Presse

Themenwoche: "Es hat niemanden interessiert"
(ballesterer, Wien, 10.10.2006)


von Klaus Federmair

Tanja Walther, ehemalige Spielerin beim deutschen Bundesligaklub Turbine Potsdam, erzählt von ihren Erfahrungen in Deutschland und den USA.



Was ist dran an dem Gerücht, dass alle Kickerinnen …

… lesbisch sind?

Erraten. Ist es wirklich so?

Kann sein, dass es im Fußball mehr Lesben gibt als anderswo. Falls es so ist, könnte das damit zusammenhängen, dass eine Frau im Sport Dinge ausleben kann, die eine eindeutig männliche Zuschreibung haben, besonders im Fußball: Kraft, Zweikampf, Schnelligkeit, Aggressivität.

In den USA sind die Rollenbilder anders. Fußball gilt als sanfter Sport, eher für Mädchen. Buben und Männer sollten lieber American Football spielen - es sei denn sie sind schwul. Gibt es daher im US-Frauenfußball weniger Homosexualität als in Europa?

Ich habe in einem College-Team gespielt. Da gab es zwar weniger Lesben als in den deutschen Teams, die ich kenne, aber das sagt jetzt nicht viel aus – ich habe ja nur das eine Team in den USA kennen gelernt. Die waren auch ziemlich jung, mit 20 hat kaum jemand den Identitätsfindungsprozess abgeschlossen. Angeblich sind in den USA die Lesben beim Basketball. Fußball interessiert da ja keinen, und die Nationalsportarten sind überall männlich dominiert. Von daher wäre es auch logisch, dass in den USA eher im Basketball Lesben zu finden sind.

Wird bei den Frauen mit dem Thema Homosexualität offener umgegangen?

Intern weiß man ja ohnehin mehr oder weniger, wer einen Freund oder eine Freundin hat. Damit können fast alle umgehen. Wir hatten da nie ein Problem, höchstens damit, dass es immer ein offenes Geheimnis blieb. Vor den EuroGames 2004 in München hat der DFB ziemlich klar signalisiert: Wenn da eine Nationalspielerin aufläuft, fliegt sie raus!

Würdest du einer Spielerin raten, sich als Lesbe zu deklarieren?

Ich glaube, bei den Frauen wäre es kein Problem. Frauenfußball wird nicht so wichtig genommen. Der Druck ist viel geringer als bei den Männern. Die Spielerinnen haben auch kaum Sponsorverträge, die sie verlieren könnten. Und wenn sich mehrere gleichzeitig outen würden, wäre es noch einfacher. Sollte der Verband oder der Verein Probleme machen, wäre es gleich ein Skandal. Schließlich haben wir in Deutschland auch einen Rechtsstaat und ein Antidiskriminierungsgesetz.

Warum hast du dich als Bundesligaspielerin nicht geoutet?

Ich bin offen lesbisch aufgetreten, alle in meinem Team und im Verein wussten es. Ich habe schon während meiner aktiven Bundesligazeit an Veranstaltungen wie den Gay Games oder EuroGames teilgenommen. Wann auch immer ich von der Presse angesprochen wurde, bezog sich das auf sportliche Belange. Kurz: Es hat niemanden interessiert.