Presse

"Zum Glück nicht verbreitet"
(Der Tagesspiegel, Berlin, 13. Januar 2010)

Ein Film zeigt Homophobie im französischen Fußball. Schwulenfeindlichkeit ist dort genauso verbreitet wie in anderen Ländern.

von Matthias Sander

Berlin - Wie der Präsident des französischen Fußballverbandes zu diesem Urteil kommt, ist schleierhaft: Die französische Charta gegen Homophobie im Fußball, so Jean-Pierre Escalettes, „lenkt die Aufmerksamkeit auf etwas, das zum Glück nicht verbreitet ist“. Deshalb sieht er nicht ein, warum sein Verband die Charta unterzeichnen sollte - im Gegensatz etwa zur „Ligue de Football Professionnel“, der Vereinigung der französischen Profiklubs.

Die Aussage von Escalettes stammt aus dem Film „Sport und Homosexualität: Was ist das Problem?“, der dieser Tage im französischen Fernsehen ausgestrahlt wurde. Der Film zeigt, dass vor allem der französische Fußball in Sachen Homophobie anderen Ländern nicht nachsteht. So sagt der ehemalige Nationalspieler David Ginola, in 18 Jahren Karriere habe er keinen einzigen Homosexuellen getroffen: „Beim Duschen hätte ich ihn erkannt.“

Aufschlussreich war zuletzt auch die Affäre um eine Aussage von Louis Nicollin. Der Präsident des Erstligisten Montpellier hatte den Kapitän von Auxerre als „kleine Schwuchtel“ bezeichnet und angekündigt, dass man sich beim Rückspiel „um ihn kümmern“ werde. Das war an sich leider kaum überraschend, da Nicollin in der Vergangenheit schon durch ähnliche Entgleisungen aufgefallen war. Fast schockierender war, dass Thierry Roland, einer der bekanntesten Fußballkommentatoren des Landes, die Aussage seines Freundes Nicollin „lustig“ fand - und kaum Widerspruch erzeugte. Roland fände es zudem eigenartig, wenn sich ein bekannter Spieler zu seiner Homosexualität bekennen würde: „Dass es in einer Fußballmannschaft Homosexuelle gibt, kann man sich nicht vorstellen.“

Dabei hatte man hoffen können, dass der französische Fußball etwas weiter wäre. Denn der Aufschrei der Öffentlichkeit war groß, als vergangenen Oktober das Banlieue-Team Bebel wegen offensichtlicher Homophobie ein Spiel gegen Paris Foot Gay (PFG) absagte. Der Amateurverein PFG ist laut Selbstbeschreibung der erste französische Verein, in dem homo- und heterosexuelle Spieler offiziell in einer Mannschaft spielen. Der PFG-Präsident Pascal Brèthes sagt, seit der Spielabsage könne man in Frankreich offener über Homosexualität im Fußball sprechen. „Aber für viele gehören homophobe Beschimpfungen immer noch zum Fußball und seinen Gebräuchen.“

Paris Foot Gay ist nicht nur ein Fußballverein, sondern kämpft auch gegen Diskriminierung und Homophobie. PFG initiierte die Charta gegen Homophobie, die als erstes der Hauptstadtklub Paris Saint-Germain 2007 unterzeichnete. AJ Auxerre und zuletzt OGC Nizza im November 2009 sind als einzige Vereine dem Beispiel gefolgt. Olympique Marseille verweigerte die Unterzeichnung der Charta mit dem Hinweis, keine bestimmte Art der Diskriminierung hervorheben zu wollen. Schließlich habe man auch keine „Charta gegen Diskriminierungen gegenüber Juden, Schwarzen oder Behinderten“ unterschrieben.

Ein Verein wurde sogar wieder aus dem Kreis der Unterzeichner ausgeschlossen: Der Amateurklub FC Chooz aus den Ardennen hatte den ersten bekennenden homosexuellen Spieler Frankreichs in seinen Reihen. Anfangs wurde Yoann Lemaire sowohl von den Vereinsoffiziellen als auch von seinen Mitspielern unterstützt. Als jedoch neue Spieler beim FC Chooz anheuerten, musste sich Lemaire homophobe Anfeindungen anhören - und plötzlich widersprach keiner im Verein.

Yoann Lemaire hat ein autobiographisches Buch veröffentlicht. Es heißt in Anspielung an das Versteckspiel homosexueller Fußballer: „Ich bin der einzige schwule Fußballspieler. Beziehungsweise: Ich war...“ Denn Lemaire hat Fußball aufgegeben. Er spielt jetzt Tennis.