Presse

Themenwoche: "Unter der Dusche kommt vieles zum Vorschein"
(ballesterer, Wien, 10.10.2006)


von Klaus Walter

Klaus Walter spielte vom sechsten bis zum 42. Lebensjahr Fußball. Über die Bezirksklasse kam er nie hinaus. Für den ballestererfm beschreibt er seine Erfahrungen über Männlichkeit in der Kabine.

DIe Umkleidekabinen meiner aktiven Zeit unterscheiden sich von denen heutiger Profimannschaften so gründlich wie die rund 500 DM, die ich in meiner gesamten Laufbahn verdient habe, von den Gagen heutiger Profis. Dennoch gibt es klassenlose Konstanten der Sitten und Gebräuche im Männerfußball, die überall gleich sind, ob in der Champions League oder in der B-Klasse.

Zögern, zaudern, zweifeln – keine (Nicht-)Tätigkeiten, die Fußballern zu Ruhm und Ehre gereichen. Oliver Neuville wird es bestätigen können. Keine Neuville-Story ohne die traurigen Augen im stets hängenden Oliver-Kopf. Unser Oliver Neuville hieß Erhan. Kein schlechter Spieler, ausgeprägter linker Fuß, guter Schuss – aber: leise Stimme, schlechtes Deutsch und traurige Augen. Und er war der erste in unserem Verein, der mit Unterhose duschte. Vorher hatten wir das nur bei den »Kanaken-Klubs« gesehen, bei Baris Spor oder Gencler Birligi, FC Maroc oder SV Iran, da duschten sie – wenn überhaupt – mit Unterhose. So einer jetzt im eigenen Verein? Er sollte es schwer haben. Nach ein paar Monaten war Erhan verschwunden.

In der symbolischen Ordnung des Amateurfußballs spielt der Duschraum eine wichtige Rolle. In großen Städten gibt es Bezirkssportanlagen mit vier, fünf Fußballplätzen. Wenn da sonntags um drei vier Spiele angepfiffen werden, dann drängen sich kurz vor fünf um die hundert Männer in einem Raum mit sechs, acht, vielleicht auch zehn Duschen. Wer da mit Unterhose duscht, macht sich sichtbar als der Andere. So war das bis tief in die 1980er Jahre. Inzwischen hat jeder Verein seine Anderen. Für ein wichtiges Duschritual bleiben die Unterhosenduscher trotzdem verloren. Beim Schwanzvergleich fallen sie aus der Wertung.

Zur Sprache kommt die sexualisierte Atmosphäre in Duschraum und Kabine meist in Gestalt von sexistischen Witzen oder Anspielungen. Lässt einer die Seife fallen und bückt sich, um sie aufzuheben, bleibt das selten unkommentiert. Wie bei den Profis ist Homosexualität bei den Amateuren ein Tabu. In über dreißig Jahren Vereinsfußball ist mir kein offen schwuler Spieler begegnet (schwule Funktionäre dagegen schon) und das ist auch gut so, denn es wäre ihm nicht gut bekommen.

Unser Ioannis Amanatidis hieß Torsten. Ein technisch versierter Stürmer, der schon nach zwei, drei Pils das Singen anfing. »Lothar Heinrich (oder irgendein anderer gerade Anwesender) ist homosexuell, homosexuell, homosexuell…«, grölte Torsten zur Melodie von »Yellow Submarine«. Nicht alle fanden das lustig. Unter Schwulenverdacht fallen Spieler, die sich nie mit Frauen blicken lassen, nicht einmal bei Vereinsfeiern. Duschraum und Kabine sind Orte, wo der Andere als schwul diffamiert und mit der eigenen heterosexuellen Potenz geprahlt wird.

Unser Rio Ferdinand hieß Paolo. Für die Bezirksklasse eigentlich ein viel zu guter Verteidiger mit Hang zum Jähzorn. Eines Tages fühlte sich Paolo vom Schiedsrichter benachteiligt und gab ihm das lautstark zu verstehen. Der Schiedsrichter verstand keinen Spaß und stellte ihn vom Platz. Anders als in der Bundesliga verfügen Schiedsrichter in unteren Klassen nicht über einen eigenen Duschraum. Viele gehen nach dem Spiel ungeduscht, manche duschen mit den Spielern. So auch der Schiedsrichter, der Paolo vom Platz gestellt hatte. Das gab diesem die Möglichkeit, sich für die Rote Karte zu revanchieren. Er trat dem nackten Schiri in die Eier. Dafür wurde Paolo sehr lange gesperrt, den Schiedsrichter sah ich später als Linienrichter im Fernsehen, zweite Liga. Nicht ohne eine gewisse Hochachtung (vor Paolo) wird diese Geschichte bis heute gern erzählt. Und immer wird herzlich gelacht.

Unser Christian Vieri hieß Blacky. Ein gefürchteter Manndecker traditioneller Prägung: wuchtig, kopfballstark und bereit, den Gegenspieler mit allen Mitteln zu bekämpfen. Zu Blackys Mitteln gehörte die faire Grätsche wie das Zupfen am Trikot, der Ellbogencheck, das rabiate Umtreten oder ein »Ich hab’ deine Mutter gefickt«, wenn es gegen den FC Maroc ging. Wie Vieri hatte Blacky Sympathien für autoritäre Führer. Vor Spielen brachte er sich gern mit Böhse Onkelz-Platten in Fahrt. Wie Vieri legte Blacky viel Wert auf seine Männlichkeit. Dennoch wurde über ihn gelästert. Nie tauchte er mit einer Frau auf, nicht mal zur Weihnachtsfeier. Wir mochten uns nicht besonders. Blacky war es auch, der eines Tages in der Kabine die anderen auf meine Unterhose aufmerksam machte. Es war Anfang der 1980er-Jahre. Meine ersten Boxershorts. »Was hast du denn da an?«, brüllte Blacky und die ganze Kabine fing an zu johlen. Sie trugen enge Feinripps in weiß oder bunt gemustert – aber hellblaue Boxershorts? Ebenso gut hätte ich mit Pumps & Federboa auflaufen können. Boxershorts waren 1980 schwul, fünf Jahre später trugen sie alle.

Unser George Best hieß Nadim. Der individuell begabteste und eleganteste Spieler, den ich je gesehen habe in der Bezirksliga. Und einer der narzisstischsten. Einer von den Stürmern, die ihren Verteidigern auf der Torlinie lieber noch mal einen Knoten in die Beine spielte, als den Ball über die Linie zu schieben. Dafür wurde er geliebt, dafür wurde er gehasst. Weil er sein Talent verschleuderte und seine Technik unproduktiv verpuffen ließ, in selbstverliebten Dribblings und sinnlosen Hakentricks, anstatt seine Fähigkeiten in den Dienst der Mannschaft zu stellen.

Nadim spielte nicht nur schön, der war auch schön. Auf eine Weise wie der junge George Michael schön war. Und er pflegte seine Gesichtsbehaarung wie der spätere George Michael. Überhaupt pflegte er sich so, dass man ihm ansah, wie sehr er sich pflegte. Außerdem trank Nadim immer nur Cola, manchmal sogar Saft. Aber er kiffte. Auch das machte die Älteren im Verein misstrauisch. Zum Glück wussten sie nicht, dass er auch kokste.

Unser Jens Lehmann hieß Dirk. Torwart und Theologiestudent. Wenn ich jetzt noch hinzufüge, dass er ein lieber Kerl war, dann ist alles gesagt über Dirks Chancen in unserem Klub. Wäre Dirk Trainer gewesen, er hätte eine Rotation der Gerechtigkeit eingeführt, nach der jeder, aber auch wirklich jeder, dieselben Einsatzzeiten und dieselben Prämien bekommt. Nie war Dirk, der Torwart, einem seiner Vorderleute ernsthaft böse, wenn der ein Gegentor verursachte. Auch sich selbst war er nie ernsthaft gram, wenn er ein Gegentor verschuldete. Dirks Vorstellung von christlicher Nächstenliebe und seine Bereitschaft, Sündern zu vergeben, vertrugen sich schlecht mit den Ambitionen und Aggressionen seiner Mitspieler. Ein Gegentor mit einem Lächeln zu quittieren, einen eigenen Fehler mit »kann doch mal passieren« zu kommentieren, das war entschieden zu viel Kirchentag auf dem Fußballplatz. Wer Schwächen zugibt und Fehler eingesteht, macht sich das Fußballerleben schwer. Zudem war Dirk der einzige Torwart mit Suspensorium. So nennt man einen Sackschutz. Wer sich so ein komisches Ding umschnallt macht erst darauf aufmerksam, dass es da was zu schützen gibt. Weiche Eier.

Die Geschichten von unseren Vieris, Ferdinands und Lehmanns sind nicht ganz wahr. Aber in jedem Frankfurter Bezirksklasse-Verein mit durchschnittlicher Sozialstruktur gab es Leute wie Dirk, Blacky und Paolo, damals in den 1980ern. Seitdem hat sich vieles verändert, vieles ist geblieben. Das Wichtigste: Der reinrassig urdeutsche Verein ist ausgestorben. Was nicht heißt, dass der Machismo aus dem Fußball verschwunden wäre, dass das Spiel nicht mehr vom Testosteron gesteuert würde, dass das Männerbündelnde im Aussterben wäre. Es form(ul)iert sich bloß anders.

Stark gekürzter Auszug aus: »The Making of Männlichkeit in der Kabine«, in: Eva Kreisky/Georg Spitaler (Hg.): »Arena der Männlichkeit. Über das Verhältnis von Fußball und Geschlecht« (Campus Verlag, Frankfurt/M. 2006)