Presse

"Der ist doch schwul"
(Zeit Online, Hamburg, 31.07.2010)

Ein neuer Volkssport: Mutmaßungen über Männer

Wir wissen dank Google, dass die Leute über prominente Männer kaum etwas dringender wissen wollen als: Ist der schwul?

von Ulf Lippitz

Dieses Interesse ist öffentlich dokumentiert, weil bei Google seit etwa einem Jahr ein Programm namens Suggest mitläuft, das jedes Suchwort während der Eingabe automatisch um die Begriffe erweitert, mit denen es am häufigsten kombiniert wird. Mit dem Namen des (frisch verheirateten) Nationalspielers Philipp Lahm kombinieren die Googler offenbar vor allem das Suchwort »schwul« (gefolgt von der Frage nach »Freundin« und »Steckbrief«); bei Per Mertesacker ist es ähnlich, ebenso bei Torsten Frings und Bastian Schweinsteiger. Bei Steffen Seibert, dem neuen Regierungssprecher, kommt das Wörtchen gleich nach »ZDF«, »Uni Regensburg« und »Frau«. Bei Jake Gyllenhaal, dem nachdenklich wirkenden Exfreund von Reese Witherspoon, steht es an erster Stelle, so auch beim James-Bond-Darsteller Daniel Craig. Und nicht einmal ein Outing mit Freund und Homestory scheint die Neugierde zu stillen. Unverdrossen wird beim deutschen Außenminister gegoogelt: Westerwelle schwul? Nur bei Dieter Bohlen scheint sich keiner zu fragen, ob er vielleicht Männer liebt.

Niemand wird ernsthaft annehmen, dass mehr als die Hälfte der deutschen Fußballnationalspieler homosexuell sind. Aber etwas muss sich verändert haben, wenn sich Millionen Deutsche in erster Linie für die sexuelle Orientierung eines Prominenten interessieren. Bei Fußballern ist ein Grund offensichtlich: Ihr Image hat sich gewandelt. Statt zur biergetränkten Sphäre der Vereinsheime gehören sie mittlerweile zur narzisstischen Welt der Popkultur. Vor der Fußball-WM zogen sich Cristiano Ronaldo und Didier Drogba für ein Titelbild der Vanity Fair bis auf die Unterhosen aus. Und Joachim Löws Kaschmirpullover mit V-Ausschnitt wurde während der Weltmeisterschaft fast so viel Aufmerksamkeit zuteil wie seinen taktischen Überlegungen. Der Bundestrainer, seit Ewigkeiten mit seiner Jugendliebe verheiratet, schien schon immer so enigmatisch, so gut gekleidet und gepflegt, dass bei vielen die Alarmglocken klingelten.

Doch bei Google kann noch so oft gesucht werden, diese Suchen laufen immer ins Leere: Keiner der hier Genannten hat durch eigene Äußerungen je Anlass gegeben für Spekulationen. Im Gegenteil: Es gibt Männer, die haben geheiratet, Kinder gezeugt – und trotzdem hält sich das Gerücht. Offenbar gibt es noch immer Leute, die glauben, Schwule erkenne man an der hohen Stimme, den zarten Gesichtszügen oder an ihrem verbindlichen, irgendwie gar nicht stoffeligen Auftreten. Das ist ein zwar überholtes, aber offensichtlich nicht totzukriegendes Stereotyp: Welcher ordentliche Kerl hat denn, bitte schön, solch hübsche Wimpern? Oder sagt Weicheier-Sätze wie: »Früher habe ich geweint, wenn wir verloren haben«? Aus Sicht der Mutmaßer kommen bei Philipp Lahm seine Einsätze zugunsten der Aids-Hilfe erschwerend hinzu, und erst recht seine aufgeklärt-lässig wirkenden Interviews zum Thema Homosexuelle (wobei man das genauso gut als Beleg seiner Unbesorgtheit werten könnte – die sich ein Mann, der sein Schwulsein verbergen möchte, vermutlich nicht erlauben würde).

Aber Vorsicht! Auch betont maskulines Auftreten kann zu Unterstellungen führen. So mancher Beobachter hat zum Beispiel beim Christopher Street Day beobachtet, dass viele Schwule Muskelfetischisten sind, und kombiniert nun messerscharf, dass, wer als Mann sehr auf seinen Körper achtet, womöglich... Es ist die Evolution des Schwulenklischees in der Fitnessgesellschaft. Den Hollywood-Schauspieler Vin Diesel, der mit seinem Oberkörper protzt wie andere mit einem neuen Porsche, ereilt die Homo-Unterstellung immer wieder; das amerikanische Klatschblatt National Enquirer setzte ihn kürzlich auf eine Liste der »heimlichen Hollywood-Schwulen«.

Doch die Vorstellung davon, wer schwul ist und wer nicht, funktioniert immer nur innerhalb einer bestimmten Zeit und Kultur. Zum Beispiel Jürgen Klinsmann. Lange vor Google, an Stammtischen und vor dem Fernseher, war Klinsmann der erste deutsche Fußballer, dessen sexuelle Orientierung diskutiert wurde. Klinsmann war schließlich für damalige Verhältnisse lange unverheiratet geblieben und war ansonsten ein feinsinniger Intellektueller, jedenfalls im Vergleich zu Lothar Matthäus. Alles klar!

Als Anlass für derartige Schlussfolgerungen reichte wenige Jahre zuvor schon ein T-Shirt. Der Modedesigner Paul Smith sagte einmal, dass britische Pauschaltouristen Mitte der siebziger Jahre viele Spanier für schwul hielten, weil sie T-Shirts in auffälligen Farben trugen. Sogar in Rosa! Viele Deutsche wiederum halten bis heute jene italienischen Männer für homo, die für ihr Aussehen mehr Aufwand betreiben als der Bundesbürger.

Umgekehrt, erzählt eine italienische Studentin, gelte unter Italienern in Berlin die einfache Formel: »Die Schwulen sehen wie Heteros aus – und die Heteros wie Schwule.« Anfangs habe sie beim Anblick der schlanken Indie-Jungs mit ihrem Welpenblick an leidende Homosexuelle gedacht – und nicht an ganz normale Studenten, zu deren Grundausstattung in Deutschland nun mal eine Art Weltschmerz gehöre. Sie musste ihr Männerbild neu justieren.

In der amerikanischen Fernseherie Ugly Betty versucht ein verständnisvoller Chef, für seinen schwulen Angestellten ein Date zu finden. Er zeigt auf einen Mann an der Bar, den eine Aura von Eleganz umgibt. »Aber nein, das ist doch bloß ein Europäer«, sagt der Schwule – und ergänzt: »Anfängerfehler.« Manche US-Bürger halten Europäer gleich grosso modo für homosexuell. Europäische Anzüge sind oft enger geschnitten, sie sehen modischer aus – ergo können ihre Träger kaum etwas mit Amerikas Heterosexuellen gemeinsam haben. Die tragen – wie in den achtziger Jahren – breitschultrige Jacketts und Bundfaltenhosen, und ihre Stimme wummert tief wie die von Larry King in seinen besten Zeiten. Stilistische Experimente oder auch nur der Anschein von Nachdenklichkeit scheinen echten amerikanischen Männern fernzuliegen.

Und wahrscheinlich ist es das, worauf die Frage »Philipp Lahm schwul« eigentlich abzielt: Wo verlaufen die Grenzen der Hetero-Norm? Wie anders darf der Einzelne in Bezug auf die Allgemeinheit sein? Die Kulturwissenschaft prägte dafür den Begriff »Othering«: Indem man eine andere Kultur als völlig fremd darstellt, vergewissert man sich seiner eigenen Identität. Wenn zum Beispiel die Literatur des 19. Jahrhunderts ein Orientbild mit hinterlistigen Wüstenkriegern und geheimnisvoll verschleierten Frauen konstruierte, sagte das vor allem aus: Wir im Abendland sind nicht so. Michael Warner, einer der Vordenker der amerikanischen Queer Theory , glaubt, dass diese Art der Beschäftigung mit dem anderen eine rein regressive Funktion erfüllt: Sie bestätige das konservative Bild einer Gesellschaft, in der als schwul (oder lesbisch) immer das bezeichnet werde, was den Mainstream verunsichere. Dass die Frage hierzulande zuletzt vor allem anhand der Nationalmannschaft verhandelt wurde, passt auch dazu: Schließlich sind Fußballer dem durchschnittlichen Deutschen von allen öffentlichen Vorbildern noch immer am nächsten.

Was also erzählt uns die Obsession mit »schwulen« Prominenten über den Mann im Wandel der Zeiten? Halten wir fest: Der deutsche Mann darf mit über 30 Jahren noch unverheiratet sein und vielleicht sogar die Haare jungenhaft lang tragen. Aber wenn er zu sehr auf seine Figur achtet, diese in eng geschnittenen Hemden zur Geltung bringt und trotz all dieser Vorzüge seine langjährige Ehefrau nicht mit brasilianischen Strandschönheiten betrügt, dann ist das doch irgendwie...also, normal ist das nicht.