Presse

Das böse Wort
(Süddeutsche Zeitung, Stuttgart, 12.07.2010)

Ballack-Berater Michael Becker

Der Berater von Ballack sah im DFB-Team offenbar eine Ansammlung homosexueller Spieler - und erzählte Journalisten davon. Die schwulenfeindlichen Zitate bergen Sprengstoff. Michael Becker dementiert die Äußerungen, Ballacks neuer Klub geht auf Distanz.

von Michael König

Michael Ballack hat derzeit ein paar Probleme. Philipp Lahm will seine Kapitänsbinde nicht mehr hergeben, Thomas Müller trägt die Rückennummer 13. Angesichts der teils glänzenden Leistungen der deutschen Fußball-Nationalmannschaft bei der WM in Südafrika fragen sich Stammtische und Experten, ob Ballack in die DFB-Elf zurückkehren soll.

Nun wird die Rückkehr des derzeit verletzten Mittelfeldspielers in die Nationalmannschaft aus unerwarteter Richtung torpediert: Ausgerechnet Ballacks Berater, der in Luxemburg ansässige Rechtsanwalt Michael Becker, macht mit angeblichen Äußerungen über Homosexuelle im deutschen Fußball von sich reden. Er spricht von einer "Schwulencombo" im DFB-Team und von einem "halbschwulen" Spieler, den Löw mit zur WM nach Südafrika genommen habe.

So steht es zumindest in einem Essay des preisgekrönten Journalisten und Schriftstellers Alexander Osang in der aktuellen Ausgabe des Nachrichtenmagazins Der Spiegel. Darin erzählt Osang von einem gemeinsamen Essen mit Becker in einem noblen Restaurant in Luxemburg, zwei Monate vor Beginn der WM. Zu diesem Zeitpunkt war Ballack als Kapitän der Nationalelf gesetzt. Erst kurz vor dem Turnier verletzte sich der 33-Jährige.

In diesem Luxemburger Gespräch sollen die explosiven Zitate gefallen seien. Der Ballack-Berater habe ihm erzählt, schreibt Osang, "welche deutschen Spieler angeblich schwul seien".

"Der ist halbschwul"

Wenige Tage später habe der Ballack-Berater "inmitten einer Traube von Spielerberatern und Journalisten" am Rande des Abschiedsspiels von Bernd Schneider angekündigt, dass es einen ehemaligen Nationalspieler gebe, der "die Schwulencombo" demnächst "hochgehen lassen" würde. Osang: "Ich erwartete, dass meine Kollegen nun mit roten Ohren nachfragen würden, was das bedeuten solle, aber sie nickten nur gelassen. Alle Sportjournalisten schienen die Geschichten von der vermeintlichen großen homosexuellen Verschwörung um die Mannschaft von Joachim Löw zu kennen."

Auf die Frage des Spiegel-Schreibers, ob ein Spieler, der auch "etwas überraschend nominiert worden war, seiner Meinung nach auch schwul sei", habe Becker geantwortet: "Der ist halbschwul."

Der Artikel im Spiegel und die Äußerungen Beckers sind deshalb so explosiv, weil Homosexualität im deutschen Fußball tabuisiert wird. In der Kultur, in der Wirtschaft und in der Politik ist die sexuelle Orientierung kein Verschweige-Thema mehr - im Fußball dagegen ist Geheimniskrämerei an der Tagesordnung.

Becker dementiert

Als einziger Spieler hat sich der ehemalige Regionalligaspieler Marcus Urban (Rot-Weiß Erfurt) vor einigen Jahren öffentlich geoutet - allerdings erst nach seinem Karriereende. Experten gehen davon aus, dass etwa zehn Prozent der Bundesliga-Profis schwul sind.

Im Männersport Fußball ist Homosexualität bis heute das größte Tabu, obwohl der Deutsche Fußball-Bund (DFB) und einige Vereine der Diskriminierung von Schwulen und Lesben den Kampf angesagt haben. Zuletzt äußerte DFB-Präsident Theo Zwanziger im Zuge der Ermittlungen gegen den bisexuellen Schiedsrichter Manfred Amerell die Hoffnung, homosexuelle Spieler sollten sich vertrauensvoll an ihn wenden.

Die Aussagen des Fußballberaters Becker widersprechen diesem Kampf, sie bringen den Rechtsanwalt und seinen Klienten Michael Ballack in den Ruch der Schwulenfeindlichkeit. Im Gespräch mit sueddeutsche.de dementiert Rechtsanwalt Becker jedoch, die Aussagen in der von Osang zitierten Form getätigt zu haben: "Der Kollege muss das falsch verstanden haben."

Ob sich Becker in anderer Form über Homosexuelle im Fußball geäußert hat, will der Rechtsanwalt nicht sagen: "Dazu sage ich nichts." Er deutet an, es könne eine Verwechslung vorliegen: "Herr Osang hat die Nationalmannschaft ja sechs Monate begleitet. Ich weiß nicht, welche Gespräche er sonst so mitgehört hat." Seine eigene Meinung zur Homosexualität will Becker nicht äußern: "Dazu sage ich auch nichts." Auf die Frage, wie Michael Ballack zu dem Thema steht, antwortet Becker: "Da müssen Sie ihn selber fragen."

In der Sporttredaktion des Spiegel heißt es auf Anfrage von sueddeutsche.de, die Zitate Beckers seien von dem Rechtsanwalt nicht authorisiert worden. Jedoch habe Osang sie "unter Zeugen" mitgeschrieben.

Bayer reagiert verschnupft

Mit Michael Ballack ist der Rechtsanwalt seit 1999 geschäftlich verbunden. Becker half 2002, den Transfer des damals aufstrebenden Mittelfeldspielers von Bayer Leverkusen zu Bayern München abzuwickeln. 2006 brachte er seinen Mandanten beim FC Chelsea in der englischen Premier League unter, wo Ballack zum Weltstar und zig-fachen Millionär aufstieg.

Nachdem der Chelsea-Eigner und Öl-Magnat Roman Abramowitsch offenbar nicht mehr bereit ist, unbegrenzt Geld in sein Spielzeug zu stecken, wurde Ballacks Vertrag am Ende der abgelaufenen Saison nicht verlängert. Becker transferierte den 33 Jahre alten Profi daraufhin zurück zum Bundesligisten Bayer Leverkusen, wo er einen Zweijahresvertrag unterschrieben hat.

"Persönliche Aussagen"

In Leverkusen ist Rückkehrer Ballack der Hoffnungsträger, der den Klub vom Stigma des ewigen Zweiten befreien und zu Erfolgen führen soll. Die Bayer Leverkusen Fußball GmbH, eine 100-prozentige Tochter des Pharmaherstellers Bayer AG, betrachtet sich als führend auf dem Gebiet der Nachwuchsförderung und bei sozialen Engagements. Entsprechend verschnupft reagiert der Verein auf die angeblichen Äußerungen des Ballack-Beraters.

"Bei Bayer Leverkusen haben wir überhaupt keine Ressentiments gegenüber Homosexuellen", sagt Klub-Pressesprecher Dirk Mesch im Gespräch mit sueddeutsche.de. Bei den Zitaten im Spiegel handele es sich um "persönliche Aussagen von Herrn Becker, die nicht mit Bayer Leverkusen in Verbindung zu bringen sind". Es gebe im Profifußball "unglaublich viele Berater, die in erster Linie die Interessen ihrer Spieler im Auge haben. Da fällt die eine oder andere Aussage, die man als Verein nicht kommentieren möchte."

Auch der DFB reagierte gereizt auf die angeblichen Becker-Zitate. Der Manager der Nationalmannschaft, Oliver Bierhoff, sagte in der Bild-Zeitung: "Dazu muss man nichts sagen. Da erübrigt sich jeder Kommentar. Auf so ein Niveau muss man sich nicht begeben."

Zärtliche Berührung in Barcelona

Rechtsanwalt Becker ist mit seinen angeblichen Äußerungen in prominenter Gesellschaft: Der damalige Kölner Bundesliga-Trainer Christoph Daum setzte in einem Interview Homosexualität und Pädophilie gleich - und entschuldigte sich nach einem Treffen mit einem schwul-lesbischen Fanklub für seinen Ausfall. Der ehemalige Schalker Manager Rudi Assauer wiederum berichtete, er habe in seiner Zeit bei Werder Bremen einem homosexuellen Masseur geraten, dieser solle sich einen neuen Job suchen.

Auch im Ausland wird die Existenz von Schwulen im Fußball geleugnet, schon der Verdacht stellt eine schlimme Beleidigung dar. Zuletzt war das beim spanischen Topklub FC Barcelona zu sehen, dessen Stars Gerard Piqué und Zlatan Ibrahimovic bei einer vermeintlich zärtlichen Berührung fotografiert worden waren. Auf dem Foto lehnt der schwedische Stürmer Ibrahimovic an einem Auto, während sein spanischer Teamkollege Piqué ihn an der Hand berührt. Ein Fan hatte das Motiv heimlich auf dem Parkplatz des Barcelona-Heimstadions Camp Nou geschossen, berichteten spanische Medien.