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"Meine Homosexualität hat mir geschadet"
(Hamburger Abendblatt, Hamburg, 11. Februar 2009)

Ehemaliger Hamburger Auswahl-Fußballer spricht über das Schwulsein. Minderwertigkeitsgefühle und fehlendes Selbstvertrauen führten zum Suizidversuch. Seine Hoffnung: das Outing eines prominenten Profis.

Von Till Müller

Michael Schmitt (Name von der Redaktion geändert) hat jahrelang in der Jugendabteilung des HSV gespielt und war danach sogar ein Jahr bei den Amateuren. Er war lange Zeit Hamburger Auswahlspieler. Schmitt ist 1,90 m groß, wiegt 90 kg und spielt mittlerweile in der fünfthöchsten deutschen Spielklasse. Auf dem Platz ist er ein Leader-Typ. Schmitt ist schwul. Im Hamburger Abendblatt spricht er über sein Leben als homosexueller Fußballspieler.

Abendblatt: Herr Schmitt, warum stellen Sie sich für dieses Interview zur Verfügung?

Michael Schmitt: Ich weiß noch ganz genau, wie ich mich zwischen meinem 15. und 20. Lebensjahr gefühlt habe. Ich kannte keine anderen Schwulen. Höchstens diese Klischeeschwulen aus dem Fernsehen. Ich hatte das Gefühl, der einzige schwule Sportler zu sein und hatte deshalb unheimlich viel mit mir selbst zu tun. Ich glaube, wenn ich damals so ein Interview gelesen hätte, hätte es mir sehr geholfen.

Abendblatt: Wie alt waren Sie, als Sie gemerkt haben, dass Sie homosexuell sind?

Schmitt: Das war kein fester Zeitpunkt, sondern ein Prozess. Ich glaube, ich war damals 17 Jahre alt, als ich es definitiv wusste. Da war ich seit anderthalb Jahren mit meiner damaligen Freundin zusammen. Ein nettes Mädchen - aber ich merkte, dass ich viel lieber etwas mit meinem Mannschaftskameraden und besten Kumpel unternahm. Ihn habe ich vermisst, wenn ich ihn eine Woche lang nicht gesehen hatte. Bei ihr war es kein Problem.

Abendblatt: Sie waren zu der Zeit ein verheißungsvolles Talent, haben den Sprung zum Profifußballer aber nicht geschafft. Hat die Homosexualität Ihre sportlichen Leistungen eingeschränkt?

Schmitt: Definitiv. Ich bin mir im Nachhinein sicher, dass ich im Fußball mehr hätte erreichen können. Gerade auf dem Fußballplatz ist Selbstvertrauen das A und O. Ich aber fühlte mich als schwuler Sportler einsam und minderwertig. Andererseits sollte ich dann auf dem Platz ausstrahlen, dass ich besser bin als die anderen. Das stand in einem absoluten Spannungsverhältnis. Es war eine sehr harte Zeit. Minderwertigkeitsgefühle und fehlendes Selbstvertrauen führten zum Suizidversuch. Seine Hoffnung: das Outing eines prominenten Profis.

Abendblatt: Hatten Sie ernstzunehmende psychische Probleme?

Schmitt: Ja, über einen längeren Zeitraum. Mit 16 habe ich in diesem Zusammenhang einen Selbstmordversuch unternommen. Ich schluckte einen Becher voller Tabletten aus unserem Medikamentenschrank. Nach fünf Minuten hatte ich aber dann schon so viel Angst, dass ich mir den Finger in den Hals steckte. Es war insgesamt ein langer Weg, aber ich habe gelernt damit umzugehen. Mittlerweile bin ich gerne schwul.

Abendblatt: Inwiefern beeinträchtigt Sie Ihre Homosexualität heute noch im Sport?

Schmitt: Psychisch gar nicht mehr. Alltägliche Dinge sind jedoch sehr anstrengend.

Abendblatt: Was meinen Sie?

Schmitt: Ich fahre oft mit einem Mannschaftskollegen zum Training. Wenn ich mich jedoch vorher oder hinterher mit meinem Freund treffen möchte, muss ich mir immer eine Ausrede einfallen lassen, warum ich selber fahre und meinen Mitspieler nicht mitnehmen kann. Besonders nervig ist auch die Frage von Teamkollegen, ob ich eine Freundin habe. Dann muss ich immer schnell eine Ausrede parat haben. Über einen längeren Zeitraum wundern sich die Jungs ja sonst schon.

Abendblatt: Wird Ihr Leben abseits des Sportplatzes beeinträchtigt?

Schmitt: Ich habe schon bei Mannschaften mit erhöhtem Zuschaueraufkommen gespielt. In dieser Zeit habe ich es vermieden auf Schwulenpartys zu gehen. Man kann ja nie wissen, ob man dort von einem Fan gesehen wird.

Abendblatt: Erkennen Sie einen schwulen Fußballer?

Schmitt: Ich würde ganz klar verneinen, dass man einen Schwulen sofort erkennt. Viele Leute glauben das, weil sie die "Klischee-Tucken" aus irgendwelchen Talkshows kennen. Dann meinen sie, die ganze Bandbreite von Schwulen zu kennen. Aber ich selbst bin ja das beste Beispiel. Mich hat über Jahre hinweg bis heute nicht ein einziger Mitspieler erkannt. Minderwertigkeitsgefühle und fehlendes Selbstvertrauen führten zum Suizidversuch. Seine Hoffnung: das Outing eines prominenten Profis.

Abendblatt: St. Paulis schwuler Präsident Corny Littmann hat gesagt, dass sich schwule Fußballer untereinander erkennen würden.

Schmitt: Dem widerspreche ich. Ich kann Ihnen versichern, dass es kein Erkennungszeichen gibt. Natürlich hat man einen besseren Blick dafür, kennt vielleicht einige Verhaltensmuster. Aber es gibt definitiv keine spezielle Geste oder Äußerlichkeiten.

Abendblatt: Kennen Sie andere schwule Fußballer?

Schmitt: Ja, ich habe schon welche kennengelernt. Aber nicht auf dem Sportplatz - auf Partys.

Abendblatt: Wie steht es um prominente Fußballer?

Schmitt: Über Profifußballer hört man natürlich einiges, wenn man in der Szene ist. Gerade in und um die Nationalmannschaft gibt es viele Geschichten. Aber das sind natürlich nur Gerüchte - man weiß nicht, was dran ist.

Abendblatt: Auf dem Platz ist es normal, seinem Mitspieler zur Aufmunterung einen Klaps auf den Hintern zu geben. Nach dem Torjubel umarmen sich die Spieler, einige küssen sich. Wie gehen Sie mit dieser Körperlichkeit um?

Schmitt: Ich denke nicht darüber nach, wie ich mich auf dem Platz verhalte. Ich benehme mich ganz normal, wie die andern auch. Ich bin es seit der F-Jugend nicht anders gewohnt. Zumal es wahrscheinlich eher auffällig wäre, wenn ich der Körperlichkeit aus dem Weg ginge.

Abendblatt: Erregt es Sie, nach dem Sport mit 20 durchtrainierten Männern zu duschen?

Schmitt: Nein. Ich kann das ganz klar trennen. Ich denke unter der Dusche nicht an Sex. Fußball und Sex, das sind in meinem Kopf völlig unterschiedliche Dinge.

Abendblatt: Aber manchmal macht der Körper nicht das, was der Kopf will.

Schmitt: Ich musste mich noch nie vorzeitig abtrocknen gehen, falls Sie das meinen. Es ist wirklich unproblematisch. Heterosexuelle Männer können sich in einer gemischten Sauna doch auch beherrschen. Minderwertigkeitsgefühle und fehlendes Selbstvertrauen führten zum Suizidversuch. Seine Hoffnung: das Outing eines prominenten Profis.

Abendblatt: Sie haben einen festen Freund. Ein Mann in einer Heterobeziehung wäre wohl eifersüchtig, wenn seine Freundin jede Woche mit 20 Männern duscht...

Schmitt: Das ist bei uns unproblematisch. Ich glaube, Schwule sind etwas entspannter, was das Thema Eifersucht anbelangt. Mein Freund ist höchstens neidisch, dass er nicht mit meiner Mannschaft duschen darf. (lacht)

Abendblatt: Wie reagieren Sie, wenn jemand auf dem Platz ruft: "Du schießt wie ne Schwuchtel!"?

Schmitt: Das geht auf der einen Seite rein und auf der anderen wieder raus.

Abendblatt: Und wenn jemand in der Kabine einen Schwulenwitz erzählt? Lachen sie dann mit?

Schmitt: Meistens lache ich nicht. Schlimm ist es immer im Vorfeld von Weihnachtsfeiern. Die Mannschaft sitzt zusammen, und der Trainer sagt: "Ihr könnt eure Freundin mitbringen - oder natürlich auch euren Freund." Die ganze Truppe grölt, und ich sitze da und ärgere mich.

Abendblatt: Fast überall stellt Homosexualität heutzutage kein Problem mehr dar - sogar in der Politik. Warum hat dieses Tabuthema im Sport Bestand?

Schmitt: Das hat sicherlich viele Gründe. Einer davon ist die Zielgruppe, die der Sport bedient. Wenn man einen groben Schnitt durch die Fankurve macht, erhält man eher ein unteres Bildungsniveau. Meine Erfahrung geht in die Richtung, dass Leute, die das Ganze ein bisschen besser reflektieren können, auch toleranter sind. Platt gesagt: Ich weiß nicht, ob Manni mit Schalke-Schal aus dem Ruhrpott darüber stehen könnte, wenn Kevin Kuranyi oder sonstwer schwul wäre und trotzdem einen guten Ball spielt. Außerdem glaube ich, dass auch innerhalb der Mannschaft die Toleranz nicht gegeben ist. Minderwertigkeitsgefühle und fehlendes Selbstvertrauen führten zum Suizidversuch. Seine Hoffnung: das Outing eines prominenten Profis.

Abendblatt: Haben Sie mal darüber nachgedacht sich zu outen?

Schmitt: Das war bei mir eigentlich noch nie ein Thema.

Abendblatt: Warum nicht?

Schmitt: Vor allem aus Angst davor, in der Mannschaft und vom Trainer nicht mehr akzeptiert zu sein. Ich spiele leistungsbezogen Fußball. Es herrscht immer ein harter Konkurrenzkampf um Stammplätze. Die Homosexualität könnte immer als Waffe gegen mich verwendet werden. Im Fußball gibt es einfach dieses Männlichkeitsbild. Man muss kämpfen, man muss grätschen, man muss was ausstrahlen und die Mitspieler anbrüllen. Einem Schwulen traut man das leider nicht zu. Jeder Konkurrent hätte von Beginn an einen Vorteil mir gegenüber.

Abendblatt: Wieso traut man Schwulen nicht zu, gute Fußballer zu sein?

Schmitt: Das Problem ist, dass einem immer nur die offensichtlich Schwulen auffallen, diejenigen, die sich weiblich geben. Und jeder, der an einen Schwulen denkt, hat dann dieses weiche Klischee vor Augen. Die denken dann: "Eine Tucke grätscht ja keinen um, wenn es denn mal sein muss." Bei Lesben ist es genauso, man spricht immer nur von den "Kampflesben". Dabei muss man sich ja nur mal Anne Will anschauen.

Abendblatt: Es gibt lesbische Sportlerinnen, die sich geoutet haben. Warum wird Homosexualität im Sport bei den Frauen besser akzeptiert?

Schmitt: Weil es bei Frauen besser ins Bild passt. Lesben werden ja immer als männliche Typen gesehen. Männer sind nun mal sportlicher, deshalb spricht man einer Lesbe eher die Sportlichkeit zu als einem Schwulen, der ja vermeintlich eher die weiblichere Seite verkörpert.

Abendblatt: Ist Outing für Sie in der Zukunft ein Thema?

Schmitt: Es müsste eine generelle Enttabuisierung im Sport geben. Das kann allerdings nur von ganz oben beginnen. Ich würde mir wünschen, dass schwule Profis offensiver mit ihrer Homosexualität umgehen würden. Wenn ein Fußballidol oder viele Profis gleichzeitig an die Öffentlichkeit treten würden, dann könnte auch ich mir ein Outing vorstellen. Ich denke, es würde vielen so gehen, das könnte zu einer allgemeinen Bewegung werden.

Abendblatt: In England hat sich Anfang der 90er Jahre ein schwuler Fußballer geoutet. Acht Jahre später erhängte sich Justin Fashanu, der mit den Folgen seines Outings nie glücklich wurde.

Schmitt: Die Gesellschaft ist heute weiter. Aber es kommt natürlich ganz extrem darauf an, um wen es sich handelt. Es müsste schon ein Spieler mit einem großen Bekanntheitsgrad und einer hohen Akzeptanz sein. Ein besonders männlicher Nationalspieler zum Beispiel. Minderwertigkeitsgefühle und fehlendes Selbstvertrauen führten zum Suizidversuch. Seine Hoffnung: das Outing eines prominenten Profis.

Abendblatt: Wenn sich ein schwuler Profi zu seiner Homosexualität bekennen würde, wäre er dann in der Szene ein Held?

Schmitt: Absolut. Wenn es ein smarter Spieler wäre, würde er im Anschluss wahrscheinlich 200 Briefe pro Tag bekommen. (lacht) Aber im Ernst: Ich kann mir sogar vorstellen, dass er dadurch Werbeverträge generieren würde, denn die Zielgruppe der Schwulen ist riesig, hat Statistiken zur Folge ein erhöhtes Einkommen, wird aber bislang im Spektrum der Werbung so gut wie gar nicht angesprochen.

Abendblatt: Es gibt Statistiken, die besagen, dass jeder zehnte Mann schwul ist. Gibt es in jedem Kader also ein bis zwei schwule Kicker?

Schmitt: Es gibt definitiv nicht in jeder Mannschaft einen Schwulen.

Abendblatt: Also lässt sich diese Statistik nicht auf den Fußball übertragen.

Schmitt: Nein. Dann dürfte in jeder Boygroup ja nur ein halber Schwuler sein. Da gibt es aber meistens drei. (lacht) Ich vermute, von zehn Frisören sind auch mehr als einer schwul. Andersherum gibt es im Frauenfußball plötzlich sieben Lesben in einer Mannschaft. Es gibt eben Bereiche, in denen viele Schwule auftreten, in anderen eher weniger.

Abendblatt: Was für das Vorurteil spräche, dass Schwule zu weich zum Fußballspielen sind.

Schmitt: Bei vielen Schwulen trifft es sicher zu. Aber nicht bei allen.

Abendblatt: Waren Sie schon einmal in einen Mitspieler verliebt?

Schmitt: Es gab schon den einen oder anderen, für den ich mal geschwärmt habe...

Abendblatt: Hatten Sie schon sexuelle Erlebnisse mit Mitspielern?

Schmitt: Nein. Mit 13 oder 14 habe ich mal mit welchen rumgeknutscht. Aber das war nicht ernst zu nehmen. Die haben mittlerweile alle eine Freundin.

Abendblatt: Wären Sie aufgrund der ganzen Probleme manchmal gerne heterosexuell?

Schmitt: Es wäre in vielen Dingen mit Sicherheit einfacher. Aber mittlerweile bin ich gerne schwul. Ich stehe nun mal auf Männer und kann mit Frauen in einer Liebesbeziehung nichts anfangen. Und wenn ich manchmal die Geschichten von Freundinnen meiner Kumpels höre, bin ich ganz froh, dass ich einen Freund habe.