grenzen dürfen nicht überschritten werden und damit meine ich alle Formen von Diskriminierung. Wenn ein paar Idioten »Scheiß Neger!«, grölen, dann ist das einfach nicht akzeptabel.

Ist die deutsche Fußball-Landschaft noch immer so intolerant?

Das würde ich nicht sagen. Es hat schon etwas bewegt, vor allem innerhalb der Vereine. Wir merken das an der Resonanz für die Treffen und Konferenzen. Die Rückmeldungen für die aktuelle Konferenz sind sehr positiv, die Klubs behandeln die Themen Homophobie im Einzelnen und Diskrimierung im Allgemeinen mit großem Respekt. Was natürlich auch daran liegt, dass die Vereine in den Stadien möglichst familienfreundliche Atmosphären schaffen wollen. Ein pöbelnder Mob, der die »schwule Torwart-Tucke« beschimpft passt da eher weniger ins Bild.

Mitte der neunziger Jahre startete der DFB seine große Anti-Rassismus-Kampagne »Mein Freund ist Ausländer«. Warum gibt es nicht längst eine entsprechend aufgestellte Anti-Homophobie-Aktion?

Ganz einfach: Weil Du Schwule und Lesben nicht sichtbar machen kannst. Schwarz und weiß – das ist für jeden offensichtlich. Aber schwul oder nicht-schwul - wer soll das unterscheiden können?

Ein Thema der QFF-Konferenz lautet: »Jung, homosexuell und Fußballspieler – geht das?«

Den leicht sarkastischen Unterton haben wir auch deshalb gewählt, weil es ja offiziell scheinbar keine schwulen Fußball-Profis gibt; aber schwule Fußballer durchaus. Wie also ist das möglich?

Die ewige Diskussion: Gibt es schwule Fußball-Profis?

Ich gehe stark davon aus. Vor einiger Zeit wäre niemand überrascht gewesen, wenn sich ein sozial sehr engagierter Spieler wie Philipp Lahm geoutet hätte. Jetzt hat er eine hübsche Freundin und die Spekulationen sind beendet. Die gleiche Diskussion gab es ja auch mal um Ebbe Sand, nach einem anonymen »Spiegel«-Interview, in dem sich ein Fußballer über sein Doppelleben aussprach. Einige biografische Details deuteten auf Ebbe Sand, irgendwann waren auch diese Gerüchte versandet. Das ist aber auch wieder typisch für die Gesellschaft: Feinsinnigen Typen, wie Lahm oder Sand, traut man eher zu, homosexuell zu sein. Dass sich ein Machotyp wie beispielsweise Tim Wiese outen könnte, käme für die Menschen niemals in Frage. Heute gibt es noch immer keinen namhaften Profi, der sich geoutet hat und ganz ehrlich: Ich würde es keinem Spieler raten, es zu diesem Zeitpunkt zu tun.

Warum eigentlich? Deutschland scheint doch schon längst ein sexuell aufgeklärtes Land zu sein.

Unter der toleranten Oberfläche köchelt es aber noch immer. Die Adoption durch schwule oder lesbische Paare ist noch immer ein riesigen Thema, und der Anteil derer, die Homosexuellen pädophile Neigungen unterstellen ist laut neuesten Statistiken immer noch unerwartet groß. Fußball ist eine ganz eigene Welt, das ist kein Spiegelbild der Gesellschaft. Ich sprach erst neulich mit einem Mitarbeiter aus dem Leistungszentrum vom FC St. Pauli. »Was würdet ihr tun, wenn euch ein junger Spieler mitteilt: `Ich bin schwul.´?« Er antwortete mir: »Darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht.«

Es besteht also Aufklärungsarbeit?

Auf alle Fälle. Das ist eigentlich das zentrale Anliegen unserer Konferenz: Mit Vereinen und Verantwortlichen über das Thema Homosexualität und die Leistungen der einzelnen Klubs sprechen.

Wie sieht Dein Wunschergebnis für diese Entwicklung aus?

Offiziell muss jede Firma, jeder Betrieb, einen Diskriminierungsbeauftragten haben. Das gilt also auch für die Bundesliga-Klubs. Dort wird der Posten allerdings meistens vom Sicherheitsbeauftragten bekleidet und nur pro forma ausgeübt. Wenn wir es schaffen, dass in ein paar Jahren innerhalb der Vereine ein Klima herrscht, das zumindest die theoretische Möglichkeit eines Outings nicht unmöglich macht, dann haben wir schon einiges erreicht.