Presse

Themenwoche: "Queergepasst"
(ballesterer, Wien, 10.10.2006)


von Klaus Federmair

Jede europäische Großstadt hat ihre Schwulenszene. In Deutschland gibt es seit ein paar Jahren auch einschlägige Fanklubs. KLAUS FEDERMAIR und WOLFGANG PENNWIESER besuchten deren Mitglieder in Hamburg und Berlin und erfuhren von einem schwulen Rapid-Fan, woran es in Wiener Stadien mangelt.

Nein, ich trink' schon Bier, recht gern sogar«, meint Marco. Die Frage, ob er denn ein Krügerl oder doch lieber Prosecco möchte, war freilich nicht ganz ernst gemeint. Zumal es beim Cup-Spiel des Rekordmeisters auf der Hohen Warte gar nicht nach Schaumwein ausschaut. Schon nach wenigen Sekunden geht der krasse Außenseiter in Führung, es bahnt sich eine unterhaltsame Partie an.

Marco ist Rapid-Fan und schwul. Er arbeitet für die Wiener Grünen als Landtagsabgeordneter und ist 37 Jahre - wobei er viel jünger aussieht. »Viel Sex und Alkohol sind mein Geheimrezept«, meint er später mit einem Augenzwinkern, bei seinem zu diesem Zeitpunkt nicht mehr ersten Bier. Seine Biographie beginnt in Putten, einem kleinen Dorf in den Niederlanden. Die Eltern kamen mit ihm ins Salzkammergut und Marco letztlich zum Studium nach Wien. Im vierzehnten Bezirk bewohnt er seine erste Wohngemeinschaft und wurde vom grün-weißen Sympathisanten zum Rapid-Fan. Barkeeper, Sterbebegleiter, Reinhardt-Seminarist und Chefredakteur der Schwulenzeitung »Bussi«, waren einige seiner Stationen, ehe er in die Politik wechselte.

Wenn Marco über Fußball und Schwulsein spricht, merkt man, dass er das nicht zum ersten Mal macht. Stechend ist seine Argumentation, witzig sind die Anekdoten, seine Umgangsformen wirken volksnah und gefällig. Ein bisserl wie ein echter Politiker, ist der erste Eindruck - der zweite wird später sympathisch andersrum. »Für einen Schwulen ist der Fußballplatz der schwierigste Ort in Österreich«, findet Marco. Dennoch besucht er regelmäßig Rapid-Spiele. Ins Hanappi-Stadion geht er gerne mit einer lesbischen Freundin. Er ist kein organisierter Fan, würde aber einem schwul/lesbischen Fanklub beitreten. Wenn es bei Rapid einen gäbe.

Lieber braun-weiß

In Hamburg gibt es einen: Queerpass St. Pauli, gegründet vor vier Jahren von Christian. Seine Freunde waren einer nach dem anderen nach Berlin übersiedelt, bis er schließlich allein auf der Gegengerade stand. Auf sein Inserat mit dem Inhalt »Schwuler Pauli- Fan sucht?« in der Zeitschrift »hinnerk« meldete sich als Erster der Stadionsprecher des FC. Nicht wirklich überraschend in einer Stadt, in der der konservative Bürgermeister bekannter Maßen schwul ist. In einem Stadion, das von den großen Medien gern »das Freudenhaus der Liga« genannt wird - und das nicht nur, weil der Vereinspräsident und Theatermacher Corny Littmann eine der schrillsten Figuren der deutschen Schwulenszene ist. In einem Klub, dessen Anhänger als fast schon zwanghaft politisch korrekt gelten. Derzeit hält der Fanklub Queerpass bei vierzehn Dauerkartenbesitzern.

Zwei Stunden vor dem Spiel gegen Union Berlin trifft Christian Dirk die Kollegen im »Jolly Rogers«, der Fankneipe gegenüber dem Stadion. Das Millerntor ist trotz bisher mäßiger Leistungen des FC St. Pauli mit 19.000 Zuschauern zum ersten Mal in dieser Saison ausverkauft. 3.000 Fans sind aus Berlin angereist. Die Wege der Queerpass-Jungs trennen sich vor dem Stadion. Dirk und Christian nehmen wie immer den letzten Aufgang vor der Südtribüne, um zu ihrem Platz auf der Gegengerade zu kommen. Moe, der burmesische Skinhead, steht auf derselben Tribüne, allerdings zentraler, in der »Singing Area«, dem Epizentrum der Pauli-Gesänge. Der Rest der Partie macht sich auf den Weg hinter das Tor.

Auf St. Pauli müssen Schwule nicht geschlossen auftreten und die Regenbogenfahne vor sich hertragen. Das Symbol homosexueller Identität kommt auch im Queerpass-Logo nicht vor. »Lieber braun-weiß als den Regenbogen «, kommentiert Dirk die Position seines Fanklubs. Es gehe weniger um politische Anliegen: »Hier tritt man als Schwuler offene Türen ein. Es geht mehr ums Miteinander. Davon abgesehen kommt man als Fanklub leichter an Auswärtskarten.« Queerpass sieht sich auch als Netzwerk. »Wir treffen uns vor dem Spiel, nach dem Spiel und auswärts«, erklärt Dirk. Die Berichte von den Partien stellt er in ein Internet-Schwulenforum, in dem Queerpass-Sympathisanten aus ganz Deutschland miteinander kommunizieren.

Hertha ist härter

Sonntagabend in einem australischen Pub in Berlin-Schöneberg. Alle Besucher inhalieren gebannt die Fernsehbilder. Es läuft HSV gegen Hertha BSC, die Stimmung ist aufgeheizt. Die Berliner mussten gerade einen Ausschluss hinnehmen und verteidigen im Hamburger Stadion kurz vor Schluss ein 1:1. Trainer Falko Götz will Stürmer Marko Pantelic auswechseln, doch dieser steht noch in der Freistoßmauer und mimt den Ahnungslosen. Auf den beiden Leinwänden des Lokals erscheint das große Pantelic-Schauspiel in Nahaufnahme: Er gestikuliert, zuckt mit den Achseln, läuft dann doch lässig Richtung Outlinie, verneigt sich auf dem Weg in Richtung aller Tribünen des fremden Stadions - und holt sich seine Verwarnung ebenfalls mit einer Verbeugung ab.

Das Stadion pfeift, im Berliner Pub toben die Anwesenden und klatschen begeistert Beifall. Die Gelbe ist ein akzeptabler Preis für die Show ihres serbischen Legionärs und die Hertha sichert sich ihren Punkt. An einem Tisch sitzen ein Dutzend »andere« Berlin-Anhänger, allesamt Mitglieder der Hertha Junxx, einem von ungefähr 100 Fanklubs des Hauptstadtvereins. Nach dem Schlusspfiff herrscht Uneinigkeit darüber, ob sie sich über das Remis freuen oder die verpasste Tabellenführung ärgern sollen. Die persönliche Fangeschichte der einzelnen Junxx ist zumeist eine langjährige mit einem großen Bruch, den erst der Fanklub kitten konnte. Günter und Gerd etwa kamen als Grundschüler mit ihren Vätern ins Olympiastadion. Ihr späteres Fanleben litt unter ungünstigen Rahmenbedingungen: In einer so eindeutig heterosexuell geprägten Umgebung fühlten sie sich als Schwule nicht besonders wohl; andererseits schwächten sich die Vorurteile der Schwulenszene gegenüber Fußballfans auch erst langsam ab.

Als Logo verwenden die Junxx das Hertha- Emblem vor der Regenbogenfahne im Hintergrund. Bunt sind auch die Persönlichkeiten, die den Fanklub ausmachen. Der Polizist Gerd kümmert sich um Organisatorisches und argumentiert dementsprechend zielorientiert. Einzelhandelsverkäufer Günter ist der Stimmungsmacher, dessen Scherze nicht immer zitierfähig, dafür umso lustiger sind. Ein Radiomacher sitzt ebenfalls am Tisch. Auch zwei Frauen sind Mitglieder im Klub, sie lassen sich aber nicht so häufig blicken wie der harte, männliche Kern.

Hütteldorfer Gesänge

Auf der Hohen Warte tut sich Rapid weiter schwer. »Das ist kein Spiel, bei dem man richtig warm läuft«, meint Marco und analysiert die Gesänge. Die grünweißen Fans haben bis jetzt noch keinen einzigen homophoben Chant angestimmt, das fällt Marco auf. »Es drückt mir die Kehle zu, wenn der ganze Block ?Wir sind keine oaschwoamen Irgendwer' skandiert«, erklärt der Rapid-Fan. Er schlingt dabei seine Hände um den Hals und ergänzt: »Dadurch kann ich mich nicht hundertprozentig mit den Fans solidarisieren. « Wie die Hertha Junxx konstatiert auch er Intoleranz sowohl in der Fan- als auch in der Schwulenszene: »Hier wie dort muss man sich rechtfertigen.«

Rechtfertigen wird sich auch der Rekordmeister müssen, denn nach dem Ausgleich durch Martin Hiden geht es in die Verlängerung. Das Unglück nimmt in Form eines Elfmeterschießens seinen Lauf. Marek Kincl verschießt den entscheidenden Strafstoß und Rapid fliegt in der ersten Runde aus dem Bewerb. Für den grün-weißen Anhang Grund genug, den Platz zu stürmen. Der Mob pudelt sich vor dem Heimsektor auf und skandiert das Übliche. Die Vienna-Fans antworten: »Ihr seid nicht Rapid!«.

Berliner Imagepflege

In Berlin ist die Stimmung besser. Hertha spielt vorne mit, und die Junxx freuen sich auf die nächsten Auftritte ihrer Jungs im eigenen Stadion. Dort sind sie mittlerweile recht bekannt. Ihre Regenbogenfahne ist weithin sichtbar, die geschlossene Anwesenheit der homosexuellen Fangruppe im Sektor längst zur Normalität geworden. Für Gerd war diese Normalität von Anfang an ein Anreiz, dem Fanklub beizutreten: »Ich wollte einfach mit meinem Freund im Arm ins Stadion gehen können, ohne angestarrt oder blöd angemacht zu werden.«

»Hertha hat verstanden, dass es für Image und Geschäft gut ist, mit uns zusammenzuarbeiten «, erklärt der Polizist. »Jeder gewinnt, wenn der Verein für das schwul/lesbische Straßenfest Fanartikel zur Verfügung stellt, die die Junxx an ihrem Stand unters Volk bringen.« Sein Kollege blickt in die Runde der noch Anwesenden: »Unsere acht Dauerkarten hätte die Hertha zum Beispiel auch kaum verkauft, gäbe es den Fanklub nicht.« In die Ostkurve zu gehen, wo der harte Kern der blau-weißen Fans steht, zogen die Junxx nie ernsthaft in Erwägung. Den Grund dafür bringt Günter auf den Punkt: »Weil wir keine auf die Fresse kriegen wollen.« Trotz immer noch vorhandener Ängste berichten die Junxx vor allem Positives. »Beim letzen Hertha-Cup, dem jährlichen Fanklubturnier, gab es erstmals überhaupt keine blöden Bemerkungen mehr.«, erzählt Gerd.

Besonders der Vereinsführung wird ein einwandfreies Zeugnis ausgestellt. Die Gründung des Fanklubs wurde vor fünf Jahren ganz selbstverständlich in der Stadionzeitung verlautbart, später gab es ein ganzseitiges Porträt. Und wie alle Hertha-Fanklubs konnten auch die Junxx ihr Recht auf den Besuch eines Spielers bei ihrer Weihnachtsfeier wahrnehmen. Zwei Stunden sei der 23-jährige Verteidiger Malik Fahti bei der Party geblieben und habe sich recht wohl gefühlt. »Natürlich hat er extra mehrmals von seiner Freundin erzählt«, schmunzelt Günter. Wie seine Kollegen zeigt er aber Verständnis dafür, dass Bundesliga-Profis in den Medien nicht als schwul gehandelt werden wollen.

Wer fürchtet sich vorm Coming Out?

Auf die Frage, ob sich ein schwuler Profi auch als solcher zu erkennen geben soll, entbrennt eine hitzige Debatte unter den Herthanern. Einige meinen, Outings seien nur noch eine Frage der Zeit, andere melden sich mit einem apokalyptischen »?und am nächsten Tag liegt der Typ dann mit seinem Auto und aufgeschlitzten Reifen im Straßengraben« zu Wort. Zurück auf St. Pauli. Die Kiezkicker haben ihre Chancen gehabt, ein Tor ist in 90 Minuten aber trotzdem nicht gelungen. Das torlose Remis sorgt für mäßige Begeisterung bei den Queerpass-Leuten und dem Rest der Heimfans. Ein Freudenhaus scheint an diesem Samstagnachmittag höchstens der Union- Block zu sein. Als Draufgabe präsentieren die Berliner auch noch ein gestohlenes Transparent der Ultras St. Pauli, das anschließend in kleine Fetzen gerissen wird.

Mit solchen Spielchen hat der Queerpass wenig am Hut. Stattdessen gibt auch Dirk seine Meinung zu einem Kicker-Outing zum Besten. Aus politischen Gründen würde er sich ein Solches wünschen. Seine eigene Identitätsfindung bedenkend, rät er aber von diesem Schritt ab. »Ich erinnere mich an mein Coming Out in den 70er-Jahren. Es war furchtbar. Und der Fußball steckt bei diesem Thema noch in den 50ern.«

In Wien blickt Marco nachdenklich auf das Feld, während die Polizei nach dem Platzsturm für Ordnung sorgt. Wie die grünweißen Fans wohl reagieren würden, wenn sich eines ihrer Idole als Schwuler outen würde? Marco ist sich nicht sicher, aber er würde sich ein Outing wünschen. »Das muss entweder einer sein, der unantastbar ist, oder eine Gruppe von mehreren Spielern«, überlegt er. Viele Unantastbare fallen ihm nicht ein. Nach längerem Überlegen kommt er auf Steffen Hofmann. Der aber ist verheiratet.

Der Erotikfaktor

Genau wie David Beckham. Auf den englischen Schönling angesprochen, meint Marco: »Geil find' ich den Beckham schon. Natürlich würd' ich ihn nicht von meiner Bettkante stoßen. « Man diskutiert auch nicht mit einem heterosexuellen Tennisanhänger des Langen und Breiten, wie ihm eigentlich Maria Scharapowa gefällt. »Natürlich finde ich Fußball erotisch, aber ich glaube, das tun alle Männer«, wird Marco allgemeiner. Um mit einem kritischen Blick auf den »Spice Boy« festzuhalten: »Die Metrosexualität ist die Anbiederung des Heterosexuellen an die Homosexuellen.«

Auf dem Heimweg sinniert Marco darüber, warum Österreich im Gegensatz zum nördlichen Nachbarn immer noch nicht reif für einen Schwulen- und Lesben-Fanklub ist. »In Deutschland gibt es in der Homosexuellengemeinschaft eine andere Kultur der Selbstorganisation. Eine Art ?community care', man ist einen Schritt weiter. Es gibt da auch Pflegeheime für Schwule und Lesben.« In absehbarer Zeit wäre ihm mit einem schwul-lesbischen Rapid- Fanklub aber deutlich besser gedient.