Presse

Themenwoche: "Exotismus und Voyeurismus"
(RUND, Hamburg, 29. November 2007)

Die Kulturwissenschaftlerin Tatjana Eggeling forscht seit über zwei Jahren zum Thema „Homophobie im Sport“. Im RUND-Interview spricht die Dozentin des Instituts für Kulturanthropologie und europäische Ethnologie in Göttingen über das voyeuristische Interesse vieler Medien, das fehlende Engagement des DFB und die Gefahren eines Coming-out für einen Fußballprofi.

von Tatjana Eggeling

RUND: Tatjana Eggeling, Sie habilitieren zum Thema „Homosexualität im Sport“. Wie stellt sich Ihnen die Situation im Fußball dar?

Tatjana Eggeling: Der Fußball ist immer noch stark schwulenfeindlich, da hat sich in den vergangenen Jahren nichts geändert. Homophobie ist immer noch stark ausgeprägt, Fußballer blocken beim Thema Homosexualität immer noch vollkommen ab. Was sich verändert hat, ist eine verstärkte Wahrnehmung in der Öffentlichkeit. Aber der positive Effekt, den man erwarten könnte, wenn viel über ein Thema geredet wird, hat sich bislang noch nicht eingestellt.

RUND: Warum?

Tatjana Eggeling: Das voyeuristische Interesse der Öffentlichkeit und vieler Medien ist sehr ausgeprägt. Sie werden den Ersten, der sich outet, wochenlang nicht in Ruhe lassen, um zu erfahren, wie er lebt. Das hat natürlich mit Sensationslust zu tun, und da spielen auch Exotismus und Voyeurismus eine Rolle.

RUND: Wäre denn unter diesen Umständen das Coming-out eines Spielers empfehlenswert?

Tatjana Eggeling: Ich würde es im Moment keinem bekannten und auch unbekannten Spieler empfehlen, weil nicht abzusehen ist, wie die Fußballszene und die Öffentlichkeit reagieren. Innerhalb der Fußballwelt herrscht noch eine sehr starke Homophobie. Andererseits finde ich es an der Zeit, dass sich mehr Profisportler und sportlerinnen outen, weil ich viele ihrer Biographien kenne und weiß, wie hoch der Leidensdruck ist. Es ist ein Spagat, etwas zu tun, was Spaß macht, wofür du talentiert bist, bei dem du aber immer einen zentralen Teil deiner Persönlichkeit verheimlichen musst.

RUND: Ein Outing könnte die Situation von homosexuellen Sportlern verbessern?

Tatjana Eggeling: Es würde auf Dauer Normalität schaffen: Nämlich zu zeigen, dass es kein Widerspruch ist, schwul zu sein und trotzdem auf höchster Ebene gut kicken zu können. Aber der Preis, der für ein Outing zu bezahlen ist, ist unter Umständen sehr hoch.

RUND: RUND kennt zwei homosexuelle Funktionäre in der Fußballbundesliga. Wäre ein Outing für die auch so riskant?

Tatjana Eggeling: Nein, was soll passieren? Sie könnten sich viel leichter outen aus ihrer Machtposition heraus und dadurch helfen, ein verändertes Denken mit aufzubauen. Da geht es viel weniger um Existenzen als bei Spielern, die mehr im Licht der Öffentlichkeit stehen.

RUND: Ist die Schwulenfeindlichkeit in anderen Ländern ähnlich ausgeprägt?

Tatjana Eggeling: Der englische Fußballverband hat 2001 in seiner Satzung verankert, dass er gegen Diskriminierung wegen sexueller Orientierung vorgehen wird. Er hat Pionierarbeit geleistet. Auch die Uefa hat sich der Thematik angenommen, für die Fifa dagegen ist es scheinbar überhaupt kein Thema, wie auch für den DFB. Sie werden es ohne Not nicht ansprechen. Es gibt ja angeblich keine Schwulen. Mit Rassismus haben sich die Verbände auch erst beschäftigt, als der Druck der Öffentlichkeit zu stark wurde.

RUND: Der DFB hat sehr lange gebraucht, bis er gegen Rassismus vorgegangen ist. Wann geht er gegen Homophobie vor?

Tatjana Eggeling: Der DFB wird wohl nicht schneller handeln als beim Thema Rassismus. Wobei es davon abhängt, wie sehr er gefordert wird, um ein Bewusstsein und eine Sensibilität für das Thema zu schaffen. Dieser Druck und auch noch viel Aufklärungsarbeit sind aber erforderlich, weil das System der Homophobie und die Politik des Schweigens fest etabliert sind.