Presse

"Du trägst doch Strapse!"
(zeitjung.de, München, 06.07.2010)

Die Queer Football Fanclubs kämpfen für tolerante Fankultur.

Der Sprecher der Queer Football Fanclubs über Homosexualität im Fußball und Diskrimirierung im Stadion.

von Verena Kuhlmann

Homosexualität ist seit je her ein ungeschriebenes Tabu im internationalen Fußball. Spielern scheint es unmöglich, sich zu outen, ohne im Nachhinein an dem Druck zu zerbrechen. Die Organisation Queer Football Fanclubs, die alle Schwulen- und Lesben-Fanclubs Europas vereint, versucht seit einigen Jahren gegen diese Tabus anzukämpfen. Dirk Brüllau ist der Sprecher der Organisation und hat sich mit ZEITjUNG unterhalten..

ZEITjUNG: Herr Brüllau, es steht fest, dass es homosexuelle Fußballspieler gibt. Warum glauben Sie, haben Schwule und Lesben überhaupt solche Probleme, im Fußball akzeptiert zu werden?

Dirk Brüllau: Wenn man einen Blick in unserer Gesellschaft wirft, hat es unwahrscheinlich lange gedauert, bis Homosexualität akzeptiert wurde. In manchen Bereichen ist das immer noch nicht der Fall. Bei Umfragen sieht man, dass in Deutschland und Europa immer noch rund ein Drittel der Bevölkerung offene Homosexualität ablehnt. Genau das wird beim Fußball noch viel mehr gebündelt. Schließlich ist das Stadion der Ort, wo der gestandene heterosexuelle Mann noch so richtig die Sau raus lassen kann. Da passt es eben einfach nicht ins Bild, wenn neben ihm ein Schwuler steht, der mit allen Klischees behaftet ist und für Andere schon von Natur aus nur Frisör oder Tänzer werden kann.

War das auch der Anlass für die Gründung einer Organisation wie die Queer Football Fanclubs?

Die Organisation gibt es schon seit geraumer Zeit. 2001 hat sich der erste schwul-lesbische Fanclub gegründet. Das waren die Hertha-Junxx in Berlin, die von Hertha BSC sehr unterstützt wurden. Daraufhin haben auch Stuttgart, St.Pauli und Dortmund einen solchen Club gegründet. Schwule und Lesben wollen einfach gemeinsam zum Fußball gehen und Flagge zeigen.

Können Sie kurz erklären, was Queer Football Fanclubs tut, welches Ihre Ziele sind?

Uns geht es hauptsächlich darum, dass die Kultur im Stadion eine Andere, eine Bessere wird. Außerdem darf Diskriminierung im Stadion nicht mehr zugelassen werden. Sei es nun gegen Spieler oder andere Fans. Wir haben allerdings das Hauptaugenmerk auf die Fans gelegt, weil wir denken, Spieler können nur entspannt auf dem Feld agieren, wenn die Fankultur stimmt. Wir wollen eine stärkere Stimme im Stadion bekommen, mit der wir gegenüber anderen Organisationen, Vereinen und Verbänden sprechen können. Die Akzeptanz von Seiten des Deutschen Fußballbundes ist für uns schon einmal ein Zeichen, dass wir auch wirklich so wahrgenommen werden, wie wir uns das wünschen – als Ansprechpartner für Fans, Funktionäre und Aktive.

Waren Sie selbst schon einmal Zeuge von Intoleranz gegenüber Homosexuellen in Stadien?

Ja natürlich. Es ist doch gesellschaftlich gerade in der jüngeren Gesellschaft opportun, etwas Negatives als „voll schwul“ zu bezeichnen. Genauso begegnen einem Ausrufe wie „schwule Sau“ und „du trägst doch Strapse“ in Richtung des Schiedsrichters bei fast jedem Spiel. Man fühlt sich als Homosexueller einfach unwohl im Stadion.
Ich selber habe irgendwann beschlossen, einfach nicht mehr ins Stadion zu gehen. Erst durch Queer Football Fanclubs habe ich wieder den Mut gehabt, mir eine Dauerkarte zu kaufen.

Wo sehen Sie Chancen, diese bestehenden Tabus im Fußball aufzubrechen?

Wir sind in Diskussion mit anderen Fanorganisationen und dem DFB, um gegen Sexismus im Stadion wirklich vorzugehen. Homosexualität und ihre Diskriminierung waren lange Zeit ein Tabuthema im Deutschen Fußballbund. Außerdem versuchen wir global mit anderen Nationen zusammen zu arbeiten. Momentan sind bei uns sechzehn deutsche, drei schweizer und ein spanischer Fanclub Mitglied. Wir wollen aber, dass sich noch viele Weitere anschließen.

Hat QFF viel Zulauf, sprich, bekennen sich viele Schwule und Lesben zu ihrer Neigung oder ist es ein eher schwerer Schritt?

Ich denke, für Fans ist es ein relativ leichter Schritt. Wir vertreten knapp 900 Fans in Europa, hauptsächlich aus Deutschland. Sich dort zu organisieren ist noch ziemlich einfach, da man das Ganze ja nicht nach außen trägt. Man kleidet sich, wie die anderen Fans und fällt daher gar nicht wirklich auf.

Und was ist mit den Spielern selber, wie schätzen Sie die Schwierigkeiten eines Outings ein?

Persönlich würde ich derzeit niemandem zu einem Outing raten. Für die Fans ist es nicht von Relevanz, ob der Spieler nun schwul ist oder hetero. Erst einmal ist es wichtig, dass im Stadion eine Kultur entsteht, die es einem Spieler überhaupt erst möglich machen würde, sich zu outen.

Es gibt Spieler, die nach ihrem Outing einem enormen Druck ausgesetzt waren. Glauben Sie, dass der Selbstmord, beispielsweise eines Justin Fashanus (englischer Fußballspieler, der sich acht Jahre nach seinem Outing erhängte, Anm. d. Red.) eine Veränderung auslösen kann?

Die Geschichte mit Fashanu war zu einer ganz anderen Zeit. Möglicherweise würde er heute ein bisschen mehr Akzeptanz erfahren. Ich denke auch, dass die Verantwortlichen der Vereine sehrwohl wissen, wenn einer aus dem Team schwul ist. Sie werden es aber nach außen hin niemals kommunizieren, sondern versuchen, den Mantel des Schweigens darüber zu legen. Man muss sich vorstellen, die Spieler sind in ihrem jungen Alter charakterlich noch nicht genügend gefestigt. Einem solchen Ansturm an Medienrummel ausgesetzt zu sein, würde sich auch nachhaltig auf ihre Leistung auswirken. Deshalb wird der Verein, der natürlich viel Geld in seinen Spieler investiert hat, diesen und sich selbst auch in Zukunft vor einer solchen Situation schützen.

Vielen Dank für das Interview.