Presse

Themenwoche: "Darüber reden"
(ballesterer, Wien, 10.10.2006)


von Helmut Neundlinger

Lesbische Kickerinnen erleben den Alltag oft als Gratwanderung zwischen Klischee und Wirklichkeit. Anmerkungen von zu einem (gar nicht so) schwierigen Verhältnis.

Lange frönte Barbara Zach ihrer Fußballpassion an zwei vom Zentrum des Geschehens weit entfernten Orten: im Tor und vor dem Fernseher. In den Siebzigern spielt die heute 37-jährige Juristin als einziges Mädchen in ihrem Heimatort Feldbach in der Steiermark mit den Buben auf der Wiese – immer als Torhüterin, »weil frau da am wenigsten im Weg steht«. Der Erfolg des österreichischen Nationalteams bei der WM 1978 euphorisiert Zach dermaßen, dass sie beschließt, ein Mädchenteam zu gründen: »Leider habe ich nicht mehr als fünf oder sechs Freundinnen dafür begeistern können, und so ist daraus nicht viel geworden.«

Die Leidenschaft fürs Leder lässt Zach sich dadurch aber nicht nehmen und verfolgt für die nächsten 25 Jahre das ballesterische Geschehen als Fan vor dem Schirm. Nur die Champions League-Auftritte von Sturm Graz bringen sie das eine oder andere Mal ins Stadion. Die dort herrschende aggressive Stimmung scheut sie eher, auch wenn sie keine persönlichen Erfahrungen mit Homophobie in der Kurve gemacht: »Dass das existiert, weiß ich allerdings zur Genüge aus den Medien.«

»Bei uns wird das nicht verheimlicht«


Aktiv zurück im Fußball ist Barbara Zach erst seit kurzem. Im Herbst dribbelte sie regelmäßig mit den »Ballerinas«, einem von zwei lesbischen Hobbyteams in Wien. Ihre Fähigkeiten fanden solchen Anklang, dass sie von einer Kollegin gleich zu einem Verein gehievt wurde. Seit dem Frühjahr spielt sie in der zweiten Bundesliga bei Guntramsdorf, einem kleinen Ort nahe Wiener Neudorf – als Libera, wie sie betont, und nicht als Torfrau. In ihrem Team liege der Anteil der lesbischen Kolleginnen bei ca. 35 Prozent, erzählt Zach. »Bei uns wird das nicht verheimlicht, sondern offen gelebt. Wir haben sogar ein Pärchen im Team, und bei den Vereinsfeiern nehme ich auch meine Freundin mit.« Viel geredet wird darüber aber nicht. »Nur von den Jüngeren kommen Fragen, wie das so sei, und nach dem vierten Bier manchmal die vorsichtige Mutmaßung: ‚Na, vielleicht bin ich doch bi‘.«

In der ländlichen Atmosphäre hält sie »die Anwesenheit des Faktischen« für weitaus Ziel führender als offensive Thematisierung. Nur einmal, als sie als Assistentin an der Linie einspringen musste, wurde sie stutzig: Zwei Zuschauerinnen bemängelten das Zweikampfverhalten am Platz. »Auf die Bemerkung der einen: ‚No, die attackiert sie ja kaum‘, sagte die andere: ‚Wahrscheinlich ist das ihre Freundin.‘«, erzählt Zach.

Dass das offensive Sichtbarwerden selbst im urbanen Kontext auf zuweilen unüberwindbare Schwellen trifft, musste Zach zur Kenntnis nehmen, als sie für die Regenbogenparade einen Auftritt der Ballerinas in Dressen organisieren wollte: Da sich außer ihr nur zwei weitere Kolleginnen dafür begeistern konnten, musste sie die Sache abblasen.

Verselbstverständlichung gefordert


Ulrike Lunacek, lesbische grüne Nationalratsabgeordnete und als Schwimmerin bei den beiden letzten EuroGames in Kopenhagen und Utrecht insgesamt zehnfache Medaillengewinnerin, sieht in der Praxis einer »Verselbstverständlichung« lesbischen L(i)ebens via Alltag einen notwendigen Schritt. Darüber hinaus hält sie es für unumgänglich, im öffentlichen Diskurs eine Bewusstseinsänderung zu schaffen, um Ängsten vor dem vermeintlich Anderen die phantasmatische Grundlage zu entziehen. »Grad´ neulich habe ich wieder gehört, dass die Freundin einer Freundin ihre Tochter nicht zum Fußball lassen will, weil sie fürchtet, dass ihre Tochter dann lesbisch wird. Abgesehen davon, dass daran nichts Schlimmes ist, finde ich es schade, dass dem Frauenfußball auf diese Art der Nachwuchs verloren geht.«

Für Lunacek liegen die Wurzeln dieser Zuschreibungen nicht zuletzt darin, dass das Fußballspielen den Frauen in Österreich oder Deutschland lange und mit völlig absurden Begründungen verboten war: »Frauen durften seit den Zwanzigerjahren nicht spielen, weil man behauptete, dass ihnen dabei die Gebärmutter verrutschen würde.« Kaum ein Sport wurde und wird als so »unweiblich« empfunden – und gerade dadurch für jene Frauen attraktiv, »die sich nicht am gängigen heterosexuellen Frauenbild orientieren«.

Beim ÖFB nicht auf der Agenda


Die öffentliche Debatte über Homosexualität im Sport würde Lunacek am liebsten dort beginnen, wo sie eben nicht geführt wird: im Männerfußball, dessen ritualisierte Homoerotik ihrer Ansicht nach kaum zu übersehen ist. Sie wünscht sich mehr Initiative von Seiten des ÖFB, auch um die Vereine und einzelnen Spieler und Spielerinnen zu unterstützen und zu entlasten.

Barbara Zach beurteilt die Möglichkeiten in Bezug auf den Verband jedoch nüchtern: »Da sitzen doch auch in der Frauenkommission vermutlich hauptsächlich 50-jährige Männer, die das Wort ‚Lesbe‘ nicht mal in den Mund nehmen würden.« Dem ist entgegenzuhalten, dass diese zurzeit mit jeweils drei Frauen und drei Männern besetzt. Trotzdem verstärkt eine Anfrage beim Verband den Eindruck, dass die von Lunacek geforderte Bewusstseinsarbeit gerade in den Institutionen noch geleistet werden muss. ÖFB-Sprecher Peter Klinglmüller meint, aus seiner Sicht sei Homosexualität in der Gesellschaft und im Fußball weitgehend enttabuisiert; insofern stünde das Thema derzeit auch nicht auf der Agenda. »In meinen sechs Jahren als Pressesprecher bei Rapid und drei Monaten beim ÖFB ist an mich noch niemand mit der Meinung herangetreten, dass man da etwas machen muss. Aber ich glaube nicht, dass der ÖFB damit ein grundsätzliches Problem hätte.« Bleibt abzuwarten, wie sich die Dinge entwickeln, wenn tatsächlich einmal die Gretchenfrage gestellt wird.