Presse

"Warten auf das Coming-out / Einer muss den Anfang machen"
(Der Spiegel, Hinnerk, Hamburg, 29. Oktober 2004)

Homosexualität ist das letzte große Tabu im Fußball. Dabei spielen auch in der Bundesliga etliche homosexuelle Profis. Sie führen ein verzweifeltes Doppelleben zwischen den Ansprüchen einer schwulenfeindlichen Männerbastion und den eigenen Bedürfnissen.

von Oliver Lück, Rainer Schäfer

Seinen richtigen Namen zu nennen, wäre zu gefährlich für ihn. Nennen wir ihn deshalb Enver. Aber seine Geschichte ist wahr, er ist einer der großen Stars in der Fußball-Bundesliga, den Millionen wegen seiner Fähigkeiten am Ball lieben. Den aber Millionen hassen würden, wenn sie wüssten, dass er keine Frauen, sondern Männer liebt.

Enver leidet, seit er sein Geld als Fußballprofi in der Bundesliga verdient. Er ist fremd in einer deutschen Großstadt und fühlt sich allein. Er ist homosexuell und traut sich nicht, mit jemandem darüber zu reden. Denn im Fußball, so viel hat er auch mit seinem schlechten Deutsch verstanden, ist schwul ein übles Schimpfwort, eine der schlimmsten Beleidigungen unter Männern. Um dem Verdacht vorzubeugen, hat er seinen Mitspielern erzählt, dass er sich nach mehreren Jahren von seiner Freundin getrennt habe. Jetzt sei erst einmal der Verein seine Geliebte.

Enver lacht gequält. Er hat versucht, nur Fußball zu spielen, wie der Trainer das von ihm verlangt. Aber er spielt besser, wenn er als Mensch zufrieden ist. Eine Zeit lang hat es funktioniert. Er kam zufrieden aus seinem Heimatland zurück und redete sich ein, dass der nächste Urlaub schon bald kommen würde. Aber je länger er hier leben muss, wie ein Kastrierter, der von Männern träumt und mit seinen Mitspielern von Frauen schwärmt, wird er gereizter und unruhiger. Seit wenigen Wochen verkehrt Enver abends in der Schwulenszene - einer unter vielen.

Bis jetzt. Einige kennen ihn schon. Diejenigen, die ihn erkannt haben, schweigen. Was könnte aber passieren, wenn einer redet? Enver hat Angst, dass sein geheimes Leben öffentlich wird. Manchmal hasst er sich dafür, dass er so ist, wie er ist: "Ich bin nur ein verdammter Schwuler. Ein Superstar aus Scheiße." Er schafft es nur noch selten, sich auf seinen Sport zu konzentrieren und ist manchmal so verzweifelt, dass er nicht mehr weiß, wie es weitergehen soll.

"Es gibt immer mehr Menschen, die schwul sind, sicher auch Spieler der Bundesliga" (Arne Friedrich, Nationalspieler von Hertha BSC Berlin)

Enver ist kein Einzelfall unter den Profis der Fußball-Bundesliga. "In einigen deutschen Städten leben homosexuelle Fußballprofis unter ähnlichen Bedingungen. Ihre Angst vor Entdeckung und der Druck müssen enorm sein", weiß die Kulturwissenschaftler Dr. Tatjana Eggeling vom Institut für Kulturanthropologie und europäische Ethnologie in Göttingen. Eggeling habilitiert seit über zwei Jahren über "Homosexualität im Sport" und recherchiert dafür in verschiedenen Ländern. Um der Norm und dem Idealbild des heterosexuellen Sportlers zu genügen, werden von Spitzensportlern und deren Clans mühsam und aufwändig konstruierte Doppelidentitäten mit Frauen und Kindern geschaffen.

Die eigentliche Sexualität wird anonym in der Schwulenszene ausgelebt. "Man muss das sehr private und versteckte homosexuelle Leben und das öffentliche Leben so vereinbaren, dass die Profis den Druck aushalten", weiß Eggeling. Für die Fußballer mit gravierenden Folgen: "Es ist ein sehr hoher Preis, den man bezahlt. Unter den Sportlern existiert als Konsequenz ganz viel Selbstverleugnung und Selbsthass. Um damit halbwegs funktionieren zu können, sind enorme Verdrängungsleistungen notwendig."

Bewusst werden Persönlichkeiten der Spieler gespalten: Neben den echten, die nicht in Erscheinung treten dürfen, agieren die konstruierten, wie sie von Club, Mitspielern und Fans erwartet werden. "Das geht so weit, dass man sich betont heterosexuell verhält und kleidet, um von vornherein jeden Verdacht zu zerstreuen", so die Wissenschaftlerin. So werden schwule Fußballprofis zum Schauspielern gezwungen und zu Vertretern von Werten, die sie aus innerer Überzeugung ablehnen.

"Schwule Spieler muss es geben, aber ich weiß nicht wo" (Jürgen Rollmann, Ex-Profi von Werder Bremen)

Da Fußball und Homosexualität nach wie vor als unvereinbare Gegensätze gelten, gibt es offiziell im deutschen Profifußball keine Schwulen. Kein deutscher Profi hat sich bislang als Homosexueller zu erkennen gegeben, obwohl, statistisch gesehen, mindestens drei schwule Teams in den Bundesligen spielen müssten. Unter der Hand werden einige Namen gehandelt, aber offen möchte keiner damit umgehen. Stattdessen wird weiter Verstecken gespielt und viel Energie darauf verwandt, Fußball als angeblich schwulenfreie Männerzone zu erhalten. "Je bekannter die Profis sind, desto schwieriger wird es, die Fassaden eines solchen Doppellebens aufrechtzuerhalten", glaubt Tatjana Eggeling. Ein erfülltes Leben ist nicht möglich. "Sport ist einer der konservativsten Bereiche unserer Gesellschaft. Der Arbeitersport wurde jahrzehntelang nur von Männern und deren Sichtweise dominiert", erklärt Eggeling. Andere Lebensweisen finden da keinen Platz. "Das Fremde löst besonders viel Angst aus, auch weil Sport ganz nah an der Körperlichkeit dran ist. Dem wird besonders aggressiv und intolerant begegnet."

Zehn bis 15 Prozent der Deutschen sind angeblich lesbisch oder schwul. Alle gesellschaftlichen Kreise drängt es verstärkt zum Coming-out, nicht nur Berlin oder Hamburg werden von schwulen Bürgermeistern regiert, auch in der Bundespolitik stehen immer mehr Politiker zur gleichgeschlechtlichen Liebe, zuletzt der FDP-Vorsitzende Guido Westerwelle. Schwuler Alltag wird inzwischen im privaten und öffentlichen Fernsehen gezeigt, bevor die Kinder zu Bett gehen müssen, und auch bei der Bundeswehr gibt es eine "Arbeitsgruppe Homosexueller Soldaten".

Einzig der beliebteste Zweikampfsport verweigert hartnäckig die Beschäftigung mit dem Thema und lässt keine Liberalisierungstendenzen zu. Ein Klima der Angst wird restauriert. Die Spieler schweigen, weil sie fürchten, in einem auf Kraft und Härte verpflichteten Männerkosmos gedemütigt zu werden, in dem Homosexualität als Schwäche gilt. "Schwul" gilt in den Stadien als Platzhalter für alles, was den Fans nicht passt.

"Ein heißes Eisen, zu dem ich mich nicht äußern möchte. Ich kenne auch keine Fälle" (Christoph Metzelder, Nationalspieler von Borussia Dortmund)

Eine starke Persönlichkeit wäre vonnöten, um die Konsequenzen eines Outings auszuhalten. "Der erste Profi, der das auf sich nimmt, kommt nicht mehr zum Schlafen, zum Essen und zum Trainieren", mutmaßt Tatjana Eggeling. Ex-Nationalspieler Jens Todt pflichtet bei: "Der wird sicher ein Jahr lang niedergemacht, zu Hause und auswärts." Sicher ein Grund, warum die Klubs fast panisch reagieren, wenn Homosexualität thematisiert werden soll. Und so kommt es, dass selbst ein aufgeschlossener und aufmerksamer Profi wie Todt in 13 Jahren nicht mitbekommen hat, "dass einer schwul ist. Klar, kann man sich Gedanken machen, wenn einer nie eine Frau oder Freundin zu Feiern mitbringt. Aber zu den meisten Spielern hat man keinen engen privaten Kontakt".

Ein Zwangsouting, wie es in homosexuellen Künstlerkreisen immer wieder vorkommt, könnte im Fußball existenzbedrohend sein. "Das wünsche ich niemandem", sagt der Berliner Polizist Gerd Eiserbeck von den "Hertha Junxx", dem ersten offiziellen schwul-lesbischen Fanclub der Bundesliga. Eiserbecks Leben drohte nach seinem Zwangsouting vor einigen Jahren aus den Fugen zu geraten, die gewohnten Strukturen im Privat- und Berufsleben brachen von heute auf morgen weg. Der erste Profi, der sich dazu entschließen würde, sei ein "Versuchskaninchen", prognostiziert er. Ein treffender Vergleich, wenn man die Geschichte Justin Fashanus kennt, des bislang einzigen Fußballprofis, der sich zu seiner Homosexualität bekannte.

Dem öffentlichen Druck hielt der Engländer nicht mehr stand. Acht Jahre nach seinem Coming-out erhängte er sich 1998. Doch die Betroffenheit hielt nicht lange an. Zwar versuchte der damalige britische Sportminister mehrere schwule Fußballprofis davon zu überzeugen, öffentlich zu ihrer Homosexualität zu stehen und den Vorurteilen offensiv zu begegnen, jedoch erfolglos. Wer das Tabuthema anspricht, erfährt wenig Erhellendes. "Der 'SPIEGEL'", weiß Jens Todt, "wollte über Homosexuelle in der Bundesliga recherchieren. Die sind gescheitert."

"Wenn sich ein Spieler outen würde, wäre der Rummel groß. Gerade bei Auswärtsspielen müsste ein bekennender Homosexueller einen riesigen Druck aushalten. Irgendwann passiert es, aber noch ist die Angst zu groß" (Henning Bürger, Profi von Rot-Weiß Erfurt)

So kommt wenig Bewegung in die Geschichte, die Argumente sind bekannt: Viele Spieler denken ähnlich wie der frühere Kölner Abwehrspieler Paul Steiner - "Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Fußball spielen können" -, sind aber schlau genug, solche Ressentiments nicht öffentlich zu äußern. Auf der anderen Seite wirkt ein schwuler Präsident wie Corny Littmann beim FC St. Pauli weniger aufklärerisch als narzistisch, wenn er sexprotzerisch zum Besten gibt, wie viele Spieler er schon vernascht habe.

Gerd Eiserbeck ist einer der Aktiven bei den "Hertha Junxx", die seit August 2001 im eigenen und in fremden Stadien um Akzeptanz kämpfen. Nachdem die Mitgliederzahl zunächst sprunghaft angestiegen war, gerät die elanvolle Aufbauarbeit nun mehr und mehr ins Stocken. "Ich hätte schon eine andere Entwicklung erwartet", räumt der 36-Jährige ein, "ich bin etwas ernüchtert." 62 Mitglieder zählt der Fanclub auf dem Papier, gerade mal zwölf sind aktiv dabei. Insbesondere Auswärtsfahrten sind immer seltener geworden: "Da zeigen wir gar keine Flagge mehr, weil wir nicht wissen, wie reagiert wird."

Gerd kennt zwar als Polizeibeamter keine Angst vor körperlicher Gewalt, "aber es muss nicht sein, dass wir uns in Gefahr bringen". Dass keine Jüngeren nachrücken, macht ihnen ebenso zu schaffen wie die Tatsache, dass Bürgermeister Klaus Wowereit schon zweimal die Ehrenmitgliedschaft bei den "Hertha Junxx" abgelehnt hat. Jetzt hat sie die Grünen-Politikern Claudia Roth angenommen - ein Signal, das Auftrieb gibt.

Genauso wie die Kontakte zu anderen schwul-lesbischen Fanclubs in Mainz, Stuttgart, Dortmund, St. Pauli und Dresden. Auch ihre Flagge, die Regenbogenfahne, das Symbol der Homosexuellen, mit dem Hertha-Emblem, soll vergrößert werden. War sie bislang 1,80 auf 1,10 Meter, wird sie künftig 2,50 auf 1,80 Meter messen. Auch als Beweis für sich selber, dass man noch etwas bewegen kann. Aber vor allem als "Signal an schwule Spieler, dass es uns gibt", sagt Andreas Schluricke, Mitglied des Fanclubs und im Berufsleben Mitarbeiter eines Bundestagsabgeordneten der SPD: "Wir wünschen uns, dass uns mal ein schwuler Spieler anspricht, um Erfahrungen auszutauschen - das muss kein Herthaner sein. Einer muss aber endlich mal den Anfang machen."

"Es muss homosexuelle Spieler im Profifußball geben. So konservativ, wie sich der Sport darstellt, erführe die betreffende Person aber sicherlich eine große Ablehnung" (Yves Eigenrauch, Ex-Profi von Schalke 04)

Im deutschen Frauenfußball wird weniger restriktiv mit Homosexualität umgegangen. Es ist ein offenes Geheimnis, dass gleichgeschlechtliche Beziehungen eher die Regel als die Ausnahme sind. Dementsprechend ist die Anzahl der lesbischen Spielerinnen in den Bundesliga-Clubs und im Nationalteam hoch, Trainerinnen inbegriffen. Ein Stillhalteabkommen besagt, dass die Spielerinnen privat tun können, was sie wollen, solange es nicht zum öffentlichen Thema und Ärgernis wird.

Die ganze Härte dieser scheinheiligen Regel bekam Martina Voss, eine der Ausnahmespielerinnen im deutschen Fußball der vergangenen zehn Jahre, zu spüren. Nach 125 Länderspielen wurde Voss kurz vor den olympischen Spielen 2000 in Sydney aus dem Nationalteam geworfen, weil sie wegen Problemen mit ihrer damaligen Freundin die Teilnahme an einem Länderspiel absagen musste.

Der DFB legte ihr nahe, sich nicht mehr zum Rauswurf zu äußern. Eine Warnung, die die heute 36-Jährige besser befolgt, wenn sie ihre Karriere als Trainerin beim Fußball-Verband Niederrhein nicht gefährden will. Voss' Suspendierung bringt die ehemalige Bundesligaspielerin Tanja Walther noch heute in Rage: "Das ist eine Form von Doppelmoral, über die ich mich tierisch aufgeregt habe. Der DFB ist äußerst konservativ. Da macht man Kampagnen gegen Drogen und diskriminiert andere Lebensformen. Obwohl Sport angeblich so verbindet."

Selbst die Vereinigung der Vertragsspieler (VDV), die sich als Fußballer-Gewerkschaft versteht, zeigt auf Anfrage ein rückständiges Verständnis von Homosexualität: "Es hat sich noch kein Spieler mit derartigen sexuellen Problemen Hilfe suchend an die VDV gewandt." Solange gleichgeschlechtliche Liebe als Problem, als etwas irgendwie Krankhaftes betrachtet wird, wird im Fußball kein Mentalitätswandel aus Verständnis für andere Lebensformen stattfinden.

Moral und Doppelmoral könnten aber bald in den Hintergrund treten, wenn homosexuelles Flair als Vermarktungssegment im Fußball nutzbar gemacht wird. Da der Fußball bislang noch alles zu Geld gemacht hat, könnte das androgyne Spiel mit den Geschlechterrollen, wie es sich Superstars wie David Beckham erlauben können, zu einer unerwarteten Hilfe für die schwulen Profis werden. "Die Beckhamania hat viel für die Schwulenszene getan", sagt Gerd Eiserbeck. Beckham wechselt als Rollenmodell ständig zwischen hetero- und homosexuellen Attitüden, allerdings ist schwul bei ihm kein sexuelles, sondern ein Modebekenntnis.

Obwohl offen hetero lebend, ließ sich der Engländer sogar für das Schwulenmagazin "Attitude" als Pin-up ablichten. "Als Vermarktungsfaktor ist das für den Fußball hoch interessant", glaubt Tatjana Eggeling. In der fußballinteressierten Schwulenszene gibt es jedenfalls - völlig unabhängig von der sexuellen Orientierung der Spieler - genügend vermarktbare Ikonen wie Fabien Barthez, Lars Ricken oder Sebastian Deisler.

Das gefährliche Spiel, wie ihm Profis wie Enver Tag für Tag ausgesetzt sind, könnte schneller beendet werden als über eine derart schleichende Aufweichung der Vorurteile gegen Homosexualität. "Es warten alle darauf, dass sich ein Spieler oder Ex-Spieler freiwillig outet und sagt: ,Es ist nicht schlimm, schwul zu sein. Man kann genau so gut Fußball spielen.' Das würde gerade den jungen Spielern ungemein helfen", glaubt Eggeling, "doch die Veränderungen müssen von innen kommen." Es würde den Männerkosmos Fußball fundamental erschüttern, wenn ein eisenharter Verteidiger, der Inbegriff des Anti-Tuntenhaften und Heterosexuellen, schwul wäre.

In den siebziger Jahren verbarg Heinz Bonn, hoffnungsvolles Talent des Hamburger SV, seine Homosexualität aus Furcht vor Karriereschäden. Bonn ertränkte seine Ängste im Alkohol und wurde 1991 tot aufgefunden - ermordet von einem Strichjungen. Was passieren wird, wenn ein Spieler wie Enver den Druck seines absurden Doppellebens nicht mehr aushält und wie Justin Fashanu oder Heinz Bonn endet, ist für Tatjana Eggeling offensichtlich: "Dann sind alle bestürzt und fragen: 'Was herrscht bei uns bloß für ein Klima?' Und die Bundesliga spielt zweimal mit Trauerflor."