Presse

Themenwoche: "Wissen tun es alle"
(ballesterer, Wien, 10.10.2006)


von Stefan Kraft, Reinhard Krennhuber

Muhamed ist ein bemerkenswerter Mensch. Vor vier Jahren kam er aus dem bosnischen Kriegsgebiet nach Österreich, absolvierte dann das Jus-Studium in Mindestzeit und beherrscht Deutsch wie seine Muttersprache. Aus der Heimat hat Muhamed die Liebe zum Fußballspiel mitgenommen: Als Kicker wirbelt er in der Wiener Unterliga, als Fan unterstützt der 22-Jährige die Wiener Austria. Wie das mit seinem Schwulsein zusammenpasst, erklärt er im folgenden Interview.



Findest du es eigentlich komisch, dass wir mit dir ein Interview auf Grund deiner sexuellen Zuschreibung machen?

Muhamed: Nein. Ich wollte schon als Kind in einem Fußballmagazin auftauchen. Natürlich hätte ich mir auch andere Gründe dafür vorstellen können. Ich habe aber kein Problem damit, dass ich es jetzt geschafft habe, nur weil ich schwul bin.

Findest du es wichtig, offen über das Thema Homosexualität im Fußball zu sprechen?

Das hängt auch mit eurem Magazin zusammen, das Fußball nicht ausschließlich als Sport betrachtet. Wenn Politik zum Fußball gehört, wenn Gewalt oder Werbung dazu gehören oder die Debatte über Zugehörigkeiten, dann gehört auch Schwulsein zum Fußball. Es ist zwar ein Randphänomen und von beiden Seiten sehr stark mit Klischees behaftet, ich finde es aber sehr wichtig, darüber zu reden.

Als Beobachter hat man oft das Gefühl, dass die Homophobie im Fußball ausgeprägter ist als in anderen Gesellschaftsbereichen.

Dazu habe ich unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Mein Freund und ich haben vergangene Saison gemeinsam an einer Fanfahrt nach Pasching teilgenommen, und da wurden im Bus unter anderen auch Schwule verspottet – neben Polen, Juden, der BAWAG und so weiter. Da wollte ich mich nicht einmischen, weil die Qualität der Kommentare nicht relevant war. Sätze wie »Du schwule Sau!« gehören in Österreich zur primitiven Alltagskultur und das Niveau ist bei Fußballfans eben nicht höher. Ich komme aus einem Land, in dem das Schwulsein noch viel stärker tabuisiert ist. In Bosnien haben die Schwulen allgemein ein Problem. Wenn Schwulsein in der Musik und in der Literatur ein Tabuthema ist, hat es nach bosnischer Sichtweise im Fußball erst recht nichts verloren.

Und wie war die österreichische Sichtweise, die du als Spieler mitbekommen hast?

Ich war schon bei einigen Vereinen. Da ist es passiert, dass die Kollegen das Bild meines Freundes im Geldbörserl gesehen haben. Die meisten haben es normal aufgenommen, einige haben mich sogar gefragt, wie lang wir schon zusammen sind. Mir ist es öfter passiert, dass mich Schwule schief angeschaut haben, weil ich Fußball spiele oder mir ein Match anschauen wollte, als blödes Gerede von Kicker-Kollegen, weil ich schwul bin.

Sind die Berührungsängste von Schwulen mit dem Fußball also weiterhin vorhanden?

Ja und nein. Es gibt mittlerweile viele homosexuelle Menschen, die Fußball verfolgen. Ich habe zum Beispiel ein Dating-Profil gehabt auf einer Schwulen-Website, das sehr violett gefärbt war. Leute haben mir Nachrichten geschrieben wie »23 Titel sind nicht so viel wie 31« oder »Trau dich ja nicht nach Hütteldorf« oder »Ihr werdet nie deutscher Meister«. Der Verfasser der letzten Message hat sich dann übrigens als schwuler FPÖ-Sympathisant geoutet. Es hat sich also sicherlich Einiges geändert. Andererseits höre ich auch von Schwulen immer wieder primitive Kommentare wie »Wie ist es in der Umkleidekabine?« oder »Kannst du Bilder mit dem Handy machen?«, die ich genauso daneben finde wie homophobe Gesänge von den Tribünen.

Wo fühlst du dich weniger akzeptiert? Als schwuler Fan auf der Tribüne oder als Spieler im Verein?

Im Fanblock thematisiere ich das Schwulsein nicht. Ich gehe zwar mit meinem Freund ins Horr-Stadion, aber wir kuscheln uns nicht nieder, wenn die Austria ein Tor schießt, oder halten Händchen bei spannenden Situationen. Die Heteros machen das übrigens auch nicht. Ich kann daher nicht sagen, dass ich nicht akzeptiert werde. Schwulsein macht zwar einen riesigen Teil meiner Persönlichkeit aus, ich hänge es aber nicht immer und überall an die große Glocke. Im Fanblock sprichst du nicht über deine Freundin oder deinen Freund oder deine sexuellen Lieblingspraktiken sondern über Fußball, über Prohaska, Schinkels, Rothneusiedl oder den Schiedsrichter.

Wissen deine Mannschaftskollegen von deiner Homosexualität?

Wissen tun es alle. Die Frage ist aber vielmehr, wie wichtig es ihnen ist. Ich glaube, es zählt für sie mehr, wie schnell ich beim Laufen bin als bei etwas anderem. Auch wenn unter Fußballern private Diskussionen zum Alltag gehören, war meine sexuelle Vorliebe selten ein Problem. Nur einmal hat es Schwierigkeiten mit einem Mitspieler aus Ex-Jugoslawien gegeben, aber das ist eher an meiner ethnischen Herkunft gelegen. Er hat mein Schwulsein nur als Vorwand verwendet, um gegen mich zu hetzen.

Wann hast du gemerkt, dass du schwul bist und hat das deine fußballerische Entwicklung erschwert?

Gemerkt habe ich es mit 13, als ich mich in einen Burschen verknallt habe, der in dieselbe Schule gegangen ist. Ich hab’ mein Schwulsein und den Fußball aber nie verbunden. Ich hab’ mir zum Beispiel nie vorgestellt, dass ich einmal in einem Schwulen-Team spielen würde. In Bosnien ist es egal, wie männlich du bist, man spielt einfach Fußball. Ich bin im Krieg aufgewachsen, es gab lange Zeit kaum etwas anderes für uns, als das Kicken. Es war das Einzige, das uns vor gewissen Phänomenen behütet hat.

In der Alltagssprache von Fußballern sind homophobe Ausdrücke wie »warmer Pass« fix verankert. Stört dich das?

Es ist mir eigentlich egal. Natürlich ist es sehr wichtig, sich für Gleichberechtigung einzusetzen. Aber diesbezüglich stören mich andere Sachen mehr. Etwa, dass ich nicht bei meinem Freund bleiben kann, wenn ich mein Studium abgeschlossen habe. Als Student aus Bosnien bekomme ich keine unbefristete Aufenthaltserlaubnis, von einer Arbeitserlaubnis ganz zu schweigen. Wenn ich eine Frau wäre, könnte ich ihn heiraten und alles wäre kein Problem. Insofern ist mir die Anerkennung durch den Staat viel wichtiger als jene durch die Gesellschaft. Ob jemand im Fußball sagt: »Das ist ein warmer Pass!«, ärgert mich viel weniger, als dass ich mit meinem Partner keine rechtlich anerkannte Beziehung eingehen kann. Diese Veränderungen müssen von oben kommen. Wenn bessere Verhältnisse eintreten, werden auch schwule Fans nicht nur bei St. Pauli, PSV Eindhoven oder vom isländischen Fußballverband anerkannt werden.

Warum gibt es keine schwulen Fußballer, die sich zu ihrer Sexualität bekennen? Warum bist du der einzige?

Ich bin ja kein richtiger Fußballer. Wenn ich bei der Austria spielen würde, würde es mir auch sehr schwer fallen, mich öffentlich zu bekennen. Wenn sich etwa Roland Linz outen würde – nicht, dass er schwul wäre – würde er bei jedem Fehler als »schwule Sau« beschimpft werden. In Österreich ist es in fast jedem Lebensbereich schwer, sich als Schwuler zu deklarieren. Erst recht, wenn ein öffentliches Auge auf dich gerichtet ist. Dann willst du nämlich nicht kritisiert werden. Menschen in diesem Bereich brauchen Lob. Wenn ich in der Bundesliga spielen würde, würde ich es mir auch sehr gut überlegen, wem ich erzähle, dass ich schwul bin. Davon abgesehen: Wenn sich in viel offeneren Gesellschaften kein Fußballer zu seiner Homosexualität bekennt, warum sollte das in Österreich passieren?

Wo siehst du die größten Hürden bei einem Outing?

Bei den Fans, weil sie die Öffentlichkeit darstellen. Es gibt zwar eine bunte Mischung von Menschen auf den Tribünen, am Ende wird die Reaktion aber auf die Meinung der Stärksten reduziert. Ich habe mich im Stadion auch schon von der Masse mitreißen lassen und »Schwuler, schwuler SCR« gesungen. Natürlich frage ich mich dann beim Heimfahren, warum ich das gemacht habe. Auch wenn ich nichts dagegen hätte, wenn der eine oder andere Rapidler schwul wäre. Was aber von gegnerischen Fans an Gesängen kommen würde, wenn wirklich ein deklarierter Schwuler mitspielt, möchte ich mir nicht einmal vorstellen. Die Mitspieler sind wahrscheinlich das geringere Problem und die Betreuer sowieso. Profiklubs beschäftigen Psychologen und die haben auch bisher schon Einiges zu hören bekommen.

Haben metrosexuelle Popstars wie David Beckham etwas an der Akzeptanz von Homosexuellen im Fußball geändert?

Nein, bei den Fans nicht. Sie sind Ausdruck eines Kommerzfußballs und Spieler bei tollen, teuren Vereinen wie Real Madrid, Arsenal oder Inter Mailand. Aber hierzulande oder in Bosnien oder in Polen hat sich dadurch nichts geändert. Man muss sich sogar fragen, ob es nicht den gegenteiligen Effekt gehabt hat. Selbst im toleranten Schweden wurde Beckham im Spiel gegen England von den Rängen herab als »Schwuchtel« bezeichnet. Gesellschaftliche Änderungen passieren nicht so einfach, das braucht Zeit.

Gibt es Schwulen-Ikonen unter den Fußballern?

Es gab Religionen, die ihre Götter nur wegen des Aussehens angebetet haben. Unter diesem Gesichtspunkt sind Beckham, Cristiano Ronaldo oder Freddie Ljungberg natürlich Schwulen-Ikonen. In Österreich könnte man Spieler wie Roland Linz, Györgi Garics, Adnan Mravac oder Marc Janko nennen. Nur gibt es mit ihnen keine Unterhosen-Werbung mit nackten Oberkörpern. Eine Ausnahme war eine Kampagne der Aids Hilfe Wien, bei der die Helge Payer-Plakate weggegangen sind wie die warmen Semmeln.

Die homophobe Einstellung vieler Fans und Spieler steht im krassen Gegensatz zu homoerotischen Gebärden, die im Fußball an der Tagesordnung stehen.

Wenn neun Männer beim Jubeln auf einem Haufen liegen, hat das sicherlich eine homoerotische Komponente. Es existiert eine übertriebene Dosis Männlichkeit in diesem Sport. Raphael Honigstein hat in seinem Buch »Harder, better, faster, stronger« eine sehr gute Parallele gezogen zwischen britischem Fußball und Sex, wonach die Aggressivität des Inselkicks einen sehr sexuellen Ausdruck an sich hat und eine primitive Männlichkeit widerspiegelt, die auch auf Homosexuelle wirkt. Die Frage ist: Wo zieht man die Grenze zwischen »Elf Freunde sollt ihr sein« und einer Vorstellung, die für viele Menschen zu weit geht? In östlichen Kulturen ist es normal, dass Männer Hand in Hand auf der Straße gehen. Dort würde niemand auf die Idee kommen, sie als schwul zu bezeichnen. Wo hört also Männlichkeit auf, männlich zu sein und wird schwul? Das Problem ist, dass man überhaupt einen Unterschied macht. Wenn diese Linie eliminiert ist, wird man mit Homosexualität umgehen können.

Es gibt dieses berüchtigte Zitat des deutschen Torhüters Frank Rost: Er kenne zwar keinen schwulen Fußballer, würde aber zur Sicherheit immer mit dem Arsch zur Wand duschen. Was sagst du zu solchen Äußerungen?

Da gibt es noch ganz andere Zitate wie jenes von Otto Baric, der gesagt hat, er könne einen schwulen Fußballer von weitem riechen. Fußballer sind berühmt für solche völlig jenseitigen Aussagen, die vielleicht auch die Erwartungshaltung der Öffentlichkeit erfüllen. Zudem spielen Vorurteile eine wichtige Rolle, es sind Ausdrücke von verklemmter Angst. Es würde mich nicht wundern, wenn Baric einmal nicht mit dem Rücken zur Wand geduscht hätte, sondern genüsslich mit jemand anderem, und so einfach Gerüchten entgegen wirken wollte.