Presse

"Christoph Daum ist zu feige"
(Kölner Stadtanzeiger, Köln, 27. Juni 2008)

Der Fraktionsgeschäftsführer der Grünen im Bundestag, Volker Beck, legt im Streit über Homophobie im Fußball nach. Im Interview mit ksta.de sagt er, die Äußerungen von FC-Trainer Christoph Daum zeigten, dass dieser sich in seiner männlichen Rolle nicht gefestigt fühle..

von Oliver Lück, Rainer Schäfer

Deutschland fiebert begeistert mit der Nationalmannschaft mit. Gleichzeitig wird aber über Homophobie im Fußball gestritten. In einem Team mit 23 Spielern, müsste da nicht nach allen Regeln der Wahrscheinlichkeit auch mindestens ein Schwuler darunter sein?

Nach den Regeln der Wahrscheinlichkeit: ja. Doch wer schwul ist und offen damit umgehen möchte, muss im Profifußball vielerlei Diskriminierung und Ausgrenzung befürchten: ob durch die Fans oder auch in der Mannschaft. Weil sie sich das - oder als Alternative ein unangenehmes Versteckspiel - nicht antun möchten, brechen viele diesen Weg vorzeitig ab. Deshalb ist genauso gut vorstellbar, dass es keinen schwulen Nationalspieler gibt, weil eine solche Karriere gar nicht erst ernsthaft angestrebt wird. Denn Homosexuelle haben Diskriminierungs-Management gelernt : Sie überlegen, ob sie ausgerechnet in Branchen oder zu Firmen gehen, wo ein schwulenfeindliches Klima herrscht.

Mit anderen Worten: Ein schwuler Bundestagsabgeordneter zu werden, war für sie kein Problem. Schwuler Fußballspieler hätten sie nicht werden wollen.

Mir fehlt zum Glück das Talent. Aber im Ernst: Auch wenn es anders gewesen wäre, hätte ich diese Karriere höchstwahrscheinlich vermieden. Das wäre - als ich noch jünger war - einfach einige Nummern zu hart gewesen. Ich interessiere mich ja selbst nicht allzu sehr für Fußball. Aber ich interessiere mich für Demokratie. Und da ist es wichtig, dass Schwule sich auf dort entfalten können, wo es bislang noch nicht so üblich ist: im Fußball, bei der Bundeswehr, überall.

Glauben Sie denn, ein schwuler Nationalspieler würde von den anderen in der Mannschaft von jetzt auf gleich fallen gelassen?

Die wichtigste Frage ist ja eher, was im Fall eines Outings von den Rängen kommt, insbesondere aus der gegnerischen Fankurve. Was die Mannschaft angeht: Ich fand es toll, dass Phillip Lahm sich in einem Schwulen-Magazin als Eisbrecher betätigt hat - und dort gesagt hat, dass er mit einem schwulen Kollegen überhaupt kein Problem hätte. Das war ein wichtiges Signal, dass es unter Profifußballern eben auch viele weltoffene Menschen gibt, die mit Solidarität reagieren würden. Es ist dem DFB-Präsidenten Theo Zwanziger hoch anzurechnen, dass er klar gemacht: In diesem Fall stellt er sich persönlich vor den Spieler. Zwanziger hat verstanden, dass es allein darum geht, ob einer gut spielen kann.

Das ist doch eigentlich eine banale Einsicht ...

…die aber im Fußball alles andere als selbstverständlich ist. Das hat Christoph Daum gerade erst bewiesen, indem er gesagt hat, Kinder müssten vor Liberalisierungstendenzen gegenüber Homosexuellen im Fußball geschützt werden.

Daum betont, es gehe ihm nur um den Kinderschutz - und hat sich ausdrücklich entschuldigt, falls er Homosexuelle verletzt haben sollte.

Das Problem ist doch, dass Daum trotz seiner Entschuldigung bis heute nicht verstanden hat, woher die Aufregung kommt. Kein Mensch ist dagegen, dass er sich für den Schutz von Kindern und Jugendlichen einsetzt - aber warum fällt ihm das im Zusammenhang mit Homosexuellen ein? Wenn er über den neuen Rasen im Stadion spricht oder die Aufstellung für das nächste Auswärtsspiel, dann sagt er ja auch nicht: „Und außerdem bin ich für Kinderschutz.“ Daum unterstellt hier, dass Schwule und Lesben mit sexuellem Missbrauch mehr zu tun haben als Heterosexuelle. Das ist ein dummes Vorurteil. Aber über genau diese Vorurteile muss geredet werden, damit sich in den Einstellungen der Menschen etwas verändert.

Da können Sie Christoph Daum ja dankbar sein. Er hat etwas Hässliches ausgesprochen, das nicht nur er denkt - und jetzt können wir darüber reden.

Grundsätzlich ist dieser Gedanke richtig. Das Problem ist nur, dass Daum nicht bereit ist, sich mit den eigenen Vorurteilen auseinandersetzen. Daum hat Druck vom Verein bekommen, der die Haltung seines Trainers in einer weltoffenen Stadt wie Köln zurecht für schlechte Werbung hält. Dann ist er halt opportunistisch und mehr schlecht als recht eingeknickt, um weiteren Ärger zu vermeiden. Christoph Daum sollte sich mit Schwulen und Lesben an einen Tisch setzen und darüber sprechen, was er machen würde, wenn er entdecken sollte, dass ein Schwuler in seiner Mannschaft ist. Oder was er tun würde, wenn er erfahren würde, dass eine Jugendmannschaft beim 1. FC Köln von einem Homosexuellen trainiert wird? Würde er dann glauben, dass der Trainer den Kindern unter der Dusche hinterher steigt? Nur so kann er sich selbst bewusst werden, woher seine Vorurteile gegenüber Schwulen kommen.

Was vermuten Sie denn, geht in Daum vor?

Vorurteile entstehen vor allem aus Unkenntnis. Einige Heterosexuelle, insbesondere Männer, haben zudem eine diffuse Angst vor Schwulen. Denn auf einmal könnten sie Objekt der sexuellen Begierde anderer Männer sein - auch wenn sich Christoph Daum solche Sorgen nun wirklich vollkommen eindeutig unberechtigt macht. Klar ist vor allem eins: Jemand der gelassen in sich selbst ruht, kann damit vollkommen problemlos umgehen. Der kann damit sogar spielen und fühlt von dem Gedanken, von anderen Männern bewundert zu werden, womöglich sogar geschmeichelt. Wer aber nicht gefestigt in seiner männlichen Rolle ist, leidet unter Ängsten. Daum sollte seine Ängste nicht überspielen, sondern sich helfen lassen, sie abzubauen. Ich habe ihm ein Gespräch angeboten, der schwul-lesbische Fanclub des FC auch - aber er hat keines der Angebote bislang angenommen. Dazu ist Daum anscheinend zu feige.

Bekommen Daums Ansichten nicht zu viel Aufmerksamkeit, wenn es darauf so heftige Reaktionen gibt? Der eine oder andere in der Fankurve findet die Reaktion der Schwulenverbände etwas weinerlich.

Das ist dann das Problem des einen oder anderen in der Fankurve. An den Zentralrat der Juden würde man doch auch nicht die Frage stellen, ob das Zurückweisen eines antisemitischen Vorurteils zu sensibel ist. Das zeigt nur, dass man die Diskriminierung von Schwulen und Lesben in vielen Kreisen als Problem nicht so ernst nimmt wie die Herabsetzung anderer Gruppen. Ich finde jede Minderheitenfeindlichkeit ist gleich schlimm. Deshalb ist die Gesellschaft gefordert, sich mit voller Kraft gegen antisemitische Vorurteile, gegen rassistische Vorurteile und auch gegen solche, die sich gegen Schwule und Lesben richten, zu engagieren. Auf dem Schulhof ist inzwischen das schlimmste Schimpfwort schwul. Alles, was abgewertet werden soll, ist schwul: das schwule Handy, die schwulen Mathe-Aufgaben, der schwule Mitschüler. Gegen solche Entwicklungen dürfen wir nicht schweigen, sondern der Einzelne sollte versuchen, couragiert dagegen anzugehen.

Theo Zwanziger hat Mut gezeigt, indem er als erster DFB-Präsident das Thema offen angeht. Reicht sein Engagement aus?

Sein Engagement ist klasse. Er hat verstanden, dass es die gesellschaftspolitische Chance des Fußballs ist, Menschen zu erreichen, die sonst nur schwer zu bekommen sind. Die Vereine reagieren aber noch viel zu zögerlich auf die Initiative des Fußballbundes gegen Homophobie, viele haben sie noch nicht unterschrieben. Vor allem müssen in der Vereinsarbeit ganz konkrete Schritte unternommen werden.

Welche genau?

Ich erwarte zum Beispiel, dass der Stadionsprecher über die Lautsprecher einschreitet, wenn im Stadion mal wieder schwulenfeindliche Lieder angestimmt werden. Er muss die Fans dann zurechtweisen - und zwar nicht mit erhobenem Zeigefinder, sondern auf eine Art und Weise, die bei den Fans auch ankommt. Die Vereine müssen kreative Strategien entwickeln, die sich auch im kulturellen Code der Fußballfans bewegen. Vielleicht können Vereine zum Beispiel initiieren, dass sich aufgeschlossene Fans zusammentun und dann ein Lied singen, das eine passende Antwort auf die schwulenfeindlichen Gesänge ist. Das den anderen humorvoll und bestimmt aufzeigt, dass nicht alle ihrer Meinung sind.

Der Stadionsprecher von einem Verein wie Energie Cottbus käme mit dieser Strategie vermutlich nicht sehr weit. Ich vermute sogar, er müsste ein bisschen lachen, wenn Sie ihm diesen Vorschlag machen.

Warum? Anders als meines Wissens z.B. der FC Bayern, Schalke 04 oder Borussia Dortmund hat der FC Energie Cottbus die Erklärung gegen Diskriminierung - auch gegen die der Schwulen - im Fußball unterschrieben. Und darin verpflichtet sich der Verein letztlich dazu, gegen entsprechende Gesänge Maßnahmen zu ergreifen. Es gilt jetzt darauf zu achten, ob die Vereine, die unterzeichnet haben, ihr Bekenntnis auch ernst nehmen. Wenn nicht, muss man die Vereinsführung zur Rede stellen und notfalls von Seiten der Deutschen Fußballliga DFL mit Konsequenzen drohen.

Tun denn Schwule selbst genug, um Vorurteile abzubauen und damit die neue Initiative des DFB in die Breite zu tragen? Anstatt in „normalen“ Mannschaften mitzukicken, spielen viele in schwulen Teams.

Die schwul-lesbischen Sportvereine sind deshalb so beliebt, weil es im Miteinander in vielen Sportvereinen eben negative Reaktionen gibt. Wer so etwas erlebt, der verliert natürlich schnell die Freude am Sport. Für viele sind diese Vereine eine gute Möglichkeit, entspannt Sport zu betreiben - die einige sonst nicht hätten.

Sich in homosexuelle Mannschaften zurückzuziehen, lässt sich dennoch durchaus auch als Selbstdiskriminierung beschreiben.

Das denke ich nicht. Solche Mannschaften entstehen ja häufig auch aus Freundeskreisen - und es finden sich in Vereinen generell eben oft Menschen zusammen, die neben dem Sport noch andere Gemeinsamkeiten haben. Ich weiß, dass im Fußballteam des schwul-lesbischen Vereins in Köln, immer auch ein paar Heteros mitgekickt haben. Solange solche Mannschaften nichts Ausschließendes haben, ist das doch völlig okay. Bescheuert wäre es natürlich tatsächlich, wenn jemand mit anderen einfach nichts zu tun haben wollte. Das würde eine gesellschaftliche Entwicklung hin zu mehr Toleranz und Offenheit im Fußball tatsächlich behindern.

Eine solche Entwicklung braucht Zeit. Was glauben Sie, wie lange wird es noch dauern, bis sich der erste schwule Bundesligaspieler outet?

Es gibt Fortschritte. Deshalb bin ich zuversichtlich, dass es in den nächsten fünf bis zehn Jahren passiert. Und wenn es einer gemacht hat, dann werden auch andere folgen. Das war auch in der Showbranche und der Politik so. Der erste Spieler müsste fraglos großen öffentlichen Druck aushalten. Das Problem ist: Keiner kann genau abschätzen, was im Verein und in den Stadien passieren wird. Dieser Spieler wird aber auch verdammt viel Respekt ernten und gesellschaftliche Unterstützung erhalten. Die Menschen wissen, dass zu einem solchen Schritt viel Mut gehört. Dieser eine wäre mutiger als die anderen zehn in der Mannschaft zusammen.