Presse

Helden der Sozialisation
(Jetzt.de, Stuttgart, 11.07.2010)

Warum ist Homosexualität im Sport immernoch ein so großes Thema?

von Helmut Mauró

Marcus Urban ist einer, der sich geoutet hat. Allerdings erst lange nach seiner bescheidenen Karriere beim Drittligisten Rot-Weiß Erfurt. Bis heute ist er der einzige Profifußballer, der zugibt, schwul zu sein. Dabei schwelt die Debatte um Homosexualität im Spitzensport schon lange, spätestens durch den Schwimmer Mark Spitz ist sie virulent geworden - und der hat sich auch erst Jahrzehnte nach seiner aktiven Karriere geoutet. Im Frauenfußball scheint es dagegen beinahe umgekehrt zu sein: Die Hetero-Frauen müssen sich gegen eine lesbische Übermacht durchkämpfen. Derweil ermuntert DFB-Präsident Theo Zwanziger auch deutsche Fußballer, sich zu outen. Will er das wirklich?

Warum gibt es weiterhin Gruppen wie Friseure, Künstler und Stewards, denen man von Haus aus einen hohen Grad an homosexueller Neigung unterstellt, und andere wie Sportler, besonders Fußballer, denen man solche Neigungen grundsätzlich abspricht? Warum können sich die schwulen Profi-Fußballer im Gegensatz zu ihren weiblichen Kolleginnen nicht outen, wie dies selbst Spitzenpolitiker tun?

Zu den historisch verwurzelten und noch immer nachwirkenden Gründen gehört sicherlich der Paragraph 175, der immer nur für Männer galt und im ersten deutschen Strafgesetzbuch vom 15. Mai 1871 eindeutig besagt: 'Die widernatürliche Unzucht, welche zwischen Personen männlichen Geschlechts oder von Menschen mit Tieren begangen wird, ist mit Gefängnis zu bestrafen.'

Noch 1969 galt in der Bundesrepublik: 'Mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren wird bestraft: 1.ein Mann über achtzehn Jahre, der mit einem anderen Mann unter einundzwanzig Jahren Unzucht treibt oder sich von ihm zur Unzucht mißbrauchen läßt.' Sex mit Tieren war ab sofort erlaubt. Ab dem 23. November 1973 galt immerhin noch: 'Ein Mann über achtzehn Jahren, der sexuelle Handlungen an einem Mann unter 18Jahren vornimmt oder von einem Mann unter 18 Jahren an sich vornehmen läßt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.'

Erst am 10. März 1994 wurde der Paragraph 175 ersatzlos gestrichen. Und es bedurfte noch vieler Vorabendkrimis, Seifenopern und Lindenstraßen, bis das Ekelgefühl der meisten Deutschen, die in aller Regel mit Homosexualität gar nichts zu tun hatten, ein bisschen gemildert wurde. An ein umfassendes Promi-Outing war dennoch nicht zu denken, auch Wowereit gestand erst, als er erfuhr, dass die Bild-Zeitung am nächsten Tag groß berichten würde. Für einen Fußballer aber, der aus der Fankurve auch ohne Outing schon mal als Schwuchtel beschimpft wird, war und ist daran gar nicht zu denken. Und es sind ja nicht nur dumme und gewaltbereite Hooligans, die Feindbilder brauchen, die ihr Ego mit der Herabsetzung anderer aufpäppeln. Auch wichtige Vertreter der großen Kirchen spielen dabei eine ungute Rolle.

Dabei hat keiner der großen Religionsgründer ein Schwulenverbot ausgesprochen. In keiner Bibel, in keinem Koran, nirgends steht, dass Homosexualität verwerflich, krank, sündhaft oder verrückt sei. Es waren und sind die Bibeldeuter und Koranexegeten, die solcherlei hineinlegen in die Worte der Schrift. Auch im Bundesbuch der Juden findet sich kein Verbot der Homosexualität, sondern erst viel später im Heiligengesetz von Leviticus 17-26.

Der Göttinger Biologe und Theologe Volker Sommer hat sich schon 1989 in seiner Studie 'Wider die Natur?' mit Urteilen zum Thema Homosexualität unaufgeregt sachlich beschäftigt.

Was wiederum den Medien sehr schwer fällt. Nicht erst beim Sturz der Pop-Ikone Michael Jackson konnte man lernen, wie gnadenlos journalistisch-mediale Intrige funktioniert. Schon im Deutschen Kaiserreich gelang es dem Journalisten Maximilian Harden mit der Eulenburg-Affäre - gekrönt mit einem Leitartikel vom 6. April 1907 - die Reputation 'Wilhelms des Friedlichen' und seiner Berater durch Unterstellung von homosexuellen Neigungen zu vernichten.

Ganz ähnlich stellt sich die Gemengelage im Fall des Schiedsrichter-Betreuers Amerell für den Deutschen Fußballbund dar. Auch hier ging es von Anfang an nicht darum, welchen sexuellen Neigungen und Praktiken deutsche Fußball-Funktionäre nachgehen, sondern zu welchem Grad die Institution durch die öffentliche Meinung erschüttert würde. Ein Verdacht reicht dabei, wie bei Kaiser Wilhelm und Michael Jackson für eine öffentliche Verurteilung völlig aus. Oft mit schweren Folgen. Der junge Schiedsrichter Michael Kempter wurde inzwischen wegen mangelnder Reife in die dritte Liga zurückgestuft.

Unreife: Auch dies ein traditioneller Reflex, abweichendes Verhalten und Sexualverhalten zu entschuldigen. Warum sind unsere Religionen, Staats- und Wirtschaftssysteme so fanatisch darauf angewiesen, Sexualität als Unterdrückungshebel zu nutzen und daraus Schuld, Krankheit und Verbrechen zu machen? Warum galten Homosexuelle in Theben als die besten Kämpfer - es gab ganze Elite-Batallione aus schwulen Pärchen -, während man sie heute als Weicheier und als soziale, weil kinderlose Schädlinge betrachtet?

Diese Fragen wird nicht der DFB beantworten, und es ist verständlich, dass sich Spitzensportler nicht selber zu Opfern machen, sich dem Hohn der Fans aussetzen und ihre Werbeverträge gefährden. Unsere Gesellschaft will egoistische Gewinnertypen und Helden der Sozialisation. Und die Fans wollen echte Männer, also das, was der Fußballkommentator darunter versteht, wenn er Rinaldo nach jedem noch so brutalen Foul als Schauspieler diffamiert oder wenn in Waldis WM-Club gewitzelt wird, Ronaldo rasiere sich den Hintern. Ist das noch heterosexueller Neid oder schon erotisches Begehren?