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"Spießrutenlauf für schwule Fußballer - Soziologe warnt vor Outing"
(n-tv Online, Köln, 03. Februar 2010)

Erst jüngst hat DFB-Präsident Theo Zwanziger homosexuellen Fußballer wieder einmal Hilfe angeboten, sollten sie sich öffentlich zu ihrer Sexualität bekennen wollen. Ein löbliches Anliegen, findet der Soziologe Gunter A. Pilz. Er sagt aber auch: Die Idee ist gut, doch die Fußballwelt noch lange nicht bereit.

Der renommierte Sportsoziologe Gunter A. Pilz hat homosexuellen Fußball-Profis von einem Outing in der Öffentlichkeit abgeraten. "Die Konsequenzen wären glasklar: Der Fußballer sähe sich einem Spießrutenlauf ausgesetzt", sagte Pilz der "Sächsischen Zeitung".

Der Honorarprofessor der Universität Hannover, der auch Mitglied der Ethik-Expertenkommission in der europäischen Fußball-Union Uefa ist, begrüßte zwar die vor allem durch DFB-Präsident Theo Zwanziger ins Rollen gebrachte Enttabuisierung des Themas Homosexualität im deutschen Fußball. An einen Erfolg glaubt er aber nicht: "Die Bereitschaft seitens der Fans, solche Dinge für Beschimpfungen auszunutzen, ist viel zu hoch. Alles andere sind Wunschträume und Gefühlsduseleien."

Schwulsein als Schwäche

Der Fußball sei stark von männlichen Wertvorstellungen geprägt, denen das Klischee über Homosexuelle widerspreche. "Wir leben in einer Beschimpfungskultur. Und was nutzt man, um andere zu beschimpfen? Ihre Schwächen! Schwulsein würde als eine solche wahrgenommen werden", meinte Pilz, der auch Probleme im eigenen Team für den sich bekennenden Homosexuellen prophezeite: "Dass derjenige es selbst in der eigenen Mannschaft und im Verein schwer haben würde, halte ich für sehr realistisch."

DFB-Boss Zwanziger, der seit Jahren den Kampf gegen Homophobie forciert, hatte kürzlich ähnliche Bedenken geäußert. "Ich muss respektieren, dass ein Spieler in solch einer Lebenssituation nicht den Weg über die Öffentlichkeit sucht. Vor allem im Männerfußball ist ein Gefüge vorhanden, wo ein Spieler, der diesen Schritt öffentlich vollzieht, in eine benachteiligte Situation kommen könnte. Deshalb sollte man nicht baggern oder betteln, dass ein Outing passiert", sagte Zwanziger. Bislang hat sich im deutschen Profifußball noch kein aktiver Spieler offen zu seiner Homosexualität bekannt. Im November 2007 bekannte sich Marcus Urban, der Anfang der 1990er Jahre beim damaligen Zweitligisten Rot-Weiß Erfurt unter Vertrag gestanden hatte, offen zu seiner Homosexualität. Ein Jahr später erschien das Buch "Versteckspieler", in dem Urbans Lebensgeschichte erzählt wird.

Fashanu vom Trainer gemobbt

In tragischer Erinnerung ist der Fall von Justinus Soni Fashanu, der sich 1990 als erster Profi in England öffentlich outete. Der Sohn nigerianischer Einwanderer wurde bei seinem Klub Nottingham Forest von Trainer Brian Clough wegen seiner Vorliebe für Männer gemobbt und vor versammelter Mannschaft als "verdammte Schwuchtel" beschimpft. 1998 nahm sich der ehemalige englische U21-Nationalspieler das Leben, als er der Vergewaltigung eines 17 Jahre alten Jungens beschuldigt wurde.

"Schwul und eine Person des öffentlichen Lebens zu sein, ist hart. Ich will sagen, dass ich den Jungen nicht vergewaltigt habe. Ich fühlte, dass ich wegen meiner Homosexualität kein faires Verfahren bekommen würde", schrieb Fashanu in seinem Abschiedsbrief, der Monate nach seinem Tod vom TV-Sender BBC veröffentlicht wurde.