Presse

Themenwoche: "Das Geheimnis des Heinz Bonn"
(ballesterer, Wien, 10.10.2006)


von Carsten Germann

Heinz Bonn galt in den 70er-Jahren als knallharter Verteidiger des Hamburger SV. Erst sein tragischer Tod enthüllte seine Homosexualität. Ein Bericht über einen von Verletzungen zermürbten Profi, der an der Angst vor dem Outing zerbrach.

Die Endstation war eine schäbige Ein-Zimmer-Wohnung. Am 5. Dezember 1991 musste sich die Polizei in der niedersächsischen Landeshauptstadt Hannover gewaltsamen Zugang zu einem Apartment verschaffen. Die Nachbarn hatten sich über den eigenartigen Geruch beschwert, der aus der Nebenwohnung drang. Gefunden wurde die Leiche eines Mannes, des ehemaligen Bundesliga-Profis Heinz Bonn. Er war erstochen worden und die kriminaltechnischen Untersuchungen ergaben, dass Bonn bereits mehr als eine Woche tot in der Wohnung gelegen hatte. Das tragische Ende eines innerlich völlig zerrissenen Fußballers: Ermordet, wie sich herausstellte, von einem Strichjungen, dessen Bluttat Bonns Homosexualität und seine Kontakte ins Milieu ans Licht brachte.

Sie nannten ihn Heinrich

Heinz Bonn, geboren am 27. Januar 1947 im Siegerland, kam 1970 zum Hamburger SV. Zuvor hatte der Junge mit der Beatles-Frisur beim Wuppertaler SV und bei den Sportfreunden Siegen auf sich aufmerksam gemacht. »Bonni«, dessen Vorbild Berti Vogts hieß, galt zu Beginn der 70er-Jahre als hoffnungsvolles Talent für die Defensive. HSV-Trainer Klaus Ochs bezeichnete ihn einmal als einen »unruhigen Geist, der keine Geduld besitzt und leidenschaftlich gern Fußball spielt.« Mitunter zu leidenschaftlich. Rudi Kargus (54), ehemaliger HSV-Torhüter und in der Saison 1972/73 gemeinsam mit Bonn bei den Hamburgern, erinnert sich: »Der Heinz«, so der einstige Klassekeeper zum ballestererfm, »war auf dem Platz ein knallharter Typ. Er hat alles abgegrätscht, was nicht rechtzeitig nach oben kam.« Beim HSV holte sich Heinz Bonn im Team rasch den Spitznamen »Eisenfuß« ab, die Fans riefen ihn »Heinrich«. Rudi Kargus, der »nur wenige Erinnerungen« an Heinz Bonn hat, ist vor allem dessen riesiges Verletzungspech im Gedächtnis geblieben.

Bonns Leidensweg begann am 26. September 1970. Der HSV verlor mit 1:8 beim Außenseiter Rot-Weiß Oberhausen, die höchste Auswärtsniederlage der Hansestädter in mehr als 40 Jahren Bundesliga. Heinz Bonn musste mit angerissenem Meniskus raus, verschob aber die dringend notwendige Operation und trainierte stattdessen gegen den Rat des Vereinsarztes weiter wie ein Besessener. Auch kurz nach dem ersten ärztlichen Eingriff begann er zu früh mit dem Training. Ein verhängnisvoller Fehler, der sein Karriereende einleiten sollte.

Der »Kicker« zog im Mai 1972 eine traurige Bilanz: »Vier Mal operiert, 55 Mal punktiert und der Verzweiflung nahe – hätte Heinz Bonn schon nach der ersten Operation auf den Arzt gehört und nur das beim Training gemacht, was ihm erlaubt worden war, wären ihm die übrigen Operationen wahrscheinlich erspart geblieben. Sogar die Fußballschuhe und den Ball musste man beim HSV vor ihm verstecken, wenn er allein zum Training kam.« Der Journalist Jupp Wolff berichtete im September 1970 ebenfalls im »Kicker« über Heinz Bonn, dass er »auch drei Mal täglich trainiert, wenn es verlangt würde.« Und Rudi Kargus ergänzt: »Heinz war immer hart gegen sich selbst und gegen Andere, er hatte einerseits stets mit Knieproblemen zu kämpfen, ließ sich andererseits aber nie etwas anmerken.«

Heimweh nach Hamburg

Angst, so erzählte Heinz Bonn im August 1970 der Hamburger »Morgenpost«, habe er nur vor dem Zahnarzt. Kaum vorstellbar, dass so ein harter Knochen schwul sein konnte. »Gerüchte, wonach Heinz Bonn homosexuell sei, gab es während seiner Zeit beim HSV nie, auch nicht im Umfeld«, stellt Jürgen Schnitgerhans, seit vielen Jahren Sport-Ressortleiter bei der »Bild«-Zeitung in Hamburg, klar: »Das ist alles erst nach seiner Ermordung herausgekommen.«

Der HSV hatte bereits 1973 genug von ihm. Nach nur 13 Bundesliga-Einsätzen und drei Europacupspielen im Trikot mit der Raute wechselte Bonn zur damals zweitklassigen Arminia nach Bielefeld. Hier, in der ostwestfälischen Provinz, kassierte er zwar wesentlich mehr Gehalt als in Hamburg, wurde aber vom Heimweh geplagt. Auch die Angst vor dem Outing blieb. »Ich möcht` zu Fuß nach Hamburg geh`n« – diese Überschrift eines Artikels in der »Morgenpost« vom 15. März 1973 klang wie ein Hilferuf. Heinz Bonn (»Ich laufe hier herum wie ein Blindgänger«) war inzwischen zum fünften Mal am Knie operiert und zum 80. Mal punktiert worden. Er hauste in einer Ein-Zimmer-Wohnung über einer Gaststätte. »Es ist ein Wunder, dass mich die Mäuse noch nicht besucht haben«, klagte er der Presse sein Leid. »Alle 14 Tage«, erzählte Bonn damals, »fahre ich rauf, das ist doch wohl klar.« Dass sein Heimweh andere Gründe haben könnte, als die Hoffnung, wieder in Hamburg Fußball spielen zu können, ließ sich höchstens zwischen den Zeilen herauslesen. Bonn dachte angesichts seiner nicht enden wollenden Verletzungsmisere 1973 sogar an eine Rückkehr in seinen alten Beruf. Er wollte wieder als Metzger arbeiten, doch auch dieser Plan zerschlug sich. Er begann zu trinken, beendete 1986 still und leise seine Karriere. Danach verlor sich die Spur.

Posthumes Outing

Die Ermordung von Heinz Bonn deckte sein bizarres Doppelleben zwischen der heilen Fußballwelt der 70er-Jahre und der schillernden Halbwelt der Schwulenbars im Hamburger Bahnhofsviertel St. Georg auf. Gleichsam ein posthumes Outing. Mit spätem Widerhall in den Medien. Erst im Juni 2006 nannte das Szene-Magazin »Rainbow Online« den Fall Heinz Bonn in einem Essay über Homosexualität und Sport neben dem Selbstmord des englischen Profis Justin Fashanu als Musterbeispiel für die Angst vor dem Bekenntnis zur eigenen Homosexualität. »Es ist schwer zu sagen, was bei einem Outing passiert wäre«, sagt Rudi Kargus heute. »In der Fußball-Gesellschaft der 70er galt Schwulsein beinahe als unvorstellbar und eine Enthüllung hätte sicherlich großes Aufsehen erregt.« Erst recht bei dem bis heute als konservativ geltenden Hamburger SV.

Soweit kam es jedoch nicht. Bonns einsamer Tod löste im deutschen Blätterwald weder eine Welle der Bestürzung noch eine Debatte um Fußballer und Homosexualität aus. Im Fußball-Deutschland des Jahres 1991 mit der noch immer anhaltenden Euphorie nach dem WM-Titelgewinn von 1990 und der souveränen Qualifikation für die EM in Schweden war der Fall Heinz Bonn den meisten Medien nicht mehr als eine Kurzmeldung wert. Eine Marginalie.