Presse

Themenwoche: "Schwooligans"
(ballesterer, Wien, 10.10.2006)


von Kevin Sampson

Im Roman »Awaydays« spielt Homosexualität eine nicht unbedeutende Rolle. Einer der Protagonisten mimt einerseits den harten Straßenkrieger, sieht sich andererseits auch mit homosexuellen Gefühlen für ein anderes Firm-Mitglied konfrontiert. Fakt oder Fiktion? Der Autor des Buches und Zeitzeuge der Liverpooler Fankultur der 70er- und 80er-Jahre, gibt Antwort.

Damals, in den späten 70er-Jahren wurde Homosexualität weitgehend als Tabuthema angesehen. Und gerade bei den Spielern scheint sich daran nicht viel verändert zu haben. In England ist mit Justin Fashanu nur ein einziger schwuler Fußballer bekannt und der spielte schon in den 80er-Jahren. Homosexuelle Fußballer haben schlichtweg Angst, sich zu outen.

Gefängnis-Erfahrungen

Auf den Terraces, unter den Fans, hat die Zuneigung zum eigenen Geschlecht mittlerweile mehr Akzeptanz als auf dem Spielfeld. Möglicherweise ist das auf die Tatsache zurückzuführen, dass viele Mitglieder der Liverpool-Firms zumindest einige Zeit im Gefängnis gesessen sind. Ich möchte jetzt keinesfalls behaupten, dass jeder, der einen Teil seines Lebens hinter Gittern verbracht hat, homosexuell ist, oder dort einschlägige Erfahrungen gemacht hat, aber der Zugang zur Thematik ist unbestritten ein anderer. In den Anfängen der Casual Culture stand der Status des »harten Lads« im Vordergrund. Homosexuelle Neigungen wurden – so gut es ging – kaschiert. Schwul war gleich schwach und galt als schwere Beleidigung und Provokation. Trotzdem war dieses Thema natürlich ein nahrhafter Boden für diverse Gerüchte. Ehemalige Gefängnisinsassen erzählten unter der Hand diese und jene Geschichten über ihre Mithäftlinge: Alle natürlich »zu 1.000 Prozent wahr«. Dennoch wagte es damals niemand, den Betroffenen die »Anschuldigungen« direkt ins Gesicht zu sagen, waren diese doch zumeist die härtesten und unantastbarsten Faces der Firm.

Einem Bekannten, der ungefähr zu meiner Zeit damit begann, Liverpools Auswärtsspiele zu besuchen, wurde schon damals immer nachgesagt, er würde das eigene Geschlecht bevorzugen. Mittlerweile geht er damit sehr entspannt und mit einer gesunden Portion Selbstironie um. So erzählte er mit einem Lächeln von seiner Absicht, den damals bei Liverpool neuen Michael Owen »gewaltig zu vernaschen«.

Aus Faggots wurden Gays

In den letzten Jahren hat sich auch die Ausdrucksweise geändert. Früher waren die gängigen Bezeichnungen »Benders«, »Faggots« oder »Queers«, alle mit einem eindeutig abwertenden Unterton behaftet. Wir haben uns damals nicht viel dabei gedacht, kannten wir doch niemanden der offen schwul war. Heute benutzt fast jeder den Ausdruck »gay«, der auch von den Schwulen selbst verwendet wird. Grundsätzlich ist natürlich auch heute eine Auswärtsfahrt keine Regenbogenparade, aber Homosexualität ist weit weniger ein Tabu als damals.

Nicht nur innerhalb der Firms gab es die erwähnten Gerüchte. Der Casual Look, unsere manische Fixiertheit auf Kleidung und perfektes Styling, gab den gegnerischen Fans natürlich genügend Anlass, sich ihre eigenen Gedanken über unsere sexuellen Vorlieben zu machen. So wurden wir bei jedem Auswärtsspiel gleich nach der Ankunft von den ansässigen Fans beschimpft und beleidigt. Ironischerweise wurden diese dann zumeist genau von uns 200 »Faggots« durch ihre Stadt gehetzt. Und man muss sagen: Genau darauf legten wir es damals auch an – ankommen in einer fremden Stadt, beschimpft werden, und die Großmäuler dann durch ihre eigenen Gassen jagen.