Presse

"Homophobie und Fußball: Regenbogen über der Kurve"
(Deutscher Fussballbund, Frankfurt, Oktober 2008)

Offener Rassismus wurde aus den Profiligen verdrängt. Fans flüchten sich stattdessen in weniger tabuisierte Diskriminierungsformen - unter anderem in Homophobie. Doch Aktivis­ten wie Tanja Walther, schwullesbische Fanklubs oder der DFB wollen die Ausgrenzung nicht akzeptieren, sie engagieren sich gezielt für ein toleranteres Klima. Der Journalist Ronny Blaschke, Autor von „Versteckspieler“, dem ersten Buch über Homosexualität im Fußball, über den Beginn einer wichtigen Bewusstseinsbildung.

Tanja Walther sagt, sie sei immer ein biss­chen rebellisch gewesen, schon während ihrer Jugend auf dem Dorf. In den 90er-Jahren war sie für Tennis Borussia Berlin und Turbine Potsdam aktiv. Sie war eine der wenigen Fußballerinnen, die ihre Homosexualität nie geheim gehalten haben, sie nahm regelmäßig an schwullesbischen Turnieren teil. Oft nahm sie dafür Widerstand in Kauf. Eine Trainerin in Berlin untersagte Tanja Walther einmal, mit ihrer Freundin Hand in Hand über das Trainingsgelände zu gehen, sie hätten von Mädchen aus der Jugendabteilung gesehen werden können. Walther machte damals deutlich: „Wenn wir nicht dazu stehen, wie können wir das von anderen verlangen? Wer ein Problem mit mir hatte, sollte mir das ins Gesicht sagen.“ Dies äußert sie manchmal noch heute mit Nachdruck.

Seit dem Ende ihrer Karriere 1998 engagiert sich Tanja Walther gegen Homophobie im Fußball. Sie ist Mitglied des Frauen- und Lesbensportvereins Seitenwechsel in Berlin und arbeitet als Botschafterin in der European Gay and Lesbian Sport Federation (EGLSF), dem schwullesbischen Sportverband Europas. Auf der Antirassismus-Konferenz der Europäischen Fußball-Union (UEFA) 2006 bot die Sportlehrerin einen viel beachteten Workshop an. Zudem organisierte sie zwei Aktionsabende gegen Homophobie. Bei der zweiten Veranstaltung im vergangenen Mai in Köln begrüßte sie DFB-Präsident Dr. Theo Zwanziger. Die Arbeit Walthers durchzieht ein Leitmotiv: der Kampf gegen das Klischee.

Mit den klassischen Rollenmustern kam Walther bereits während ihrer Kindheit in Berührung. Ihre Großmutter hatte sich gewünscht, dass sie mit Puppen spielen würde, aber die interessierten sie nicht. Tanja Walther brauchte Bewegung, sie tobte im Garten herum, schlug sich die Knie auf und kam nach Hause, wenn es dunkel wurde. Die Verpflichtung, sich weiblich verhalten zu müssen, nach einem altertümlichen Muster, zurückhaltend, weich, ignorierte sie - damals und jetzt.

Es sind jene Vorurteile, die oft die Ursachen für Sexismus und Homophobie sind. Der Fußball, Volkssport Nummer eins, gleicht einem Brennglas, in dem gesellschaftspolitische Probleme verschärft wahrgenommen werden. Darüber hinaus besitzt der Fußball - anders als die Einzelsportarten, anders als Politik, Kultur, Wirtschaft - eine hohe Körperlichkeit. Spieler reißen sich nach geschossenen Toren die Trikots vom Leib, umarmen sich. Die Kulturwissenschaftlerin Dr. Tatjana Eggeling be­zeichnete dieses Verhalten als eine mit „Ruppigkeit gepaarte Zärtlichkeit“. An Sexualität denkt dabei niemand.

Stadien und Spielfelder sind nicht schwulen- und lesbenfeindlicher als andere Bereiche der Gesellschaft. Laut der Langzeitstudie „Deutsche Zustände“ des Bielefelder Gewaltforschers Prof. Dr. Wilhelm Heitmeyer hielten 21,8 Prozent der Befragten Homosexualität im Jahr 2006 für unmoralisch. Dieser Trend dringt auf den Tribünen durch Schmähgesänge deutlicher an die Oberfläche als im Arbeits­alltag oder daheim am Kaffeetisch, schließlich spielen Anonymität und Massen eine wichtige Rolle, wenn es um den Ausbruch von Frustrationen geht. So war es auch in den 80er- und frühen 90er-Jahren gewesen, als Bundesligastadien als Bühnen für offenen Rassismus missbraucht wurden.

Rassistische Gesänge sind danach in Fußball-Kreisen noch intensiver als ohnehin bekämpft worden, sie sind nicht ganz verschwunden, sondern verdrängt worden. Durch diese Tabuisierung flüchten sich manche Anhänger in andere Diskriminierungsformen, unter anderem in Homophobie. „Wir müssen ein Klima schaffen, in dem sich Schwulen und Lesben nicht bedroht fühlen“, sagt Tanja Walther, die mit dem DFB eine intensive Zusammenarbeit pflegt. Auf dem ersten bundesweiten Fankongress 2007 in Leipzig tauschte sie sich daher lange mit Dr. Theo Zwanziger aus. „Wir hatten Homophobie lange nicht im Blickfeld, das räume ich freimütig ein. Ich habe gemerkt, dass wir hier Nachholbedarf haben und uns intensiver aufstellen müssen“, betont der DFB-Präsident.

Und geht in die Offensive. Auf fast jeder Veranstaltung streut er Sätze über die Bekämpfung von Gewalt und Diskriminierung ein. Als er in den 60er- und 70er-Jahren für seinen Heimatverein spielte, den VfL Altendiez in Rheinland-Pfalz, stand Homosexualität noch unter Strafe. Hätte sich jemand in seiner Mannschaft bekannt, hätte er großen Druck aushalten müssen. Wie würde er heute reagieren? „Wenn ein Spieler käme und mich um Rat fragen würde, dann würde ich sagen: Hab’ den Mut. Wenn er Argumente nennt, die dagegen sprechen, sich zu outen, würde ich versuchen, diese Argumente zu reduzieren. Ich werde aber nie sagen: Du musst ein Vorzeigesportler sein. Eine öffentliche Aufforderung halte ich für respektlos. Doch meine Pflicht ist es, ein Bewusstsein zu schaffen, damit das Ganze nicht zu einem Spießrutenlauf wird.“ Allmählich wächst das Bewusstsein für Toleranz. Der DFB unterstützte im vergangenen Juli zum ersten Mal einen Wagen der schwullesbischen Fanklubs auf dem Christopher Street Day in Köln.

„Wir haben endlich das Gefühl, dass wir ernst genommen werden“, sagt Christian Deker. Er hat sich viele Gedanken gemacht, wie die Ver­bindung zwischen Fußball und seinem Pri­vatleben ihm schaden könnte. Denn einmal erhielt er im Internet eine Morddrohung. Ein anderes Mal tauchten Fotos von ihm im Netz auf, niemand hatte ihn um Erlaubnis gebeten.

Christian Deker ist Sprecher der Stuttgarter Junxx, des ersten schwullesbischen Fanklubs des VfB Stuttgart. „Wir wollen zeigen, dass die Verbindung Fußball und Homosexualität kein Widerspruch ist“, sagt Deker. Auf den ersten Blick unterscheiden sich die Mitglieder der Stuttgarter Junxx nicht von ihren Kollegen anderer Fanklubs. Sie gehen ins Stadion, singen, schreien, schimpfen und klatschen. Doch die Junxx sind nicht nur Treffpunkt und Pilgerstätte, sie sind auch ein politisches Forum. Ihre Regenbogenfahne, Symbol der Schwulenbewegung, haben sie immer dabei.

Den ersten Schritt in diese Richtung wagten Fans aus der Hauptstadt: 2001 gründeten sich die Hertha-Junxx. Der Bundesligist sagte seine Un­ter­stützung sofort zu, er stellte den Fanklub in seinem Magazin vor, die Mitgliederzahl wuchs, wenngleich nicht alle zu den Spielen kommen. „Wir holen das Thema aus der Schmuddelecke“, sagt Mitglied Werner Pohlenz, „und wir zeigen, dass das Leben von Homosexuellen normal und langweilig sein kann wie das von Heterosexuellen. Diese Akzeptanzarbeit ist uns wichtig.“ Inzwischen ist aus dem Fanklub ein eingetragener Verein geworden.

Das Modell machte Schule. Nach den Hertha-Junxx entstanden Queerpass in St. Pauli, die Rainbow-Borussen in Dortmund oder die Stuttgarter Junxx. Mitte des Jahres 2008 waren zwölf schwullesbische Fanklubs deutscher Vereine gegründet worden. Sie schlossen sich in einem Netzwerk zusammen, das den Titel Queer Football Fanclubs trägt, hinzu kamen Queerpass Basel vom FC Basel, die Wankdorf-Junxx von den Young Boys Bern und Penya Blaugrana vom FC Barcelona. Weitere Gründungen sind in Planung. „Sie sind hoffentlich erst der Anfang“, sagt Tanja Walther. Die Fanklubs wollen auf Veranstaltungen weiter auf sich aufmerksam machen.

Widerstand gegen Klubgründungen leisten nur noch wenige Vereine. „Wir müssen weiter in die Fortbildung investieren und die Kommunikation verbessern“, fordert Tanja Walther. Die EGLSF, gegründet 1989, ist auf diesem Weg eine wichtige Institution. Das Netzwerk vertritt 10.000 Mitglieder aus 100 Organisationen und Vereinen in 15 Ländern, es kooperiert mit dem Europarat, der Europäischen Union oder der Internationalen Lesben und Schwulen-Vereinigung (ILGA). Die EGLSF vergibt die EuroGames, ein sportliches Großereignis, bei dem ebenso für Toleranz geworben wird wie bei den Outgames oder den Turnieren des Fußball-Weltverbandes für Lesben und Schwule (ILGFA). Die Gay Games, die Olympischen Spiele für Homosexuelle, finden 2010 in Köln statt.

Die Spiele sollen ein weiteres Zeichen in Deutschland setzen, wo dutzende Sportvereine für Homosexuelle gegründet worden sind. Vereine wie Vorspiel oder Seitenwechsel in Berlin, Warminia in Bielefeld, Queerschläger in Chemnitz, Startschuss in Hamburg, Janus in Köln oder Rosalöwen in Leipzig. Viele von ihnen, besonders außerhalb der großen Städte, haben es schwer, Sponsoren zu finden. Ihr Ziel ist sportliche Normalität: Leis­tungen steigern, Wettkämpfe gewinnen - ohne sich dabei als Minderheit zu fühlen.