Presse

"Rote Karte für schwulen Libero"
(DerWesten.de, Essen, 09.09.2010)


von Gerd Niewerth

Ein französischer Amateurklub verweigert einem homosexuellen Spieler die Lizenz. Seit Jahren musste sich Yoann Lemaire Sticheleien, Beleidigungen und Erniedrigungen gefallen lassen. Dann kam es zum Eklat in der Öffentlichkeit.

Yoann Lemaire, ein 28 Jahre alter Fußballspieler in Diensten des Amateurklubs FC Chooz, zählt in diesen Tagen zu den bekanntesten Sportlern der Nation. Doch es sind nicht seine Libero-Künste auf dem grünen Rasen, die ihn in die Schlagzeilen bringen. Es ist einzig seine sexuelle Orientierung: Yoann Lemaire ist schwul. Und weil das so ist, hat ihm sein Verein nun die Rote Karte gezeigt. Für die neue Spielzeit haben sie ihm die Lizenz verweigert.

Homosexualität im Fußball zählt zu den letzten Tabus – nicht nur in Frankreich. Deshalb ist die Causa Lemaire ein Präzedenzfall: Er ist der erste französische Fußballer, den sie vom Platz gestellt haben, nur weil er Männer liebt.

„Fußball war mein Leben, damit ist nun Schluss“

Schon seit 14 Jahren trägt der Fußballer aus dem Département Champagne-Ardennes im Nordosten Frankreichs stolz das Trikot des FC Chooz. Und schon lange wissen die Mitspieler Bescheid. Seit Jahren musste sich Lemaire Sticheleien, Beleidigungen und Erniedrigungen gefallen lassen. Vor einem Jahr kam es schließlich zum Eklat, als ein Mitspieler ihn vor der Kamera des Fernsehsenders „France 3“ in aller Öffentlichkeit wegen seiner Homosexualität beleidigte. Und nun der Lizenzentzug.

„Fußball war mein Leben, damit ist nun Schluss“, sagt Yoann Lemaire resigniert. Für die französischen Schwulenverbände ist das Maß voll. Bartholomé Girard, Präsident von „SOS Homophobie“ ärgert sich gegenüber der Nachrichtenagentur AFP darüber, dass in Frankreich offenbar mit zweierlei Maß gemessen werde. Dass Rassismus und Antisemitismus gesellschaftlich geächtet und in schlimmen Fällen sogar bestraft würden, während offene Schwulenfeindlichkeit geduldet werde.

Beschwerden gegen Yoann Lemaires Lizenzverweigerung sind bisher fruchtlos geblieben. Der Verein rechtfertigt seine umstrittene Entscheidung mit der Begründung, man habe ihm Probleme mit seinen Mitspielern ersparen und ihn somit letzten Endes nur schützen wollen. Und Jean-Claude Hazeaux, Präsident des Fußballverbandes im Departement, windet sich achselzuckend aus der Affäre, indem er darauf verweist, dass ihm juristisch die Hände gebunden seien.

„Nulltoleranz gegen Homophobie“

Er könne den Klub nicht bestrafen, weil es dafür in der Satzung keinerlei Vorschriften gebe. Zu den engagiertesten Vorkämpfern gegen Schwulenfeindlichkeit im französischen Sport zählt Sportstaatssekretärin Rama Yade. Sie nimmt den Fall Lemaire zum Anlass, die Sportfunktionäre im Land aufzufordern, entschlossen für „Nulltoleranz gegen Homophobie“ einzutreten. Vehement widerspricht sie dem Funktionär Hazeaux: „Unser Recht ist weit genug entwickelt, um solch ein Verhalten zu ahnden.“

Im Sportministerium arbeitet eine Arbeitsgruppe an einer Charta gegen Homophobie. Ein vergleichbares Werk gibt es unterdessen schon. Entworfen hat es der Pariser Schwulenklub „Paris Foot Gay“ (PFG). Aber nur wenige französische Profiklubs, darunter Paris St. Germain, stellten sich bisher demonstrativ hinter die Charta.

Anfeindungen gehören auch für die Spieler von „Paris Foot Gay“, der übrigens auch Heterosexuelle in seinen Reihen hat, zum Alltag. Vor einem Jahr weigerte sich das Team von „Créteil Bebel“, ein überwiegend muslimischer Verein, gegen PFG anzutreten - aus religiösen Gründen.