Presse

Themenwoche: "Einer muss den Anfang machen, Teil 2"
(RUND, Hamburg, 25. November 2007)

Bereits vor zwei Jahren widmeten sich die RUND-Redakteure Oliver Lück und Rainer Schäfer dem Thema „Homosexualität und Homophobie im Profifußball“. Schon damals sprachen sie mit einem homosexuellen Spieler über dessen absurde Lebensumstände und die ständige Angst, entdeckt zu werden. Lesen Sie heute den zweiten Teil der Reportage.

von Oliver Lück, Rainer Schäfer

Im deutschen Frauenfußball wird weniger restriktiv mit Homosexualität umgegangen. Es ist ein offenes Geheimnis, dass gleichgeschlechtliche Beziehungen eher die Regel als die Ausnahme sind. Dementsprechend ist die Anzahl der lesbischen Spielerinnen in den Bundesligaclubs und im Nationalteam hoch, Trainerinnen inbegriffen. Ein Stillhalteabkommen besagt, dass die Spielerinnen privat tun können, was sie wollen, solange es nicht zum öffentlichen Thema und Ärgernis wird. Die ganze Härte dieser scheinheiligen Regel bekam Martina Voss, eine der Ausnahmespielerinnen im deutschen Fußball der vergangenen zehn Jahre, zu spüren. Nach 125 Länderspielen wurde Voss kurz vor den Olympischen Spielen 2000 in Sydney aus dem Nationalteam geworfen, weil sie wegen Problemen mit ihrer damaligen Freundin die Teilnahme an einem Länderspiel absagen musste.

Der DFB legte ihr nahe, sich nicht mehr zum Rauswurf zu äußern. Eine Warnung, die die heute 36-Jährige besser befolgt, wenn sie ihre Karriere als Trainerin beim Fußball-Verband Niederrhein nicht gefährden will. Voss’ Suspendierung bringt die ehemalige Bundesligaspielerin Tanja Walther noch heute in Rage: „Das ist eine Form von Doppelmoral, über die ich mich tierisch aufgeregt habe. Der DFB ist äußerst konservativ. Da macht man Kampagnen gegen Drogen und diskriminiert andere Lebensformen. Obwohl Sport angeblich so verbindet.“ Selbst die Vereinigung der Vertragsspieler (VDV), die sich als Fußballer- Gewerkschaft versteht, zeigt auf Anfrage ein rückständiges Verständnis von Homosexualität: „Es hat sich noch kein Spieler mit derartigen sexuellen Problemen Hilfe suchend an die VDV gewandt.“ Solange gleichgeschlechtliche Liebe als Problem, als etwas irgendwie Krankhaftes betrachtet wird, wird im Fußball kein Mentalitätswandel zu mehr Verständnis für andere Lebensformen stattfinden.

Moral und Doppelmoral könnten aber bald in den Hintergrund treten, wenn homosexuelles Flair als Vermarktungssegment im Fußball nutzbar gemacht wird. Da der Fußball bislang noch alles zu Geld gemacht hat, könnte das androgyne Spiel mit den Geschlechterrollen, wie es sich Superstars wie David Beckham erlauben können, zu einer unerwarteten Hilfe für die schwulen Profis werden. „Die Beckhamania hat viel für die Schwulenszene getan“, sagt Gerd Eiserbeck. Beckham wechselt als Rollenmodell ständig zwischen hetero- und homosexuellen Attitüden, allerdings ist schwul bei ihm kein sexuelles, sondern ein Modebekenntnis. Obwohl offen hetero lebend, ließ sich der Engländer sogar für das Schwulenmagazin „Attitude“ als Pin-Up ablichten. „Als Vermarktungsfaktor ist das für den Fußball hochinteressant“, glaubt Tatjana Eggeling. In der fußballinteressierten Schwulenszene gibt es jedenfalls - völlig unabhängig von der sexuellen Orientierung der Spieler – genügend vermarktbare Ikonen wie Fabien Barthez, Lars Ricken oder Sebastian Deisler.

Das gefährliche Spiel, wie ihm Profis wie Enver Tag für Tag ausgesetzt sind, könnte schneller beendet werden als über eine derart schleichende Aufweichung der Vorurteile gegen Homosexualität. „Es warten alle darauf, dass sich ein Spieler oder Ex-Spieler freiwillig outet und sagt: ,Es ist nicht schlimm, schwul zu sein. Man kann genau so gut Fußball spielen.’ Das würde gerade den jungen Spielern ungemein helfen“, glaubt Eggeling, „doch die Veränderungen müssen von innen kommen.“ Es würde den Männerkosmos Fußball fundamental erschüttern, wenn ein eisenharter Verteidiger, der Inbegriff des Anti-Tuntenhaften und Heterosexuellen, schwul wäre. In den 70er Jahren verbarg Heinz Bonn, hoffnungsvolles Talent des Hamburger SV, seine Homosexualität aus Furcht vor Karriereschäden. Bonn ertränkte seine Ängste im Alkohol und wurde 1991 tot aufgefunden – ermordet von einem Strichjungen. Was passieren wird, wenn ein Spieler wie Enver den Druck seines absurden Doppellebens nicht mehr aushält und wie Justin Fashanu oder Heinz Bonn endet, ist für Tatjana Eggeling offensichtlich: „Dann sind alle bestürzt und fragen: ,Was herrscht bei uns bloß für ein Klima? Und die Bundesliga spielt zweimal mit Trauerflor.“