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„Problem fängt mit dem Duschen an“
(Kölner Stadtanzeiger, Köln, 01.07.2010)

Schwule, Lesben und Sport: Kevin Liebig hat die Fußball-Jugendgruppe „Anyway Hot-Shots“ gegründet. Da Homosexualität im offiziellen Fußball-Betrieb nach wie vor ein Tabuthema ist, hat es seine Vorzüge, unter sich zu bleiben.

von Clemens Schminke

„Wenn die gesamte Südkurve beim Auswärtsspiel »Du Schwuchtel« brüllt, möchte ich mir das nicht antun.“ Mit dieser Szene veranschaulicht Kevin Liebig den schweren Stand, den Schwule im Fußball nach wie vor haben. So wird die Homosexualität lieber verschwiegen, zumal im Bundesliga-Betrieb. Wenn bekannt wird, dass die sexuelle Neigung von der Mehrheitsnorm abweicht, kann das nicht nur die Spielfreude, sondern auch die Karriere kosten.

„Das Problem fängt mit dem gemeinsamen Duschen an“, sagt Liebig, „überhaupt spielt der körperliche Kontakt eine Rolle.“ Dazu kommt, dass die Fans des Gegners in der Regel nicht zimperlich sind, gerade in einer Sportart, die kampfbetont ist und als besonders männlich gilt. Daher hat es seine Vorzüge, unter sich zu bleiben. Liebig, 31 Jahre alt und Bürokaufmann, hat vor zehn Jahren die Fußball-Jugendgruppe „Anyway Hot-Shots“ gegründet. Angegliedert ist sie dem SC Janus, unter dessen Dach auch die Männermannschaft „Cream Team Cologne“ und die Sportlerinnen der „Bösen Möwen“ trainieren. Das „Cream Team“, das in der „Bunten Liga“ mitspielt, ist schon Sieger bei der schwul-lesbischen Fußballweltmeisterschaft geworden, 1999 in Fort Lauderdale.

Ein Jahr später wurde der Wettkampf, den die International Gay and Lesbian Football Association vergibt, in Köln ausgerichtet. Diesmal unterlag das Cream Team den London Lions; dafür siegten bei den Frauen die Berlin Magic Pirates. In diesem Jahr findet die schwul-lesbische Fußballweltmeisterschaft als Teil der Gay Games erneut in Köln statt. Die Sportart zählt die meisten Teilnehmer; allein für das Turnier der Männer werden rund 55 Mannschaften aus aller Welt erwartet. Längst eine Institution in der Stadt ist der „Come Together Cup“ , ein Turnier, an dem nicht mehr nur Homosexuelle teilnehmen.

Bei der Parade zum Christopher Street Day, dessen Motto „Stolz bewegt“ auf die Gay Games anspielt, ist wieder eine Abordnung der „Queer Football Fanclubs“ dabei. Die Dekoration ihres Wagens wird zum großen Teil vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) finanziert. Dessen Präsident Theo Zwanziger will nach eigenem Bekunden gegen Diskriminierung im Fußball angehen. Aus Gründen der politischen Korrektheit? Liebig glaubt das nicht. „Das sind keine Lippenbekenntnisse, es ist ihm ein persönliches Anliegen.“ Hart auf die Probe gestellt wurde es im Februar im Fall des DFB-Funktionärs Manfred Amerell, dem sexuelle Belästigung eines jungen Schiedsrichters vorgeworfen wurde.

An Akzeptanz mangelt es auch bei den Frauen. Fußball gehöre zwar zu den „typischen Lesbensportarten“, sagt Annette Wachter vom Vorstand des SC Janus. Doch viel werde verschwiegen, auch aus verständlichem Grund. Die Frauen wollten vermeiden, dass in der Öffentlichkeit mehr über ihr Privatleben als über ihre sportlichen Leistungen geredet werde. Es bleibt also viel zu tun. Im März sagte Jan F. Orth, Präsidiumsmitglied des Fußball-Verbands Mittelrhein, dem „Kölner Stadt-Anzeiger“: „Einen problemlos geouteten Fußballer in unseren Mannschaften kennen wir nicht.“