Presse

Themenwoche: "Der wichtigste Schiedsrichter der Welt"
(ballesterer, Wien, 10.10.2006)


von Gerd Dembowski

Der Niederländer John Blankenstein wagte es in den 80er-Jahren als bislang einziger prominenter Schiedsrichter, sich zu seiner Homosexualität zu bekennen. Er musste deshalb viele Erniedrigungen einstecken, ein Champions League-Finale wurde ihm in letzter Minute entzogen. Vor wenigen Wochen ist John Blankenstein gestorben.

Er hätte noch soviel zu erzählen gehabt«, schrieb mein Freund Thomas Ernst, als ich ihm vom Tode unseres gemeinsamen Kollegen, dem internationalen Schiedsrichter John Blankenstein berichtete. Blankenstein, Ernst und ich waren 2003 im Rahmen der Kampagne »Zeigt dem Fußball die Rosa Karte« des Bündnisses Aktiver Fußballfans (BAFF) unterwegs, als Highlight zur Ausstellung »Tatort Stadion. Rassismus und Diskriminierung im Fußball«.

Unsere Talkrunde wurde eine Art Live-Autobiographie, die John, der sich schon früh offen zu seiner Homosexualität bekannt hatte, mit seinem ganz eigenen Humor bereicherte. Einen Humor, den er immer auch mit der Schwere seiner Lebenserfahrung als schwuler Schiri unter Heteros konterkarierte. Ernst und ich waren nie sicher, ob wir mitlachen sollten, wenn er über Bedrückendes witzelte als hätte es keine Bedeutung, um dem Fußballpublikum im Saal die Hemmschwelle zu nehmen. Nur für uns auf der Bühne war zu erkennen, wie sein Gesicht sich ab und an für einen Augenblick versteinerte, bevor er das Wasserglas ansetzte und zum nächsten Pass aus dem Nähkästchen ausholte. Gentleman John war ein Freund schneller Rückfragen, die den Fragenden aufforderten, sich selbst zu hinterfragen. »Das ist ein bisschen so wie bei den schnellen Entscheidungen auf dem Platz«, sagte er einmal, »du musst schnell klar machen, wohin die Reise geht.« Ich werde nie vergessen, wie meine Mutter, die sich ansonsten wenig mit Homosexualität auseinandersetzt, John mit empathiegefüllten Tränen in den Augen umarmte, um ihm zu seinem Engagement zu gratulieren.

Sextest von den Kollegen

Gern hätte John, der sich unermüdlich für die European Gay and Lesbian Sports Federation stark machte, manchen FIFA-Funktionären die Rote Karte gezeigt. Zum Beispiel wenn diese ihm eine Prostituierte mit Champagner aufs Zimmer schickten, um zu testen, ob »der Schwule« nicht doch »umkippt«. Oder wenn es jemand nett mit ihm meinte und sagte: »Toll. Denken Sie doch mal umgekehrt. Ich darf nicht bei den Mädchen unter die Dusche.«

Es war unfassbar, wie geduldig John blieb, wenn es darum ging, Fragen zu beantworten, die schon in ihrer Formulierung latent homophobe Einstellungen offenbarten.

John hatte da schon anderes erlebt. In unseren BAFF-Talks erzählte er, dass sein Bekenntnis zur Homosexualität ihn die Teilnahme an der WM 1990 gekostet habe. 1987 wollte ihn ein Funktionär des Weltverbandes in Kanada im FIFA-Anzug in einer Schwulenbar gesehen haben. »Dass ich schwul bin, ist ja nicht schlimm, haben die gesagt. Aber im FIFA-Anzug in der schwulen Öffentlichkeit? Das geht nicht.« John entgegnete damals: »Bars haben mich nie interessiert und schon gar nicht würde ich jemals in einer Schwulenbar einen FIFA-Anzug tragen. Es ist doch wenig sexy und wäre völlig aussichtslos zu versuchen, dort damit gut anzukommen. Und außerdem: Welcher FIFA-Funktionär war denn noch dort und hat mich erkannt?« Seine Frage blieb unbeantwortet.

»Tonight’s ref is gay«

1994 berief die UEFA John zum Champions League-Finale FC Barcelona gegen AC Milan. Das empörte den Mailänder Klubchef Silvio Berlusconi, weil John wie ein Teil des Barcelona-Teams und Trainer Johan Cruyff Niederländer war. Die »La Gazzetta dello Sport« kochte die Geschichte hoch: Ein Barca-freundlicher Niederländer, und dazu auch noch schwul. Morddrohungen folgten. Er wollte trotzdem pfeifen. Doch kurzerhand ersetzte die UEFA den verdutzten John durch einen anderen Referee. »Angeblich zu meinem eigenen Schutz. Aber ich weiß, dass es nicht nur um meine Staatsangehörigkeit ging«, war er sich sicher. »Und das Honorar«, witzelte er, »musste ich auch zurück überweisen.«

Vom Länderspiel England gegen Dänemark 1992 kannte John ähnliche Stimmungsmache bereits. Auf der Bühne kramte er einen alten »Daily Mirror« mit der Überschrift »Tonight’s ref is gay!« und »Verhaltenstipps« für die englischen Spieler aus seiner Tasche.

Hoffen auf Veränderung

»Ich kenne fünf holländische Profis, die schwul sind, aus Angst haben sie sich allerdings eine Scheinexistenz mit Frau und Kind aufgebaut«, zitierte ihn die »Buersche Zeitung« nach seiner ersten BAFF-Talkrunde 2003 in Gelsenkirchen. Trotzdem führten die Spieler ein schwules Doppelleben in Angst. Für einige wurde John zum väterlichen Berater.

Im November 2006 wollten wir uns in Den Haag treffen, um zu plaudern und seine Biografie anzuschieben, die er mit Thomas Ernst und mir nieder schreiben wollte. Doch John Blankenstein, den wichtigsten Schiedsrichter der Welt, rissen am 25. August die Folgen eines Nierenleidens aus dem Leben, im Alter von 57 Jahren. Er starb in dem Jahr, in dem die UEFA endlich das Schweigen zur Homophobie brach und ihn als Redner zu ihrer »Unite Against Racism«-Konferenz nach Barcelona einlud. Als ich John dort im Stadion Camp Nou zum letzten Mal sah, sprühte er voller Hoffnung für einen offenen Umgang mit Homosexualität im Fußball. Liebe UEFA-Funktionäre, bitte enttäuschen Sie ihn nicht!