Presse

"Nachtkritik: Markus Lanz - 'Es gibt keine schwulen Fußballer!'"
(Süddeutsche Zeitung, München, 20. Juni 2008)

Für Christoph Daum und Mario Basler gehören Homosexualität und Fußball nicht zusammen. Beide demaskieren die Blindheit des deutschen Sports.

von Tomasz Kurianowicz

Während halb Europa schwitzenden Jungs beim Ballspielen zuschaut und einen archaischen (Männer-) Sport feiert, erinnert ein komischer Kauz aus Köln an die Schattenseiten des Fußballsports.

Bei einer Befragung für eine DSF-Reportage, die sich dem tabuisierten Thema "Homosexualität im Fußball" widmete, gab der Trainer Christoph Daum eine haarsträubende Kostprobe seiner abstrusen Argumentationsbegabung:

"Wir müssen ja nicht nur jetzt vom Profi-Fußball ausgehen, sondern müssen zurückrechnen in den gesamten Amateur- oder, wo es eben noch bedenklicher wird, Jugend-Fußball, wo wir Jugendliche betreuen. Und damit ist, glaube ich, sehr deutlich, wie sehr wir dort aufgefordert sind, gegen jegliche Bestrebung, die eben da gleichgeschlechtlich ausgeprägt ist, vorzugehen… Ich hätte da wirklich meine Bedenken, wenn dort von Herrn Zwanziger irgendwelche Liberalisierungsgedanken einfließen sollten."

Der Schlag richtete sich gegen DFB-Präsident Theo Zwanziger, der nun nach jahrelangem Wegschauen das vernachlässigte Thema Homosexualität und Fußball zur Sprache bringen will. Christoph Daum schien Zwanzigers Gesinnungswechsel zu missfallen. In seiner Antwort bediente sich der Trainer des 1. FC Köln einer bedenklichen Analogie, die symptomatisch für den Rückstand im deutschen Fußballsport steht. Daum will Fußballspielern, die als Amateure kicken, "gleichgeschlechtliche Bestrebungen" untersagen und sieht sich durch das Stammtisch erprobte Gleichsetzen von Homosexualität und Pädophilie im Recht. Ein Argument ganz im Geiste der 50er-Jahre.

Das Ende der Karriere

Markus Lanz, die Sommerpausen-Vertretung von Johannes B. Kerner, rief drei Größen aus dem deutschen Fußball-Geschäft ins Studio, um Daums Perspektive zu überprüfen. Wer glaubt, die Wortkaskaden des Trainers seien ein verstörender Einzelfall, der saß noch nie in einem Fußball-Stadion und lauschte den verbalen Angriffen, mit denen volltrunkene Fans gegnerische Spielern attackieren. Es gehört viel psychische Stabilität dazu, solchen Attacken zu widerstehen. Man stelle sich vor, wie ein ca. 20 Jahre alter Spieler eine Situation zu meistern versucht, in der eine 20.000 Mann starke Masse gegen ihn anschreit - mit der Gewissheit, er sei schwul.

Deshalb riet FC St. Pauli-Präsident Corny Littmann davon ab, in Profi-Kreisen zu seinen homosexuellen Neigungen zu stehen: "Das würde das Karriere-Ende bedeuten." Littmann ist selbst schwul und kennt die Gefahren, die ein offener Umgang mit der eigenen Homosexualität birgt. Er verwies nicht nur auf den Druck der Kollegen und der Fans, sondern auch auf die einschüchternde Wirkung der Medien. Markus Lanz sah seine Zunft zu Unrecht angegriffen und fragte, warum Littmann ausgerechnet dort ein Hetz-Potenzial vermutet. "Ich kenne die Redakteure der Bild-Zeitung", konterte Littmann trocken.

Archaische Vorstellungen

In diesem Punkt war er sich mit Mario Basler einig, dem Ex-Profifußballer und ehemaligem Werder-Bremen-Star: Ein Outing sei für niemanden die richtige Lösung. Wobei Basler Homosexualität im Fußballsport völlig zu bestreiten schien. "Gibt es schwule Fußballer?", wollte Markus Lanz wissen. "Nein, ich glaube nicht", war Baslers eindeutige Antwort. Obwohl er ständig betonte, dass er selbst nicht schwul sei, aber schwule Freunde habe, wollte Basler die Einschätzung des St.-Pauli-Präsidenten über die Häufigkeit von Homosexualität im Fußballsport nicht teilen. Basler gab - ähnlich wie Daum - ein gutes Beispiel ab, wie undurchdringlich manche Beton-Köpfe im Fußball-Sport noch sind. Offen gestand er ein, mit schwulen Feindbildern auf dem Fußballplatz gearbeitet zu haben. Und es spricht viel dafür, dass sich die Stimmung seit Baslers Zeiten nicht wesentlich verändert hat.

Schwule - während der EM 2008?

Marcus Urban, ehemaliger Zweitligist bei Rot-Weiß Erfurt, wagte den Sprung ins kalte Wasser und bekannte sich vor Jahren zu seiner Homosexualität - doch er musste bald seine Karriere beenden, um unbehelligt zu leben. Als Profi-Fußballer versteckte er seine Neigung mit größter Sorgfalt, las Psychologie-Bücher, kontrollierte seine Bewegungen und achtete auf seine Körperhaltung, um bloß keinem Schwulen-Klischee zu entsprechen. So wollte er seine Männlichkeit beweisen, was einen starken Verdrängungs- und Gewaltmechanismus auslöste. Auch Littmann bestärkte die These, schwule Spieler seien auf dem Spielfeld besonders aggressiv. "Wenn ihr nach schwulen Spielern sucht, dann schaut auf die, die die meisten gelben Karten bekommen."

Marcus Urban war der einzige, der etwas Optimismus in die Runde brachte. Ja, die Fußball-Landschaft habe sich verändert. Immer mehr Frauen gingen heutzutage in Stadien, das Männlichkeits-Monopol sei angekratzt. Zu wünschen wäre es dem Fußballsport, der doch nicht rückwärtsgewandter sein sollte als die Gesellschaft, in der er ausgetragen wird. Und auch den schwulen Sportlern, die dieser Tage so verbissen in den Stadien in Österreich und der Schweiz um Siege kämpfen, würde eine gesellschaftliche Öffnung helfen. Sie müssten ihre kostbare Kraft nicht für Verschleierungen von Vorlieben verschwenden, sondern könnten sie nutzen, um Tore zu schießen.

Selbst der unverbesserliche Mario Basler gab dem Schluss der Diskussion eine versöhnliche Note. Schwule auf dem Rasen, und das während der EM 2008? "Ich glaube es nicht. Aber meine Hand ins Feuer legen, würde ich auch nicht."