Presse

Themenwoche: "Einer muss den Anfang machen, Teil 1"
(RUND, Hamburg, 24. November 2007)

Bereits vor zwei Jahren widmeten sich die RUND-Redakteure Oliver Lück und Rainer Schäfer dem Thema „Homosexualität und Homophobie im Profifußball“. Schon damals sprachen sie mit einem homosexuellen Spieler über dessen absurde Lebensumstände und die ständige Angst, entdeckt zu werden. Lesen Sie heute den ersten Teil der Reportage.

von Oliver Lück, Rainer Schäfer

Seinen richtigen Namen zu nennen, wäre zu gefährlich für ihn. Nennen wir ihn deshalb Enver. Aber seine Geschichte ist wahr, er ist einer der großen Stars in der Fußballbundesliga, den Millionen wegen seiner Fähigkeiten am Ball lieben. Den aber Millionen hassen würden, wenn sie wüssten, dass er keine Frauen, sondern Männer liebt.

Enver leidet, seit er sein Geld als Fußballprofi in der Bundesliga verdient. Er ist fremd in einer deutschen Großstadt und fühlt sich allein. Er ist homosexuell und traut sich nicht, mit jemandem darüber zu reden. Denn im Fußball, so viel hat er auch mit seinem schlechten Deutsch verstanden, ist schwul ein übles Schimpfwort, eine der schlimmsten Beleidigungen unter Männern. Um dem Verdacht vorzubeugen, hat er seinen Mitspielern erzählt, dass er sich nach mehreren Jahren von seiner Freundin getrennt habe. Jetzt sei erst einmal der Verein seine Geliebte.

Enver lacht gequält. Er hat versucht, nur Fußball zu spielen, wie der Trainer das von ihm verlangt. Aber er spielt besser, wenn er als Mensch zufrieden ist. Eine Zeit lang hat es funktioniert. Er kam zufrieden aus seinem Heimatland zurück und redete sich ein, dass der nächste Urlaub schon bald kommen würde. Aber je länger er hier leben muss, wie ein Kastrierter, der von Männern träumt und mit seinen Mitspielern von Frauen schwärmt, wird er gereizter und unruhiger. Seit wenigen Wochen verkehrt Enver abends in der Schwulenszene - einer unter vielen. Bis jetzt. Einige kennen ihn schon. Diejenigen, die ihn erkannt haben, schweigen. Was könnte aber passieren, wenn einer redet? Enver hat Angst, dass sein geheimes Leben öffentlich wird. Manchmal hasst er sich dafür, dass er so ist, wie er ist: „Ich bin nur ein verdammter Schwuler. Ein Superstar aus Scheiße.“ Er schafft es nur noch selten, sich auf seinen Sport zu konzentrieren und ist manchmal so verzweifelt, dass er nicht mehr weiß, wie es weitergehen soll.

Enver ist kein Einzelfall unter den Profis der Fußballbundesliga. „In einigen deutschen Städten leben homosexuelle Fußballprofis unter ähnlichen Bedingungen. Ihre Angst vor Entdeckung und der Druck müssen enorm sein“, weiß die Kulturwissenschaftlerin Dr. Tatjana Eggeling vom Institut für Kulturanthropologie und europäische Ethnologie in Göttingen. Eggeling habilitiert seit über zwei Jahren über „Homosexualität im Sport“ und recherchiert dafür in verschiedenen Ländern. Um der Norm und dem Idealbild des heterosexuellen Sportlers zu genügen, werden von Spitzensportlern und deren Clans mühsam und aufwändig konstruierte Doppelidentitäten mit Frauen und Kindern geschaffen.

Die eigentliche Sexualität wird anonym in der Schwulenszene ausgelebt. „Man muss das sehr private und versteckte homosexuelle Leben und das öffentliche Leben so vereinbaren, dass die Profis den Druck aushalten“, weiß Eggeling. Für die Fußballer mit gravierenden Folgen: „Es ist ein sehr hoher Preis, den man bezahlt. Unter den Sportlern existiert als Konsequenz ganz viel Selbstverleugnung und Selbsthass. Um damit halbwegs funktionieren zu können, sind enorme Verdrängungsleistungen notwendig.“ Bewusst werden Persönlichkeiten der Spieler gespalten: Neben den echten, die nicht in Erscheinung treten dürfen, agieren die konstruierten, wie sie von Club, Mitspielern und Fans erwartet werden. „Das geht so weit, dass man sich betont heterosexuell verhält und kleidet, um von vornherein jeden Verdacht zu zerstreuen“, so die Wissenschaftlerin. So werden schwule Fußballprofis zum Schauspielern gezwungen und zu Vertretern von Werten, die sie aus innerer Überzeugung ablehnen.

Da Fußball und Homosexualität nach wie vor als unvereinbare Gegensätze gelten, darf es offiziell im deutschen Profifußball keine Schwulen geben. Kein deutscher Profi hat sich bislang als homosexuell zu erkennen gegeben, obwohl, statistisch gesehen, mindestens drei schwule Teams in den Bundesligen spielen müssten. Unter der Hand werden einige Namen gehandelt, aber offen möchte keiner damit umgehen. Stattdessen wird weiter Verstecken gespielt und viel Energie darauf verwandt, Fußball als angeblich schwulenfreie Männerzone zu erhalten. „Je bekannter die Profis sind, desto schwieriger wird es, die Fassaden eines solchen Doppellebens aufrechtzuerhalten“, glaubt Tatjana Eggeling. Ein erfülltes Leben ist nicht möglich. „Sport ist einer der konservativsten Bereiche unserer Gesellschaft. Der Arbeitersport wurde jahrzehntelang nur von Männern und deren Sichtweise dominiert“, erklärt Eggeling. Andere Lebensweisen finden da keinen Platz. „Das Fremde löst besonders viel Angst aus, auch weil Sport ganz nah an der Körperlichkeit dran ist. Dem wird besonders aggressiv und intolerant begegnet.“

Zehn bis 15 Prozent der Deutschen sollen lesbisch oder schwul sein. Alle gesellschaftlichen Kreise drängt es verstärkt zum Coming-Out, nicht nur Berlin und Hamburg werden von schwulen Bürgermeistern regiert, auch in der Bundespolitik stehen immer mehr Politiker zur gleichgeschlechtlichen Liebe, zuletzt der FDP-Vorsitzende Guido Westerwelle. Schwuler Alltag wird inzwischen im privaten und öffentlichen Fernsehen gezeigt, bevor die Kinder zu Bett gehen müssen, und auch bei der Bundeswehr gibt es eine Arbeitsgruppe homosexueller Soldaten. Einzig der beliebteste Zweikampfsport verweigert hartnäckig die Beschäftigung mit dem Thema und lässt keine Liberalisierungstendenze zu. Ein Klima der Angst wird restauriert. Die Spieler schweigen, weil sie fürchten, in einem auf Kraft und Härte verpflichteten Männerkosmos gedemütig zu werden, in dem Homosexualität als Schwäche gilt. „Schwul? gilt in den Stadien als Platzhalter für alles, was den Fan s nicht passt.

Eine starke Persönlichkeit wäre vonnöten, um die Konsequenzen eines Outings auszuhalten. „Der erste Profi, der das auf sich nimmt, kommt nicht mehr zum Schlafen, zum Essen und zum Trainieren“, mutmaßt Tatjana Eggeling. Ex-Nationalspieler Jens Todt pflichtet bei: „Der wird sicher ein Jahr lang niedergemacht, zu Hause und auswärts.“ Sicher ein Grund, warum die Clubs fast panisch reagieren, wenn Homosexualität thematisiert werden soll. Und so kommt es, dass selbst ein aufgeschlossener und aufmerksamer Profi wie Todt in 13 Jahren nicht mitbekommen hat, „dass einer schwul ist. Klar kann man sich Gedanken machen, wenn einer nie eine Frau oder Freundin zu Feiern mitbringt. Aber zu den meisten Spielern hat man keinen engen privaten Kontakt.“

Ein Zwangsouting, wie es in homosexuellen Künstlerkreisen immer wieder vorkommt, könnte im Fußball existenzbedrohend sein. „Das wünsche ich niemandem“, sagt der Berliner Polizist Gerd Eiserbeck von den „Hertha Junxx“, dem ersten offiziellen schwul-lesbischen Fanclub der Bundesliga. Eiserbecks Leben drohte nach seinem Zwangsouting vor einigen Jahren aus den Fugen zu geraten, die gewohnten Strukturen im Privat- und Berufsleben brachen von heute auf morgen weg. Der erste Profi, der sich dazu entschließen würde, sei ein „Versuchskaninchen“, prognostiziert er. Ein treffender Vergleich, wenn man die Geschichte Justin Fashanus kennt, des bislang einzigen Fußballprofis, der sich zu seiner Homosexualität bekannte. Dem öffentlichen Druck hielt der Engländer nicht mehr stand. Acht Jahre nach seinem Coming-out erhängte er sich 1998. Doch die Betroffenheit hielt nicht lange an. Zwar versuchte der damalige britische Sportminister mehrere schwule Fußballprofis davon zu überzeugen, öffentlich zu ihrer Homosexualität zu stehen und den Vorurteilen offensiv zu begegnen, jedoch erfolglos. Wer das Tabuthema anspricht, erfährt wenig Erhellendes. „,Der Spiegel’“, weiß Jens Todt, „wollte über Homosexuelle in der Bundesliga recherchieren. Die sind gescheitert.“

So kommt wenig Bewegung in die Geschichte, die Argumente sind bekannt: Viele Spieler denken ähnlich wie der frühere Kölner Abwehrspieler Paul Steiner - „Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Fußball spielen können“ -, sind aber schlau genug, solche Ressentiments nicht öffentlich zu äußern. Auf der anderen Seite wirkt ein schwuler Präsident wie Corny Littmann beim FC St. Pauli weniger aufklärerisch als narzistisch, wenn er sexprotzerisch zum Besten gibt, wie viele Spieler er schon vernascht habe.

Gerd Eiserbeck ist einer der Aktiven bei den Hertha Junxx, die seit August 2001 im eigenen und in fremden Stadien um Akzeptanz kämpfen. Nachdem die Mitgliederzahl zunächst sprunghaft angestiegen war, gerät die elanvolle Aufbauarbeit nun mehr und mehr ins Stocken. „Ich hätte schon eine andere Entwicklung erwartet“, räumt der 36-Jährige ein, „ich bin etwas ernüchtert.“ 62 Mitglieder zählt der Fanclub auf dem Papier, gerade mal zwölf sind aktiv dabei. Insbesondere Auswärtsfahrten sind immer seltener geworden: „Da zeigen wir gar keine Flagge mehr, weil wir nicht wissen, wie reagiert wird.“ Gerd kennt zwar als Polizeibeamter keine Angst vor körperlicher Gewalt, „aber es muss nicht sein, dass wir uns in Gefahr bringen“. Dass keine Jüngeren nachrücken, macht ihnen ebenso zu schaffen wie die Tatsache, dass Bürgermeister Klaus Wowereit schon zweimal die Ehrenmitgliedschaft bei den „Hertha Junxx“ abgelehnt hat. Jetzt hat sie die Grünen-Politikern Claudia Roth angenommen - ein Signal, das Auftrieb gibt.

Genauso wie die Kontakte zu anderen schwul-lesbischen Fanclubs in Mainz, Stuttgart, Dortmund, St. Pauli und Dresden. Auch ihre Flagge, die Regenbogenfahne, das Symbol der Homosexuellen, mit dem Hertha-Emblem, soll vergrößert werden. War sie bislang 1,80 auf 1,10 Meter, wird sie künftig 2,50 auf 1,80 Meter messen. Auch als Beweis für sich selber, dass man noch etwas bewegen kann. Aber vor allem als „Signal an schwule Spieler, dass es uns gibt“, sagt Andreas Schluricke, Mitglied des Fanclubs und im Berufsleben Mitarbeiter eines Bundestagsabgeordneten der SPD: „Wir wünschen uns, dass uns mal ein schwuler Spieler anspricht, um Erfahrungen auszutauschen - das muss kein Herthaner sein. Einer muss aber endlich mal den Anfang machen.“