Presse

"Königin Fussball"
(L-MAG, Berlin, Ausgabe: März/April 2010)

Immer mehr Lesben und Schwule organisieren sich in Deutschland in queer Fanclubs

von Andrea Bothe

Vielen gilt der Fussball als letzte Bastion der Männlichkeit. Vom "Männersport" ist da die Rede als einer exklusiven Veranstaltung für echte heterosexuelle Kerle. Bisweilen könnte man meinen, der letzte archaische Mikrokosmos tue sich auf. Dagegen nimmt sich die Realität längst weniger klischeehaft aus. Das Bollwerk traditioneller Männlichkeit wankt.

Zu denen, die kräftig an den Grundfesten rütteln, zählen die zahlreichen schwul-lesbischen Fanclubs, die es inzwischen fast überall in der Bundesliga gibt. Anfang Januar trafen sich die Queer Football Fanclubs (QFF) in der BayArena in Leverkusen - zum Erfahrungsaustausch und Netzwerken. "Wir sind der lebende Beweis dafür, dass Fussball nicht nur der Sport des weißen heterosexuellen Mannes ist", sagt QFF-Pressesprecher Dirk Brüllau auf der Tagung.

Bislang sind es 20 Fanclubs mit rund 800 Mitgliedern, die in dem Netzwerk organisiert sind. Gegründet wurden sie alle aus einem einfachen Grund: weil Homophobie und Sexismus im Fussball so selbstverständlich sind wie die Abseitsregel.

"Ich hatte die Schwulenwitze und die homophoben Schmährufe im Stadion einfach satt. Das ist doch tiefstes Mittelalter", erzählt Stephanie Dreilich, die seit vielen Jahren ein Fan der Werkself in Leverkusen ist. Deshalb schloss sie sich gemeinsam mit ihrer Freundin vor zwei Jahren den "Bayer 04-Junxx" an. "Wir sind die Lesbenquote in dem Verein", sagt sie und grinst. "Mit den Junxx haben wir uns auf Anhieb gut verstanden. Nicht zuletzt deshalb, weil hier das übliche Machogehabe entfällt."

Auch Ingrid Dräger - ihres Zeichens 1. FC Köln-Fan - hat lange Zeit nach einer passenden Fanheimat gesucht. Als dann 2007 der Kölner Queer Fanclub "Andersrum Rut-Wiess" gegründet wurde, war sie sofort dabei. Heute hat der Verein mehr als 300 Mitglieder, ein Viertel von ihnen sind Frauen - manche hetero, andere lesbisch. "In erster Linie sind wir alle große FC Köln-Fans. Die sexuelle Orientierung ist zweitrangig", erklärt Ingrid Dräger im Gespräch mit L-MAG. Oder wie es auf dem Vereinsbanner so schön heißt: "Mir all sin FC und das ist auch gut so!"

Getunnelte Männlichkeit

Während es auf den Rängen immer bunter wird, ist das Thema Homosexualität auf dem Rasen nach wie vor tabu. "Das Coming Out eines Profifussballers könnte sein Karriereende bedeuten", sagt Dirk Brüllau. "Deshalb kämpfen wir dafür, dass aus den Kurven heraus eine Kultur entsteht, die es den Spielern irgendwann möglich macht, sich ohne Angst zu outen.

Bislang gibt es offiziell keinen schwulen Fussballer. Auch die Damen halten sich sehr bedeckt. "Bei den Fussballerinnen geht man sowieso davon aus, dass sie lesbisch sind", sagt Tanja Walther-Ahrens, die bis 1999 in der deutschen Bundesliga bei Turbine Potsdam spielte. Als Projektleiterin bei der European Gay and Lesbian Sport Foundation (EGLSF) engagiert sie sich seit 2006 für die Belange von Schwulen und Lesben im Sport. "Ich persönlich habe in meiner Fussballlaufbahn mehr Sexismus als Homophobie erfahren", sagt sie. "Beides geht jedoch nahtlis ineinander über."

Anders als bei den Männern, wäre ein Coming Out bei den Frauen weniger dramatisch, vermutet die Ex-Bundesligaspielerin: "Ein schwuler Fussballer steht unter viel stärkerem medialen Druck. Bei einer lesbischen Fussballering wäre die Schlagzeile sicherlich nur halb so groß." Dennoch ist das Coming Out auch in den Reihen der Spitzenspielerinnen ein No-Go. "In ihrem Privatleben und in ihrem Verein sind sie zwar oft geoutet, doch in der Öffentlichkeit ist das ein Tabu", sagt Tanja Walther-Ahrens.

DFB wird deutlich wärmer

Bei Deutschen Fussball-Bund ist das Thema seit mehreren Jahren zur Chefsache avanciert. DFB-Präsident Theo Zwanziger zeigt nicht nur Interesse am Frauenfussball, er setzt sich auch aktiv gegen Homophobie im Fussball ein. Etwa auf Aktionsabenden, die gemeinsam mit der EGLSF und der Deutschen Fussball-Liga (DFL) veranstaltet werden.

DFB-Sicherheitsbeauftragter Helmut Spahn: "Selbst ein Volksmusik-Star kann heute schwul sein, ohne dass es besonders thematisiert wird. Deshalb hoffen wir, dass es beim Fussball bald auch soweit sein wird."

Der DFB bleibt in Sachen Homophobie jedenfalls am Ball. Dazu gehören regelmäßige Gesprächsrunden mit schwul-lesbischen Netzwerken ebenso, wie das Sponsoring eines CSD-Wagens. "Wir wollen außerdem ein Modellprojekt auf den Weg bringen", erklärt Helmut Spahn. "Dabei geht es um die Frage: Was kann ich in meinem Verein gegen Homophobie tun - angefangen von der Satzung, über Veranstaltungen, bis hin zur Auswahl und Ausbildung der Übungsleiter und Betreuer."

Fussball soll homofreundlicher werden - so die Perspektive. Ein Klimawandel, den die schwul-lesbischen Fanclubs im Ansatz bereits heute spüren. Schwulenfeindliche Sprüche sind seltener geworden, zumindest wenn sie in der Kurve stehen. "Unser Umfeld kennt uns inzwischen. Da ist das Eis gebrochen", erzählt Stephanie Dreilich. "Und genau diese Basisarbeit müssen wir weiterhin leisten, wenn wir wollen, dass sich etwas verändert.