Presse

"100 Gesichter gegen das Schweigen"
(Spiegel Online, Hamburg, 13.05.2010)

Sie holen olympische Medaillen, sind die Besten ihrer Disziplin, Legenden des Sports - und homosexuell. Was lange ein Tabu war, wird jetzt in einer Berliner Ausstellung offen thematisiert: Schwule und Lesben im Sport sind fast Normalität geworden. Wieso bloß im Fußball nicht?

von Peter Ahrens

Es ist wie ein Mantra. Wann immer es um Homosexualität im Sport geht, darf ein Satz nicht fehlen: dass es sich noch immer um das ganz große Tabu in unserer Gesellschaft handelt.

Auch "Gegen die Regeln" kommt nicht ohne den Hinweis aus. In der neuen Berliner Ausstellung über homosexuelle Sportler wird dann allerdings genug getan, um den Satz zu entkräften. Schwule und Lesben als Leistungssportler - das kann problemlos funktionieren.

Warum auch nicht?

Judith Arndt zum Beispiel. Der Silbermedaillengewinnerin von Athen 2004 im Radsport hat ihr Outing in keiner Weise geschadet, erfährt man auf einer der Schautafeln. Sponsoren sind ihr treu geblieben, die Öffentlichkeit hat die Geschichte kaum zur Kenntnis genommen und die "Bild"-Zeitung eine wohlwollende Homestory gedruckt.

"Nicht nur der schwule Eiskunstläufer"

Nun ist Frauen-Radfahren keine Sportart im Rampenlicht - die Ausstellung nennt aber gleich zu Beginn 100 Sportlern und Sportlerinnen, die offen schwul oder lesbisch leben. Wenngleich viele erst seit Abschluss ihrer Karriere. Der deutsche Tennis-Baron Gottfried von Cramm, die Tennisspielerinnen Martina Navratilova und Amelie Mauresmo stehen ebenso auf der Liste wie die deutsche Weltklassefechterin Imke Duplitzer, US-Turmsprung-Legende Greg Louganis und Mark Tewksbury, der kanadische Schwimm-Olympiasieger von 1992.

"Es gibt nicht nur den schwulen Eiskunstläufer und die lesbische Fußballspielerin", heißt es in der Ausstellung - ein wichtiger Satz.

Die Präsentation wurde vom nordrhein-westfälischen Ministerium für Jugend, Familie und Gesundheit konzipiert. Zwei der profiliertesten Kennerinnen des Themas haben mitgearbeitet, die Forscherinnen Tatjana Eggeling und Tanja Walther. Letztere hat früher in der Frauen-Fußballbundesliga gespielt, befasst sich seit Jahren mit Homosexualität im Sport und berät den Deutschen Fußball-Bund (DFB) bei dem Thema.

Fußball ist ein Sport, in dem das Wort Tabu bei Homosexualität tatsächlich noch seine Berechtigung hat. Mannschaftssportarten tun sich generell schwerer mit dem Thema - und der Männerfußball besonders.

Noch immer wartet Fußball-Deutschland darauf, dass sich irgendein prominenter Spieler outet. Noch immer werden demjenigen dann Höllenqualen prognostiziert.

Im Praxistest versagt

DFB-Boss Theo Zwanziger hat bewusst mit dem Schweigen über das Thema gebrochen. Der Verband gibt mittlerweile eine Broschüre "Gegen die Diskriminierung von Homosexuellen im Fußball" heraus, Zwanziger spricht in seinen Reden gerne offensiv darüber, und zur Eröffnung der Ausstellung im Berliner Rathaus ist er persönlich erschienen.

Als es allerdings vor wenigen Wochen zum Praxistest kam, in der Schiedsrichteraffäre um Ex-Funktionär Manfred Amerell, da wurden die Themen Homosexualität und Günstlingswirtschaft vermischt, und Zwanziger hat wenig dafür getan, um das Thema zu entkrampfen. Im Gegenteil: Schwulsein im Fußball ist wieder zur unappetitlichen Angelegenheit geworden. Aufklärung wurde durch Schlüpfrigkeit ersetzt. Der Boulevard stürzte sich auf die intimen Details des Falls Amerell. Zwanziger hat zu alldem beigetragen; sicher ohne es zu wollen. Aber ein Coming-out eines Fußball-Nationalspielers scheint nach der Affäre wieder weit entfernt.

Was umso bedauerlicher ist, als der DFB vielen Handelnden im deutschen Fußball um Längen voraus schien. Die Ausstellung erinnert daran, das Trainer Christoph Daum noch 2008 Schwulsein und Pädophilie in einen Sinnzusammenhang stellte - und zitiert den Satz des früheren kroatischen Nationaltrainers Otto Baric: "Ich erkenne einen Schwulen innerhalb von zehn Minuten, und ich möchte sie nicht in meinem Team haben."

Baric, der in der Bundesliga einst den VfB Stuttgart trainierte, sagte das 2004. Die Uefa brauchte drei Jahre, um ihn mit einer Geldstrafe von 1825 Euro zu belegen.