Presse

Themenwoche: "Spaß aus der Dose?"
(ballesterer, Wien, 10.10.2006)


von Dominik Sinnreich

Dem »Neuen« im Verein blüht oft ein Willkommensgruß der etwas anderen Art. Vor vier Jahren sorgten Medienberichte über das so genannte »Pastern« für einen veritablen Skandal im heimischen Nachwuchsfußball. Was sich dahinter verbirgt, welche Konsequenzen gezogen wurden und wieso es Herfried Sabitzer lustig findet, steht im folgenden Bericht.

Was Michael Ballack schlussendlich gesungen hat, konnte uns die »Bild«-Zeitung leider nicht verraten. Soviel wissen wir aber: José Mourinho pflegt beim FC Chelsea einen eigenartigen Brauch. Jeder neu an die Stamford Bridge kommende Spieler muss vor versammelter Truppe auf einem Stuhl stehend Karaoke singen, »bis einen die anderen mit Sandwiches bewerfen und bitten aufzuhören«, wie Kapitän John Terry aus eigener Erfahrung zu berichten weiß. Was bei Ballack für »gewaltigen Bammel« sorgte, ist im Vergleich zu anderen Initiationsriten allenfalls der Schongang. Aus der GAK-Akademie meldete sich im August 2002 ein 15-Jähriger, dem beim »Pastern« eine Klobürste in den Hintern gesteckt worden war.

Mit Schuhpasta und Badeschlapfen

»Pastern« meint eigentlich, jemand den Hintern mit Schuhpasta (oder etwas Ähnlichem) einzuschmieren und dann mit Badeschlapfen (oder etwas Ähnlichem) weidlich zu versohlen. Ganz Böse trocknen die Pasta davor noch mit dem Fön. Eine Klobürste im Hintern ist im Protokoll aber nicht vorgesehen.

Ob nun »Pastern« im klassischen Sinne oder nicht – der Fall sorgte in der Nachwuchsschule des GAK für einigen Aufruhr. Bis heute sind die Umstände nicht gänzlich geklärt. Einem Interview mit dem »Kurier« zufolge wurde jeder neue Jahrgang von der jeweils älteren Kohorte in der Akademie auf diese Art »willkommen geheißen«. Der an die Öffentlichkeit getretene Bub ließ zudem mit der Aussage aufhorchen, dass diese Methode auch in Landes- und Bundesauswahlteams ein üblicher Einstand für Neuankömmlinge sei.

Eine Recherche unter Ex-Kickern förderte zu Tage, dass das »Pastern« unter Kickern Tradition hat. Peter Schöttel sah´s mit eigenen Augen, Otto Konrad wurde mit 18 selbst »gepastert«, Herfried Sabitzer hat das Ganze »überall, wo ich gespielt habe« erlebt und Peter Artner ließ tiefer blicken: »Manche haben die anderen mit den Schlapfen verdroschen, bis Blut floss.«

In der Trainergilde ist man sich darüber nicht so einig. Paul Gludovatz, Betreuer der österreichischen U19-Auswahl, will Derartiges noch nicht erlebt haben: »Ich bin wie ein Vater oder Großvater für die Buben, die haben Vertrauen zu mir. So etwas wäre mir nicht entgangen.« Auch Willi Ruttensteiner dementierte in seiner damaligen Funktion als technischer Direktor für den gesamten ÖFB-Nachwuchs: »Dass zwischen U16 und U21 das Ritual des ‚Pasterns‘ vorgekommen sein soll, weise ich entschieden zurück.«

Manfred Uhlig, Professor an der Sportakademie und in der Trainerausbildung für den ÖFB tätig, weiß Anderes zu erzählen. Ohne Vereine oder Namen nennen zu wollen, bestätigt er gegenüber dem ballestererfm, »dass es solche Ereignisse früher gegeben hat.« Vor allem ältere Trainer hätten mehr als ein Auge zugedrückt und nichts dagegen unternommen. Die Vorfälle in der GAK-Akademie wären aber einzigartig gewesen, glaubt Uhlig. Zu seiner aktiven Zeit sei es etwa üblich gewesen, Salben in die Hosen zu schmieren, die für einen brennenden Hintern sorgen sollten. Einhellig betonen alle zur Causa befragten, dass der GAK seine Lehren aus der Sache gezogen hätte.

Durchbrochene Jahrgangsspiralen

Wolfgang Kohlfürst, administrativer Leiter der GAK-Akademie, hat keine guten Erinnerungen an 2002: »Das war der schlimmste Sommer meines Lebens. Es ist nicht lustig, wenn dich morgens der Harry Raithofer anruft und fragt, ob er dich live in Ö3 interviewen kann. Aber die Sache hat uns auch stärker gemacht.« Darunter versteht Kohlfürst einerseits die Ergänzung des Betreuerstabes mit einem Mentalcoach und andererseits ein neu eingeführtes »Spielerhandbuch«, das die Rechte und Pflichten der Nachwuchsspieler regelt und das von allen Spielern und deren Eltern unterschrieben werden muss. Bei Zuwiderhandeln droht der Rauswurf. Die »Spirale der Jahrgänge« sei damit durchbrochen worden, behauptet der Akademie-Leiter. Schließlich gehe es darum, die Weitergabe einer Tradition von einem Jahrgang an den nächsten zu verhindern. »Uns ist es gelungen, das zu unterbinden, seither ist nichts mehr passiert«, erzählt Kohlfürst. »Klar, die Nachtdienste haben sich verändert, man ist beim geringsten Geräusch hellwach.«

Konsequenzen für die verdächtigten Spieler hatte die Sache nur temporär. Sie wurden kurzfristig vom Training suspendiert und Zeitungsmeldungen zufolge zu »internen Sozialdiensten« verdonnert. Aus der Akademie geworfen wurde aber niemand. Wolfgang Kohlfürst sah dafür keine ausreichende Grundlage: »Die Untersuchungen seitens der Polizei und unabhängiger Psychologen sind ergebnislos geblieben. Es gibt keinen einzigen direkt fassbaren Fall, nur anonyme Anschuldigungen. Seitens des Rechtsstaates wurde nie etwas geahndet. Das sagt mir, dass nichts passiert ist.«

Alles beim Alten?

Der Journalist Alexander Haide und die Psychologin Rotraud Perner haben den mit der Klobürste penetrierten Burschen vor vier Jahren interviewt. Perner meinte damals: »Die Aussagen des Buben sind authentisch.« Haide glaubt weiterhin an die Existenz von derartigen »Paster-Ritualen«, seiner Erinnerung nach wurden die Eltern in den Krisensitzungen der GAK-Akademie dazu angehalten, das Besprochene nicht nach außen dringen zu lassen.

Auf den Fußball sieht Haide diese Rituale nicht beschränkt: »Das ist auch im Eishockey, Schwimmen, Turmspringen und vielen anderen Bereichen üblich. Sehr viele haben sich damals gemeldet, als die Sache aufflog. Aber reden darüber will niemand, das ist typisch für Missbrauch.« Der Journalist ist zwar überzeugt, dass es »auch Vereine gibt, bei denen das unterbunden wird«, aber ebenso sicher, »dass das nach wie vor gang und gäbe« ist.

Mitten im Aufruhr des Jahres 2002 wollte Herfried Sabitzer das »Pastern« nicht missverstanden wissen. »Was wir machen, ist lustig, dient als Einstimmung für den neuen Verein. Aber mit Klobesen und so – das ist schwere Körperverletzung«, meinte er gegenüber dem »Kurier«. Woher das Pastern kommt? Für Manfred Uhlig sind es Machtspiele. Vor allem, wenn ein guter jüngerer Kicker zu den Älteren hinzustoße, komme es zu Positions- und Rangbestimmungen innerhalb des Teams, die dann abseits des Feldes mittels solcher Prozeduren geregelt würden.

Klar definierte Initiationsriten sind aus den meisten Lebensbereichen fast oder gänzlich verschwunden, auch wenn sie einigen Soziologen zufolge einfach nur der »Notwendigkeit der Selbstinitiation« weichen. Halten können sich die oft steinalten Bräuche nur in äußerst traditionellen Bereichen mit konservativem Einschlag: Burschenschaften, Jagdgemeinschaften und dergleichen. Dass sich der Fußball und der Sport generell mit einem derartigen »Erbe« auseinander setzen müssen, wird auch durch Statistiken untermauert, die bei Profikickern einen gesteigerten Hang zu einem traditionskonformen Lebensstil ausweisen: Heirat, Kinder, das ganze Programm, schön nach Protokoll. Anscheinend braucht es neben Strafandrohungen auch noch andere Herangehensweisen um Männlichkeitsriten los zu werden. Die Tatsache, dass sie oft in sexualisierter Gewalt münden, zeigt erst recht die Dringlichkeit von Debatten über manche »traditionsbewusste« Ader im Fußball.